Mein Vater

Bei der Kalte der Zimmer tallt es schwer, Gedanken oder Erinnerungen zu sammeln, die gleichsam tot und erstarrt in ihren Verliesen schlummern und nicht lebendig werden wollen.

Zuletzt hörte ich die Stimme meines Vaters aus Agnetendorf durchs Telephon Sie war wie immer weich, klar, warm, deutlich und berichtete, daß eine Reise nach Dresden geplant gewesen sei. Er hatte abgelehnt, da er in Agnetendorf bleiben wollte Ich bestärkte ihn in dieser Absicht, ich war überzeugt, daß die Sturmflut des Krieges an dem einsamen weisen Mann, an dem rastlosen Verkünder menschlichen Leides und Mitleides, dem großen Künstler halten werde. Dann ist er doch gefahren und kurz darauf erlebte er den Untergang von Dresden. Er saß am offenen Fenster und sah von der Anhöhe, von der einst Caspar David Friedrich den schwermütigen Sonnenuntergang gemalt hatte, dem Toben der Dämonen zu. „Wenn ich sterben soll, so will ich m Agnetendorf sterben" waren seine Worte zu einem meiner Freunde der bei ihm war So fuhr er zurück in seine Werkstatt, den Wiesenstein in Agnetendorf. Die Berge liegen um das Haus herum wie große Tiere, di- es bewachen Gewitter, Sturm, Donner, der aus den Tälern widerrolJte sich eiäig folgende Blitze, die das Gebirge fahl erhellten empfingen uns. Vater und Sohn, m der ersten Macht vor sechsundvierzig Jahren Die drei großen in Blei gefaßten Hallenfenster kamen uns wie geblähte Segel entgegen, Scheiben klirrten, Pfannen polterten über das Dach und zerschellten krachend am Boden Wir beide hatten treppauf, treppab zu tun um der drohenden Gefahr Herr zu werden, bis die rasenden Berggeister sich beruhigt hatten. Ostern 1943 fuhr ich das letzte Mal von Hamburg nach Agnetendorf Hier heulten die Sirenen und warnten vor dem Untergang. Menschen fluchteten von Sinnen, in Bunker und Keller Radio Hamburg gab Luftlagemeldungen die in beruhigendem Ton das (ansetzen ankündigten Noch standen Deutschlands zitternde Städte, man fuhr durch eine blühende Landschaft, das unvermeidliche Unheil ahnend. Die Züge waren überfüllt, damals fingen die Ausgebombten an, mit den Geldern der Festrteüungsbehörde nach Wien zu reisen, um sich ein Hemd zu kaufen Auf der Durchreise in Berlin am (jorlitzer Bahnhof früh um sechs Uhr war die Bahnhofssperre belagert, mit Mühe erkämpfte man ch einen Platz im Zug Bei Greifenberp grüßte das alte Gebirge von ferne. Wie oft schon war ich den Weg von Hermsdorf unter den Kynast, der verfallenen Raubritterburg, von deren steil abfallenden Felsen Kunigunde ihre Bewerber mit Mann und Roß in den Abgrund stü zen ließ, nach Agnetendorf hinaufgegangen dem Lauf des Flüßchens Agnete folgend, das von der Landstraße in Windungen umspielt wird Links und rechts mit Schindeln bedeckte Bauernhäuser, die auf Fußwegen übei Wiesen zu erreichen sind, wenn die Straße sie nicht berührt Eine offene Sägemühle, in der die schweren Stämme aus den Bergen von fleißig nagenden Zahnreiheh der Lange nach in Bretter verwandelt werden Einige Gastböfe, Kretschams benannt, verraten die alte Paßstraße nach Böhmen. So wanderte ich in der Erwirtung meinen Vater wiederzusehen.

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Ein strahlender, warmer Frühlingstag umgab uns, die Bäume begannen zu blühen, Schnee auf dem Gebirge belebte die Landschaft und das reine Grün der Wiesen wechselte mit dem rötlichen Ackerboden, Blattknospen sprangen auf Eine Insel des Friedens. Der Achtzigjährige saß in der Sonne, die dunkle Brille vor den Augen, um der Kraft des Gestirns zu begegnen. Er hatte eine Vergiftung überwunden, war nicht so beweglch wie sonst, aber sein Geist strahlte klar und jung wie der Frühlingstag „Wir sind mitten in ler Revolution und müssen abwarten, was dabei herauskommt Es gibt keinen anderen Weg, als die Menschen ihre Dummheiten machen zu lassen Dies waren Worte, die er uns zurief „Mach- ist kein erstrebenswertes Ziel", fuhr es aus rrir heraus „Du bist mein Sohn", erwiderte er. Wr sprachen davon, es sei nicht die Welt zu bessen, er schüttelte den Kopf: „Der völlige Zusamnenbruch, das völlige Versagen der Veltverbessa ungsideen für die Menschheit hat sich eindeutig erwiesen " Ich mache einen Spaziergang naci Schreiberhau, dem Nachbarort, begleitet von den Wellenlinien des Gebirges zur Linken, auf gerader Straße im hohen Nadelwald, zur Rechten einei Bach, in dem Forellen sich sonnen oder von eirem Stein zum ändern schnellen. Tannen betrachten midi, als ich an ihnen vorübergehe und grtißen sanft mit ihren Nadelfächern. Damals waren sie mit Schnee beladen, als wir nach einer ausgelassenen Silvesterfeier, bei der man durch di: ernste Haue des Wiesensteins tanzte, uns im Walde verborgen hatten. Wir erwarteten den Schlitten der Festteilnehmer. Auf dem Heimwege mußten sie einen Umweg machen, nun näherten sie sich auf der einsamen Fahrstraße mit hellem Schellengeläut, das im Takt der trabenden Pferde vcn Weitem hörbar wurde. Mein Vater hatte einen großen Gong mitgenommen und fing an ihn zu schlagen. Ein Dröhnen ließ den Wald erbeben, <Jer Ton wurde stärker, die Pferde galoppierten, Schnee fiel von überhängenden Ästen auf die Schlit:en, eine Panik brach aus, die Pferde drohten durchzugehen.

