Bunkermenschen

Manchmal, beim Vorübergehen, blicken sie in erleuchtete Fenster. Sie sehen vielleicht einen runden Tisch, ein Stück Bücherregal, ein Stück Tapete. Sie sehen ein paar Quadratmeter eines freien Raumes, auf dem sich keine Menschen drängen. Sie spüren die Atmosphäre von Freiheit innerhalb vier behüteter Wände. Und sie haben dabei das würgende Gefühl von Hungernden, die an einem gefüllten Bäckerladen vorüberkommen. Dann gehen sie „heim" in den Bunker. Am Eingang hängt noch die Verordnung über das Verhalten bei Fliegeralarm. Obwohl diese Zeiten lange genug vergangen sind, hat man versäumt, den Aushang wegzunehmen. Vielleicht aus Gleichgültigkeit, vielleicht aber auch, weil sich niemand berechtigt dazu fühlte in diesem Kreise der Unberechtigten Überhaupt ist das Interesse allgemein ganz anders, das man täglich dem nächsten Aushang entgegenbringt: den Portionen der Nahrungsmittelzuteilung Da wird von „Kalt und „Warmverpflegung" und von „Kaffeefassen" gesprochen, als sei man beim Militär Sie leben auch kartenlos wie beim Militär, die Bunkerleute, aber es ist sicher, daß sie die gleichen Verpflegungssätze erhalten, die steh die anderen Menschen, die Wohnungs- oder Unterkunftbesitzenden, in ihret mehr oder minder bürgerlichen Freiheit auf Karten kaufen können. Daneben wird zweimal täglich heißes Wasser" angekündigt, als sei auch dies ein Nahrungsmittel. Das dritte Plakat am Bunkereingang ab&i ist die Ankündigung emer Puppenhandbühne, die für Bunkerinsassen billige Karten oder gar Freiplätze bereithält So scheint es daß ein einziger für die Leute tm Bunker noch etwas übrig hat, und dies ist das Kasperle.

Das nächste ist, daß man eine Wendeltreppe hinaufgeht oder hinauf stolpert, dennes ist ziemlich dunkel, weil irgendwer Wieder einmal eine Glühbirne hat mitgehen heißen „Ihr die ihr eintretet ", steht in Kreideschrift an der Wand So wen kam der dantekundige Wandschreiber, als man ihn überraschte. Jetzt liegt er auf der Holzbank und hat Husten in Zimmer l, linker Hand, im ersten Stock des Hochbunkers.

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Eine geradegeschnittene Bretterwand und eine runde Außenmauer An der Bretterwand Mäntel, Kleider, leere Rucksäcke; an der Außenmauei rinnt das Wasser. Fenster sind nicht vorhanden, und die Luft ist dick, als könne man sie in Scheiben schneiden mit diesem rostigen Messer dort auf dem Schemel aeben dei Bank, auf der det hustende alte Mann liegt Der gleiche weiße Vollbart eines Patriarchen aus den Büchern Wie aus Büchern, so klingen auch seine Worte.

