Winter ohne Kohlen

Fast in allen Ländern Ist die Kohlenerzeujung tark zurückgegangen. Selbst England, vor dem Kriege das größte Kohlenausfuhrland der Erde, kann zur Zeit nicht einmal den eigenen Bedarf voll decken. Verschleiß oder Überbeanspruchung von Maschinen, Material und Menschen, sowie eine natürliche und menschliche Reaktion nach Jahren härtester Anspannung und Arbeit hat diesen Wandel herbeigeführt. Sehr viel ernster Hegen die Dinge in Deutschland.

Von den großen Kohlenvorkommen der Vorkriegszeit fällt das zweitwichtigste, das schlesisehe, fort. Das Saargebiet arbeitet für Frankreich und nur teilweise für die Bedürfnisse der französischen und amerikanischen Zonen, die weiterhin hauptsächlich aus dem Ruhrgebiet beliefert werden. Die mitteldeutsche und sächsische Braunkohle liegt mit kleinen Ausnahmen in der russischen Zone, so daß für die britische Besatzungszone im wesentichen nur der rheinisch westfälische Raum, einschließlich Aachen, zur Verfügung steht.

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"Das Ruhrgebiet hat auf Grund seiner Größenordnung und seines Leistungspotentials eine überragende europäische Bedeutung. Deswegen werden die damit zusammenhängenden Fragen heute von den Besatzungsmächten stark" unter dem kriegeri"schen und rüstungsmäßigen Gesichtspunkt gesehen. Daraus erklärt sich die französische Forderung auf Kontrolle, um jede Beunruhigung unserer westlichen Nachbarn auszuschalten. Doch welche positive Bedeutung für den Friedensaufbau und eine zukünftige europäische Gemeinschaft liegt hier! Es ist an uns, diese zu nutzen, zu erarbeiten und zu vervollkommnen.

Der Kern unseres westlichen Kohlenvorkommens, das Ruhrgebiet, hat durch sinnlose Zerstörungen in den letzten Kriegsmonaten unvorstellbar gelitten. Es gab keine Brücke in und aus diesem Raum heraus, die nicht gesprengt oder so nachhaltig zerstört wurde, daß jeder Eisenbahnverkehr unmöglich war ßahnhöfe, Verschiebebahnhöfe und Gleise waren überall ganz oder teilweise zerstört oder blockiert. Lokomotiven undWaggons boten dasselbe Bild. Die Wasserstraßen, Kanäle und Flüsse, wie Rhein, Ruhr, Wupper, Weser, Lippe waren durch Brückensprengungen unpassierbar, ebenso das hochentwickelte und leistungsfähige Kanalverbindungssystem. Die ersten Transporte rollten per Lastkraftwagen der Alliierten auf den nicht minder zerstörten Straßen und Autobahnen und brachten so die allernotwendigsten Rohstoffe. Das Transportproblem, vielleicht das schwierigste europäische Problem derzeit, war zu Beginn des Winters für die britische Zone auf ein Mindestmaß der gestellten Anforderungen gebracht worden, aber in anderen Zonen sah es noch schlimm aus. Man bedenke nur, daß die Kohlenzüge für Berlin über einen einzigen Schienenstrang via Helmstedt—Magdeburg laufen, um zu ermessen, wieviel Zeitverlust dabei entsteht, bis beispielsweise euT Waggon wieder leer an der Zeihe im Ruhrgebiet angedient werden kann Überhaipt der Mangel an Waggons. Es entstand dadurch und durch monatelanges Fernbleiben von ganzen Zügen in anderen Zonen ein Verlust, den die Reichsbahn nicht im entferntesten ausgleichen oder gar bessern konnte. Der Tagesbedarf belif sich für den Kohlentransport im AugustSeptember 1945 auf 4550 Wagen, der natürlich wegen des allgemeinen Mangels nicht gedeckt werden konnte. Die Anzahl der täglich gestellten Wagen konnte zwar bereits bei Jahresende im Vergleich zum Tagesdurchschnitt im August verdoppelt werden, da jedoch die Förderung beträchtlich seitdem gestiegen und viele Wagen wegen Reparatur ausfielen, konnte von einer Deckung des Bedarfs nicht die Rede sein. Erst im Februar wurde das Soll von 12 500 Wagen täglich für den Kohlentransport von der Reichsbahn erreicht. Verbesserungen sind möglich durch Beschleunigung des Wagenumlaufs. Wirksame und fühlbare Erleichterung wird erst möglich sein durch Waggon- und Lokomotiven Neubau, sowie, wenn in diesem Frühjahr die Binnenwasserstraßen für Transporte offen sind.

Die Förderung selbst ist in einer erfreulichen Aufwärtsentwicklung begriffen. Trotzdem darf dies nicht über die vor allem bis zum Jahresende gewaltige Minderleistung im Vergleich zum Jahre 193839 hinwegtäuschen. Die Gründe hierfür sind klar und auf der Hand liegend: 1. Die Fehlschichten, im Durchschnitt 20 v. H , aber des öfteren bis zu 30 v. H. Anteil an der Minderförderung; 2 durch Krankheit, Nahrungssorgen und mutwilliges Feiern, letzteres jedoch im geringen Maße; 3 der Einsatz von berufsfremden, neuen Bergarbeitern, die ausbildungsmäßig und körperlich erst im Laufe dieses Jahres normale Mittelleistungen erreichen werden; 4 die wesentliche Erhöhung des Durchschnittsalters von etwa 35 auf 45 Jahre; 5 der fehlende Nachwuchs, bedingt durch mangelndes Angebot und fehlende, erträgliche Wohnmöglichkeit.

Die Durchschnittsleistung pro Schicht betrug im August noch erheblich unter 700 kg, erreichte im Dezember 750 kg pro Mann gegenüber einer normalen Friedensleistung von 1000 kgSchicht. Man hofft, diese 1 t Grenze im Frühjahr zu erreichen. Die Gesamtförderung von etwa 70 000 t pro Tag im August 1945 erreichte im Oktober etwa 138 000 t und stieg stetig, bis sie im Januar die 170 000 t Grenze schon überschritt. Man hofft, die ansteigende Kurve beibehalten zu können und zum Frühjahr dieses Jahres trotz der augenblicklichen Rückläufigkeit die 200 000 t Tagesleistung zu erreichen Bei einer weiteren Verstärkung und Verbesserung der Gesamtbelegschaft dürfte im Herbst 1946 die Tagesleistung bei 300000 t, liegen. Das Aachener Gebiet liefert hiervon 3 bis 4 v. H. Eine weitere Verbesserung der täglichen Förderungsziffer bis zur durchschnittlichen Tagesförderung von 193839 in Höhe von rund 420 000 t kann erst nach längeren und erheblichen Reparaturen und Wiederaufbau erzielt werden. Eine Schätzung der Jahresleistung für 1946 für das gesamte Ruhrgebiet würde bei gut 70 Mill. Tonnen liegen, gegenüber einem Vorkriegsdurchschnittvon 120 Mill. Tonnen.

Die Kokserzeugung, die im August noch weit unter 10000 t täglich lag, ist bis zum Januar auf gut 16000 t täglich gestiegen, rund ein Zehntel der Vorkriegsproduktion. Pie Kokserzeugung ist direkt abhängig von den Beschlüssen und der Genehmigung des Kontrollrates und könnte technisch erheblich gesteigert werden. Die Briketterzeugung (Steinkohle) schwankt zwischen 5000 und 6000 t täglich.

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