Brasiliens neuer Präsident

Eine neue Periode det brasilianischen Geschichte hat begonnen Fünfzehn lahre lang kannten die Brasilianer keinen treigewählten Staatspräsidenten. Fünfzehn lahre lang, von 1930 bis 1945, regierte der Führer einer bewaffneten Erhebung. Getulio Vargas, ohne daß er auch nur einmal den Wähiermassen die Möglichkeit geboten hätte, der Regierung ihr Vertrauen auszusprechen oder zu versagen. Die Feinde von Getulio Vargas haben daraus die Folgerung gezogen, daß hinter dem „Diktator" keine Volksmemung stünde, ebenso wie hinter ihm keine Partei stand.

Selbst die „Integrahsten" eine kleine Gruppe von Menschen, die von den verschiedensten sozialen und wmscfaalthchen Retormideen durchdrungen war splitterte steh voo Vargas ab, nachdem sie versucht hatte, ihn auf dem Wege der Umgestaltung Brasiliens vorwärts zß drangen und von ihm mit Waffengewalt aiedergeschSagen worden war. Wer stand himer Vargas? Die Wahlen vom 2 Dezember 1941 haben die Antwort gegeben. Die überwältigende Mehrheit der Brasilianer hat sich für die Partei ausgesprochen, die auch zu Vargas stand und die General Caspar Dutra za ihrem Bannerträger erkoren hatte.

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Wenn auch keine Massen hinter Vargas standen, so umgaben ihn doch verschiedene Persönlichkeiten, die iede für sich ein Programm darstellten, und m Brasilien gelten die Männer mehr als die Theorien Fünf Gestalten bestimmten die brasilianische Politik der letzten fünfzehn Jahre. Da stand einmal die Armee, vertreten durch den damaligen Knegsnumster, Gaspar Dutra und den Generalstabschef Goes Monteiro Ihre Feinde haben diesen Männern vorgeworfen, starr auf eine Militärdiktatur hinzusteuern und m der Außenpolitik durch große Waffenbestellungen m Deutschland vor dem Krieg die Haltung Brasiliens beeinflußt zu haben. Als Vargas im Februar 1942 die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland abbrach, da erschienen in nordamerikanisehen Zeitungen Gerüchte, daß beide Soldaten ihren Rücktntf angeboten hätten und nur mühsam durch Vargas durch seinen Appell an die persönliche Freundschaft zum Bleiben bewegen worden wären. Während des bestätigt.

Ihnen gegenüber stand der Außenminister Oswaldo Aranha, der eigentliche Kopf der Revolution von 1939, die Vargas an die Macht brachte. Beide, Aranhawie Vargas, stammen aus dem Viehzüchterstaat Rio Grande do Sul, wo Vargas 1930 die entscheidende Stellung des Staatspräsidenten innehatte, die die Befehlsgewalt über die einzelstaatlicfaen Truppen einschließt. Aranha war stets ein Vertreter, der demokratischen Ideale, und er wurde es noch stärker nach einem Besuch in den Vereinigten Staaten !938. Er war die treibende Kraft, daß Brasilien 1942 die Führung der südamerikanischen Republiken übernahm und den Abbruci der diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten herbeiführte.