„Frauf" sagt er. Eine vermummte weibliche Gestalt erhebt sich aus der Ecke, humpelt näher, beugt sich über ihn „Frau", wiederholt er, „eile und sage dem Hoteldirektor, daß im Falle der Unmöglichkeit, die Toilettenzustände zu verbessern, ich mit meiner ganzen Suite ausziehen werde aus dem wohlrenommierten Hausei" Jeder Bunkerraum hat eine eigene Toilette, die morgens gesäubert wird Aber was nützt es, wenn in ledern Raum so viele Menschen hausen, daß man um die Worte des Alten zu wiederholen, „niemals den betreffenden Übeltäter faßt, der mangels Sauberkeit und Papier und so weiter Er sagt: „Zuerst ist man sittlich entrüstet und zutiefst erbost aber schließlich Was wollen Siel Bunkermenschen" Er sagt es nicht wegwerfend oder verächtlich, er spricht es wie eine wissenschaftliche Artbezeichnung aus, als handele es sich um eine neue Spezies Mensch. Er bebt seinen Zeigefinger: „Was macht em Tiet, wenn sie es zwei Tage jagen? Es fällt am und ist tot Der Mensch aber läuft werter Ei ist konstruiert, Schlimmeres zu ertragen als irgendein Lebewesen auf dieser Erde Er gewöhnt sieh etn Hat er keine Wohnung, so kann et sogar m einem Bunker leben. Et kann es, weil er nicht allein ein denkendes, also ein mißtrauisches, sondern, vielmehr noch ein hoffendes Lebewesen ist " In der Tat, als in diesem Bunker vor einigen Monaten den siebenhundert Insassen anheimgestellt wurde, in ein Barackenlager zu ziehen, nahmen nur achtzig den Vorschlag an, die übrigen blieben. „Und das ist selbstverständlich", ereiferte sich der Alte, „wir hatten natürlich das Empßnden, als sollte uns mit der Aussicht auf das Barackenlager etwas eingeredet werden. Ausgerechnet beim Winteranfang! Nein, wir blieben im Bunker, dessen Leiden uns wenigstens vertraut sind " War er nicht mehr gewöhnt, so lange Sätze zu sprechen? Jedenfalls dei Husten überfiel ihn mit solcher Tücke, daß das gutgeschnittene Greisengesicht rot vor Anstrengung wurde und daß aus den halbdunklen Winkeln des Raumes kleine GeItalien ängstlich hervorquollen, die sich nun um das Lager des Patriarchen versammelten. Es waren seine sechs Enkel und Enkelinnen, die er aus der russischen Zone mitgebracht hatte (Wo ihre Eltern waren, wußten sie nicht ) Dies also war seine Suite. Ein Anblick von besorgtem Gewimmel kleiner flachköpfiger Menschen, ein Bild, das unter der einzigen dürftigen Glühbirne um so rührender wirkte, als man die Suite des Patriarchen jetzt mühelos unterschied von den anderen, wort- und bewegungslos sitzenden großen und kleinen Leuten, die still auf irgend etwas zu warten schienen, vielleicht ohne zu wissen, auf was sie eigentlich noch warten sollten.

Unten, im Erdgeschoß, arbeitet als Rote KreuzSchwester eine junge Arzttrau, Flüchtling gleich den Insassen des Bunkers. Sie sagt, daß sie es nicht gern sieht, wenn die bei neu eingetroffenen Bunkermensdien auffällige Unruhe allmählich aus den Gesichtern schwindet und dem Ausdruck geduldigen Wartens Platz macht Sie hat es sogar lieber, wenn hie und da geschimpft wird, wenigstens solange die Unruhe nicht in Burrkerkoller", in eine hemmungslose Nervosität und plötzliche Feindschaft aller gegen alle ausartet „Solange sie unruhig sind", sagt die Arztfrau, „laufen sie noch umher und versuchen Arbeit, Aufenthaltsrecht und eine Unterkunft zu finden Viele gehen planvoll vor und schaffen es. Andere klopfen, wo sie zufällig ein erleuchtetes Fenster sehen, au die fremden Wohnungstüren und bitten um einen Wohnraum als bettelten sie um Brot Wennsie abgewiesen und wieder abgewiesen wurden, beginnen sie stumpf zu werden und blindlings zn warten. Ach, diese erleuchteten Fenster fremder Wohnungen!" Sie lädielt schmerzlich, doch ohne Neid obwohl sie doch gleich den anderen im Bunker lebt. Es war aber auch das einzig neidlos lächelnde Gesicht, das Ich an diesem Tage sah, wenn das Gespräch auf die Womungen der anderen, stadteingesessenen Bürger kam. Mag freilich sein, daß ihr Lächeln nicht nur ein Spiegel der Gedanken, sondern auch ein Beispiel, ein Vorlächeln war. Immerhin, ein helles Geächt, das mehr leuchtet als alle die trüben BuflkergJühlampen zusammen.