Schüsse fielen und wir hatten Müie, den nächtlichen Spuk aufzuklären.

Auf Schutt und Tritt Erinnerungen. Auf der Höhe des Weges den Knüttel schwingend, in drohender Geste steht der Jurakel, det jetzt tot ist Abgerissen, gewalttätig, mit Herrscherallüren war der Pfaffaminzkichla Flausierer das Vorbild zum Jau gewesen. Mit heiserer, drohender Stimme gröhlend verfolgte er betrunken, torkelnd, sich kaum auf den Füßen haltend, meinen Vater und midi auf einsamer Wanderung Unflätige Schmähungen kräftigster Mundart erreichten uns, und ich kleiner Junge war heilfroh, daß ich dem gefährlidien Ungetüm, dem wir uns eiüg entzogen, nicht in die Hände fiel.

Vor mir liegt das Mitteldorf von Schreiberhau, überragt vom Hochstein. Zwischen hohen Bäumen, kaum sichtbar das Haus, in dem vor fünfzig Jahren Hanneles Himmelfahrt, dig Weber, College Crampton der Biberpelz, die versunkene Glocke entstanden waren. Ich, als dei Älteste von den kingens, wurde schon in sehr jungen Jahren zu Vorlesungen zugezogen, die mein Vater gern zu halten pflegte. Auf diese Weise überprüfte er die Tagesarbeit, oder er las im größeren Kreis ein soeben vollendetes Werk in meisterlicher, lebendiger Form das Gesprochene mit Gesten begleitend Meine Freunde, die Dorfjugend, wurden eingeladen, um mit mir die versunkene Glocke zu hören Der Nickelmann, mit seinem Quorax, quorax, breckeckeckex schoß wohl bei uns den Vogel ab, und die Erscheinung der Kinder mit den Tränenkrüglein, die von der Mutter kamen, wirkte auf mich so ergreifend, daß icrf Mühe hatte, meine Tränen zurückzuhalten. Als mein Vater nach der Vorlesung heiter fragte, ob wir alles verstanden hätten, antwortete ich fest überzeugt mir ja. Das Haus liegt an der Dorfstraße, es war durch Aufstocken auf ein Bauernhaus schon 1892 entstanden und ist heute ein Carl und Gerhart Hauptmann Museum geworden. Davor stand der alte steinerne Wassertrog, an dem wir oft spielten, und viele Figuren vorüberziehen sahen, die als Geister in den Dramen meines Vaters weiterleben. Da war der „Altertümler", der als Schluck in „Schluck und Jau" unsterblich geworden ist und ein sehr „künstlicher" Mensch war, wie er sich ausdrückte. Von alten Bierseideln stellte er fest, daß sie aus der Steinzeit stammen möchten Einmal hatte er sich trunken auf den Trogrand gesetzt, um sich auszuruhen. Er schlief ein, und da die Kälte groß war, fror die Hose fest und man mußte ihn mit heißem Wasser loseisen. Da waren all die Armenhäusler, die das Hannele umgeben und von Julius Exter aufgesucht wurden, der die Dichtung illustrierte. Man konnte von einem Reichtum an Persönlichkeiten sprechen, die dieses entlegene Dorf barg.

Wir mußten anfangs von Hirschberg mit dem alten Landauer von Schiachtermeister Kluge sechi bis sieben Stunden fahren, um den damals weltentlegenen Ort zu erreichen, bis später Sprengungen auf unserem Grundstück der Eisenbahn einen Weg bereiteten, was meinen Vater veranlaßte, nach Agnetendorf überzusiedeln. Im kleinen Treppenhaus hing e:n Karton von Max Liebermann. Gerhart Hauptmann Hermann Sudermann, Otto Brahm und Paul Sdilenther waren dargestellt, wie sie die Denkmäler der Klassiker stoßen Ich fürchte das Werk ist verloren gegangen. Der norwegische Dichter Arne Garborg, Airred Kerr, Otto Erich Hartleben und Felix Holländer fanden sich damals im Hause meines Vaters ein Zum Teil ließen sie sid: in Schreiberhau nieder. Arne Garborg sandte Schneeschuhe, so daß mein Vater der erste war, der mit diesen Brettern im Riesengebirge über den Schnee glitt, zum Gelächter der Dorfbewohner.

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