Vargas war so hätte er sich wohl gegen die Soldaten nicht durchzusetzen vermocht, wenn er nicht eine wertvolle Unterstützung in General Gomes, dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, gefunden bätt Dieser wußte, daß er seine Luftwaffe nur in enge Zusammenarbeit mit Nordamerika ausbauen konrte Sein Werk war es, daß die große Luftverkehriverbindung über den Südatlantik von den Flugplätzen Nordostbrasiliens aus insbesondere von Natal und Recife, hervorragend arbeitete und nichi unbeträchtlich zu den alliierten Siegen in Nowafrika beitrug Alle wichtigen Flüge von Ameika nach Afrika, etwa nach Casablanca haben diesen Weg genommen Der Dritte im Bunde, der Brasilien in die Reihen der Demokratien geführt hat, war der Gouverneur des Staates Rio de laneiro Peixoto der Schwiegersohn von Vatgas Dessen Tochter Alzira hat dem Dreurbund das Ohr ihres Vaters verschafft. Sie lebte m einem geistig sehr angeregten, weltoffenen Kreise, dem u a der Dichter Stefan Zweig und die chilenische Djtttenn Gabriela Mistral die NobeJpreisträgenn des iahres L945, angehörten. Ihre geisrgen Interessen und ihr Temperament führten sie in die Front der Freiheit und Demokratie Es war verständlich daß der Gegensatz zwischen innenpolitisch und außenpolitischer Stellungaahrre Spannungen hervonpfen mußte Die Freunde der Demokratie drängten Vargas bereits während des Krieges die Diktatur aufzugeben und Wahlen zuzuassen, die m der geltenden Verfassung des Jahres 1937 ausdrücklich versprochen waren Vargas wich aus Er versprach Wahlen nach dem Kriege, er bitte kein Zutrauen zu den Massen Im September 1944 schied Aranha aus der Leitung der Außenpolitik aus, und zwar wegen innenpolitscher Unstimmigkeiten Er beglückwünschte die Studenten, die Wahlen verlangten, und es schiel vorübergehend, als ob er die Führung der demckratischen Kreise übernehmen würde. Als jedo<h Vargas Ende 1945 durch einen Putsch gestürzt wurde, stellten die vereinten demokratischer Kräfte den Genera) Gome als Gegenkandidaten gegen Gaspar Dutra auf Vargas icdoch zog es vor, in den Hintergrund zu treten Er ließ sich zum Senator für Rio Grande do Sul wählen und forderte seine Anhänger auf für Gaspar Dutra zu stimmen Dieser erhielt von 6 Millionen Stirnnen über die Hälfte und eine Million mehr als s:m stärkster Gegenkandidat General Gomes. Die Kommunisten erhielten rund eine halbe Million Stimnen.

Zweifellos enthalten diese Wahlen nachträglich die Rechtfertigung von Vargas, aber zugleich die glattf Ablehnung derjenigen Gruppe seiner Mitarbeiter, die an der Innenpolitik des „Diktators" dauernd Kritik übten Das bedeutet nicht, daß der neue Staatspräsident die Außenpolitik der vorangegangenen Jahre abbrechen wird. In seiner ErPolitik der Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika und insbesondere mit der UNO weiterzuführen Die brasilianische Außenpolitik wird jedoch einen neuen Kurs verfolgen, soweit südamerikanische Fragen angeschnitten werden Das wird deutlich sichtbar werden, wenn im März die Panamerikanische Konferenz in Bogota zusammentreten wird; denn Brasilien wird zu Argentinien ein neues und sicher herzlicheres Verhältnis gewinnen Mit einer OberSäche, die die Hälfte Südamerikas bedeckt, und einer Bevölkerung die ebenfalls die Hälfte der Gesamtbevötkerung Südamerikas erreicht, genießt Brasilien eine besondere Stellung als Sprecher dieses Erdteils Bei den vorbereitenden Beratungen für die Konferenz von San Franzisko, die vor einem Jahr m Mexiko stattfanden, hat Brasilien die Anregung eines regionalen Zusammenschlusses der südamerikanischen Republiken vertreten Pressemeldungen wollten sogar wissen, daß die Vereinigten Staaten Brasilien einen sechsten ständige Sitz im Weltsicherheitsfat 1s Ausgleich für den Verweht auf das Bestehen der geplante regionalen Lösung angeboten hätten. In San Franzisko selbst ist v on derartigen Plänen nicht mehr die Rede gewesen; immerhin zeigt diese Nachritt, welche Bedeutung der Großmacht Brasilien heute in der Welt zugebilligt wird Die neue Regierung wird durch einen starken Aufbauwillen getragen; insbesondere steht die Industrialisierung für sie im Vordergrund Die Schwerindustrie die in Volta Redonda aufgebaut wurde, wird dem ganzen Land einen mächtigen Ansporn geben Bereits in den Jahre vor dem Krieg hat sich das äußere Gesicht Brasiliens, insbesondere der beiden großen Städte Rio de Janeiro und SSo Paulo erstaunlich gewandelt Wolkenkratzer sind entstanden, Autokolonne fuhren in fast endloser Folge durch die hellerleuchteten Straßen der Städte, Reichtum blühte auf Wenn auch die kriegerischer) Einflüsse, insbesondere die Knappheit an Brenn und Treibstoffen, schwere Einschränkungen brachte, so dürfte Brasilien bald diese Rückschläge überwunden haben. Aus dem kolonialen Rohstoff- und Kafieelaad wird ein moderner, auf sich selbst ruhender Staat Seine Außenhandelsbeziehungen werden dadurch nicht schwächer, sondern verstärkt werden.

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