Ei gab allerdings auch Augenblicke, da diese Idedistm tief enttäuscht wurde. War sie es nicht, die sich gemeinsam mit dem „Bunkerwart" sogar Gecanken darüber gemacht hatte, daß allein schön dunh die Auswahl der „Zimmerbelegschaft" allen Bunkerzwangsgästen geholfen werden könne? So hatten sie im oberen Stockwerk lauter junge Mädel untergebracht. Ein Stockwerk tiefer waren zwei kleinere Räume, „Durchgang" genannt, in denen reismde Gäste einquartiert wurden, sozusagen ein Hoelersatz. Und da nun kamen „flotte Mannsbild:r aus das Stadt", wie der Patriarch sie nannte, auf die Idee, sich nur im Schein einzuquartieren und sieh, sobald es einigermaßen still im Bunker geworden war, zum oberen Stockwerk hinaufzuschldchen, zu den fungmädchenräumen In diesen Näaten und an den Tagen hernach wurde dann so Betont von „Bunkermoral" gesprochen, daß es verveinte Augen gab. Ja, Jetzt schien es, als hätte sogsr die junge Arztfrau den Glauben an die Güte dies:r Welt endgültig verloren Allein der Patriarch meinte, dies sei vornehmlich als ein Zeichen zu nehmen, daß es bald Frühling würde Und überhäuft, dann würde man 1a weitersehenl Dieses „Man wird weiter Sehen" ist eine ständige Bumersentenz. Die Bunkermenschen haben diesen Satz gesagt, als sie hier eintraten; sie baben den Bun<er mit seinen harten Holzbänken, die statt dei Betten als Lagerstatt dienen, mit setner dumpfen Luft und seiner Dunkelheit als ein Proviso ium hingenommen und sind dann darin steckengeblieben Als eine Frau, die aus dei russischen Zone kam und ursprünglich die Idee hatte, in ihre westdeutsche Heimat zu fahren ein paar Buntdrucke an die Bunkerwände hing, protestierten die Leidensgenossen auf das nachdrücklichste Bilder an den Wänden, weichet Wahnsinn! Es wäre ja der Versuch, aus dem Bunker ein Heim zu machen. Es wäre ja ein Symptom für eine schier größenwahnsinnige Sucht, den Lebensstandard zu heben. Das wird abgelehnt, denn jedem leuchtet es ein, was ein einbeiniger ehemaliger Soldat, Bunkermensch seit zwei Monaten, ausführte: ,Laßt den Bunker so grau wie möglich! Wer hier herumputzt mit Vasen für Papierblumen und Bildern und so nem, Kram, der verrät bloß dajf er Angst hat, hier nie wieder herauszukommen" Papierblumen und Bilder als Merkmal des Pessimismus! So ist es, wenn die Bunkermenschen reden. Was aber erst wenn sie schweigen, wenn sie schlafen! Wie sie in den Bunkernächten durcheinanderliegen, diese in stickige Kleider" und Mäntel gehüllten Gestalten! Was alles sie halbartikuliert und flüsternd oder laut und vernehmlich, weinend und schimpfend durcheinanderträumen! Bunkerleute sind am Tage unterwegs, solange das Schuhwerk aushält, aber nachts sind sie versammelt und träumen laut und ohne Scham Verschwiegene und heimliche Gedanken liegen vor allen offenbar Niemals das Glück von etwas Einsamkeit, selbst nicht in kleinsten Portionen „Von den Nächten wollen wir nicht reden", sagen die Bunkermenschen Wie sagte der hustende Patriarch? ,Die Bunkermenschen sind Verurteilte für Verbrechen die sie nicht begangen haben Ebenso ungerecht wie Are Verurteilung ist auch ihr Freispruch Junge Leute ohne Anhang kommen leichter frei Alte Leutchen oder Frauen mit Kindern bleiben sitzen Wer solltesie aufnehmen? Warten wir also, bis es uns tatsächlich gelingt, die dicke Luft in Scheiben zu schneiden und sie photographiert der Allgemeinheit zur Schau zu stellen Warten wirf" Doch manchmal, im Vorübergehen, blicken die Bunkermenschen in erleuchtete Fenster .

 
  • Quelle DIE ZEIT, 21.2.1946 Nr. 01
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