Rückkehr nach Deutschland
Die Einfahrt in den Hafen von Kiel zog sich endlos hin. Stundenlang säumten den Einfahrtsweg die Mastspitzen gesunkener Schiffe und deren Aufbauten, die wie stumme Anklager aus dem Wasser ragten. Dieses Bild eines Friedhofs war ergreifend, besonders für uns Heimkehrer aus Südamerika. Es war die erste Vorbereitung auf das, was wir im Hafen und in der Stadt selbst sehen sollten: Die ausgebrannten und umgeschlagenen Schiffe, die abgebrochenen oder schräg liegenden Kräne, die eingestürzten Werfthallen, die abgedeckten oder zusammengesackten Gebäude, aus denen Treppenflure, Türen, Einrichtungsgegenstände nach außen schauten wie Eingeweide eines verunglückten, verluderten Tieres. Das alles versetzte uns mit einem Schlag aus dem Frieden, der uns bis dahin umgeben hatte, in den Krieg, in eine Welt, von der wir gehört hatten, von der wir auch im Ausland genügend Photographien gesehen hatten. Aber jetzt standen wir selbst mitten drin in ihr, die trostlos, hoffnungslos und doch auch gigantisch in ihrer Zerstörung war.
Mit dem Verstand allein kam man an diesen Eindruck nicht heran. Zunächst waren wir geneigt, das geschaute Bild irgendwie umzurechnen auf materielle Werte, wir versuchten Arbeitskräfte und Zeit zu überschlagen, die nötig waren, um diese Wüste, die uns umgab, wieder neu gestalten zu können, herauszuführen aus diesem unfaßlichen Zustand der Zerstörung, überzuführen in eine Welt, die wir vejsfanden, in eine Welt, die uns bis dahin umgeien hatte. Zahlen von Arbeitsaufwand und Arbeitszeit wurden versuchsweise überschlagen. Je länger wir uns jedoch in dieser Welt selbst befinden, desto mehr tritt die materielle Überlegung gegenüber dem seelischen Schock zurück. Wir versuchen uns an einzelne beruhigende Eindrücke zu klammern. Da sind noch Straßenzüge oder Vororte, die stehengeblieben sind. Wir lassen uns trösten in der Hoffnung, daß hier noch Werte erhalten sind, die bereits der Vernichtung geweiht, waren. Aber dann sehen wir wieder in einer an sich noch gut erhaltenen Straße ein einzelnes geborstenes Haus und bemühen uns, die Tragödie nachzuerleben, die hier in einer Schreckensnacht — oder war es ein Tag? — sich abspielte. Aber alles das verblaßt, je mehr wir in die gespenstige Atmosphäre des Krieges hineinsteigen. Es ist nicht das äußere Bild der Zerstörung der Häuser und Straßen, was uns im Innersten aufwühlt, sondern die Veränderung, ja Verzauberung des Lebens, die der Krieg hinterlassen hat. Die Straßen sind tot. Nicht einmal lauter Verkehr täuscht schaffendes Leben vor; auch er ist verebbt Äußerlich scheinbar unberührte Häuser sind leer, und die erste Täuschung wirkt um so schmerzlicher, wenn wir näher herantreten. Decke für Decke ist durchgebrannt, eingestürzt, der Schutt füllt die unterste Wohnung. Aus den noch erhaltenen Trümmern sprießt noch kein neues Leben. Wie konnten Menschen das ertragen? Wie mußten Menschen unter dem Eindruck dieses Grauens sich verändern? Vor acht Jahren verließ ich Deutschland, um bei einer südamerikanischen Regierung als wissenschaftlicfaer Spezialist tätigjzu zu¥ück : in die Heimat, und sie scheint mir fremder, als jemals das Ausland es mir gewesen ist. Und am allerfremdesten erscheinen mir die Menschen.
Ich bemühe mich, mich von dem äußeren Eindruck freizumachen, von dem Bild, das mir entgegentritt. Die Not hat die Kleidung der Menschen bunt zusammengewürfelt, Uniform oder Zivil, vielfach zerschlissen, besonders bei den Hunderttauseiiden, die aus dem Osten heranströmten. Aber größer noch als die äußere Veränderung ist auch hier dje innere.
Die Unterhaltung kreist um Krieg, Flugzeuge und Panzer; unverständliche Abkürzungen, Ausdrücke aus der Soldatensprache beherrschen den täglichen Sprachschatz. Nach acht Jahren Abwesenheit spüre ich die große Veränderung, die die deutsche Sprache während dieser Zeit durchgemacht hat, und auch hier ist die Sprache nur der Ausdruck einer seelischen Wandlung.
Die Menschen sind unduldsam geworden, Die Gedanken kreisen um die primitivsten Dinge des täglichen Lebens oder verlieren sich leicht in Extremen, und dann kommen die Gerüchte Überall schwirren Gerüchte in der Luft. Dieses „soll" geschehen, jenes „soll" zu erwarten sein, Nachrichten gibt es nicht, nur noch Andeutungen und Möglichr keiten. Wenn ich versuche, an diese Menschen heranzukommen, etwas zu hören und zu erfahren über die letzten acht Jahre, nachzuholen aus deren Erfahrung, die mir fehlt und die mir unentbehrlich ist, wenn ich überhaupt mit ihnen sprechen und leben soll, so weichen sie zurück. Der eine spricht von diesen, der andere von jenen persönlichen Erlebnissen und Einzelheiten. Aber das, was ich suche, der große Einblick in das Geschehen, die Brücke zum Verständnis, die kann mir niemand geben. Es scheint, als ob der Sinn für Wirklichkeiten und Möglichkeiten menschlichen Geschehens verkümmert, in den Jahren einseitigen Geschehens verdorrt ist.
Es scheint auch nicht möglich, eine gemeinsame Grundlage zu finden, wie sie vor dem Kriege vorhanden gewesen war. Damals feststehende Werte sind brüchig geworden, verschwunden. An die Stelle sittlicher Anschauungen ist ein absoluter Utilitaristnus getreten, eine kalte, nüchterne Betrachtungsweise, nicht über das, was erlaubt, sondern über das, was nützlich ist. Wenn wir noch festgefügte Vorstellungen aus dem Ausland mitbringen, die wir aus einer Vergangenheit gerettet haben, die vom Taumel der Jahre weggeschwemmt wurde, dann stoßen wir auf Unverständnis, ja auf Ablehnung. Was ist diesen Menschen hier etwa der Eigentumsbegriff? Wie sollen wir, die wir noch aus einer Welt harmonischer Beziehungen der Menschen zueinander kommen, uns in diese Welt des Grauens und des Kampfes um das tägliche Brot hineinfinden? Oder gibt es überhaupt keine Brücke, die hinüberführt? Wenn wir die Menschen um uns nicht verstehen, so haben wir umgekehrt den Eindruck, daß sie auch uns nicht verstehen.
Dieser Gegensatz reicht über die zerstörten Städte hinaus ins flache Land, selbst dorthin, wo die Zerstörungen des Krieges nicht hingedrungen sind. Dorthin haben die Aensdhen, Flüchtlinge, entlassene Soldaten, Gehetzte und Verfolgte, die geistige Welt der Vernichtung getragen. Auch dort sind die Menschen hart, unduldsam geworden. Können wir, die wir aus dem Ausland kommen, diesen Menschen noch etwas sagen, können wir sie überhaupt verstehen? Und dennoch nehmen wir uns vor, uns einzugliedern in diese Welt; denn nicht wir, sondern sie sind das Deutschland von heute. Diether Burdenski
- Datum 21.02.1946 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.2.1946 Nr. 01
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