Dürfen wir hoffen?

Rings um uns liegt eine Welt in Trümmern. Sechs Jahre wurde nur für den Tod und die Vernichtung gearbeitet. Die Güter dieser Erde, die unser Leben erleichtern und verschönern sollten, wurden zerbombt, zerschossen, verbrannt und zerstört. Werden wir Lebenden noch einmal sehen, wie die Ruinen beseitigt, die Wirtschaft wieder aufgebaut, die Güter des Lebens in früherer Fülle wieder angeboten werden? Manchem erscheint diese Aufgabe allzu schwer, als daß er ihre Bewältigung Erleben könnte. Damit verliert erden inneren Antrieb; sich einzuschalten, mitzuarbeiten, denn der Mut verläßt ihn angesichts der übergroßen Schwierigkeiten.

Eines ist jedem Einsichtigen klar: Wenn wir gzwungen wären, den Wiederaufbau ganz aus eigener Kraft zu bewältigen, dazu noch belastet mit den Reparationsleistungen, ohne die Werke und Anlagen, die von den wenigen, die übrig geblieben sind, noch ausgebaut oder zerstört werden, dann ist das Ende des deutschen Wiederaufbaus nicht abzusehen. Es kommt daher entcheidend darauf an, wie sich die wirtschaftlichen Verhältnisse während des Krieges außerhalb der deutschen Grenzen verändert haben. Sechs Jahre sind wir fast völlig vom Auslande abgeschnitten gewesen, so daß es den meisten schwer fällt, sich auch nur ein allgemeines Bild von den Wandlungen der Weltwirtschaft zu machen, von der nun unser Schicksal in ungewöhnlichem Maße abhängt. ~ "Weaajw von der Welt spreche, dann dürfen wir unsere Blicke nicht nur auf die europäischen Nachbarländer richten, die ebenfalls vom Kriege schwer mitgenommen wurden. Das Schwergewicht der Weitwirtschah hat sich in den letzten Jahren ausgeprägt von Europa weg nach Amerika, insbesondere nach Nordamerika verlagert, und zwar aicbt nur einseitig in dem Sinne daß Europa abgesunken ist. Wichtiger erscheint die ungewöhnliche Zunahme der Produktionskapazität der amerikanischen Wirtschaft. Ihre Leistungsfähigkeit, die bereits vor 1939 sehr groß war, hat sich nahezu verdoppelt. Wir können das mit einigen Zahlen telegen.

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Im Jahre 1929, dem Jahr der größten Wirtchaftsblüte vor dem Kriege, wurde das nordamerikanische Volkseinkommen auf etwas über 80 Milliarden Dollar berechnet. Es ging dann im Krisenjahr 1932 auf 30 Milliarden Dollar zurück, wobei allerdings die Kaufkraft des Dollars wesentlich höher lag. Während des letzten Krieges wurde jedoch das nordamerikanische Volkseinkommen auf 140 Milliarden Dollar im Jahre 1943 und sogar uf 150 Milliarden Dollar im Jahre 1944 er chnet üd die- Kaufktaffi des Dollars war trotz der Abwertung gegenüber dem Golde höher ak im Jahre 1929.

Gewiß sind viele der neuentstandenen Werke Rüstungsbetnebe, die nach Beendigung der Kampfhandlungen ihrem ursprünglichen Zwecke nicht mehr dienen können Die Nordamerikaner erwarten jedoch, daß die technische Entwicklung, die Ausweitung der Zahl der gewerblich Beschäftigten und die neuen Rohstoffanlagen etwa der Aluminiumindustrie, es auch in Friedenszeiten erlauben werden, die gewerbliche Erzeugung so zu steigern, dß das Volkseinkommen die Höhe von 150 Milliarden Dollar wird halten können. Das würde beiewa daÄ 4ie, Vereinigten Staaten allein mehr erzeugen können als die" ganze Welt zusammen im Jahre 1913.

Im Augenblick mag es scheinen, als ob durch den Krieg Lücken gerissen wurden, die in absehbarer Zeit nicht gefüllt werden können. Sobald Jedoch diese gewaltige Produkdonskraft Amerikas für den, Frieden arbeitet, spielen selbst die Milliardenwertei die zerstört wurden, keine entscheidende Roll mehr. Die amerikanische Werkzeugmaschinen- Industrie, die ihre Werkstätten von 1940 auf 1942 mehr als verfünffachte, mag zurzeit damit voll beschäftigt sein, den Umbau der Rüstungsindustrie zur Friedenserzeugung durchzuführen. Ist diese Aufgabe bewältigt, dann wird sie Bestellungen aus aller Welt entgegennehmen können. Aus der industriellen Leistungskraft erwächst die Ausweitung der Landwirtschaft und der Rohstoffrzeugung in aller Welt. Heute mögen wir überall nur die Mangelerscheinungen sehen, weil das Räderwerk des internationalen Warenaustausches verblockt ist. Das darf jedoch den Blick nicht für die vorhandenen Vorräte verschließen, die heute bereits vorhanden sind. In Argentinien liegt die Wollschur von fünf Jahren fast unberührt auf Lager, ebenso sind dte Leinölvorräte sehr groß. In Brasilien haben sich die Kaffeevorräte jahrelang gestapelt Das sind nur Beispiele, die wir leicht vermehren könnten. Dazu kommen die ungeheuren militärischen Vorräte der Kriegführenden, die frei werden, sobald die völlige Bereinigung der politischen Fragen erfolgt ist.

. Stehen dem Wiederaufbau der Weltwirtschaft die modernen Maschinen und Verfahren zur Verfügung, dann wird die Warenerzeugung rascher unehmen, als selbst die ungewöhnliche Nachfrageaus den vom Kriege zerstörten Gebieten. Dazu kommt, daß diese schrittweise ebenfalls in den Aufschwung einbezogen werden. Aus Rußland wird gemeldet, daß das Donezgebiet wieder einen großen Teil seiner früheren Kohlenförderung urückgewonnen hat; Belgien hofft, in wenigen Monaten seine Friedenserzeugung von Kohlen erreicht zu haben. Der zurzeit herrsehende Mangel an Lebensmitteln geht zürn großen Teil auf die idilechten Ernten der südlichen — also vom Kriege unberührten Halbkugel und, die schlechte Zucker, ernte auf Kuba zurück. Das kann sich bereits mit der nächsten Ernte wandeln.

Welche Folgerung dürfen wir für uns ziehen? Gewiß nicht, daß nun der Wiederaufbau sich von flein vollziehen wird, getragen nur von der Wucht der weltwirtschaftlichen Entwicklung zur Überfroduktion. Aber wir sehen eines: Wenn die politischen Voraussetzungen der Zusammenarbeit der Völker wieder gegeben sein werden — und wir He hoffen, daß das einmal der Fall sein wird —, iann werden die materiellen Verhältnisse sich sehr Yiel schneller bessern können, als die meisten unter uns heute fürchten. Die Voraussetzungen sind gegeben, es hängt auch von uns ab, ob wir ie im Rahmen unserer Möglichkeiten werden nützen können. E. S. 1

 
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