Das Palais Biron
Das Palais Biron war ein wunderbares Gebäude im Stil Louis Seize mit einem großen alten Park. In früheren Jahren hatte es, wie sein Name besagt, dem Prinzen Biron, einem baltischen Fürsten gehört. Später wurde es Kloster der Nonnen vom Sacre Coeur, die mehrere Seitenflügel anbauea ließen. Als dann die Mönche und Nonnen aus Frankreich vertrieben wurden, stand das Gebäude eine Zeitlang leer, bis schließlich die einzelnen Räume an Privatpersonen, meist Künstler, vermietet wurden.
Von der Straße aus trat man durch das große, schmiedeeiserne Tor in einen weiten Hof, an dessen rechter Seite eine Art Pergola zu einer Loge des gestrengen Concierge führte. Dieser Allgewaltige hatte einen ansehnlichen Bauch, herrschte unumschränkt und sagte von sich selbst im Pluralis Majestatis: ,Nous sommes le roi ici Nachdem man also von ihm die Erlaubnis bekommen hatte, gelangte man in einen zweiten Hof mit dem Hauptgebäude. Im Erdgeschoß lagen die Ateliers von Auguste Rodin, während im ersten Stock einige junge deutsche Künstler und eine russische Malerin ihre Arbeitsstätten hatten. Es waren sehr hohe und große Räume, wunderbar in der Harmonie ihrer Verhältnisse. Die Fenster gingen bis auf den Fußboden, waren oben abgerundet und boten Aussicht auf den herrlichen alten Park, in dessen Mitte, ganz von Unkraut überwuchert, eine alte Sonnenuhr stand. Das Betreten des Parks war eigentlich nur Rodin gestattet, aber wenn man den Concierge durch ein gutes Trinkgeld freundlich gestimmt hatte, erlaubte er, daß auch ein anderer sich darin ergehen dürfet Über den Ateliers von Rodin hatte Edith v. B. ihren Arbeitsraum. Obwohl sie über sehr reiche Mittel verfügte, war sie für ihre eigene Person äußerst bescheiden und anspruchslos. Um sich nicht um ihren Haushalt bekümmern zu müssen, hatte sie ihrer alten Aufwartefrau — einer Negerin — anbefohlen, jeden Tag ein Beefsteak, Bratkartoffeln und Bohnen für sie zu bereiten. Das aß sie tagaus, tagein. Meistens war das Fleisch steinhart — aber das merkte sie nicht! Hatte sie Gäste, so wurden als Vorspeise Austern aus dem nächsten kleinen Lebensmittelladen geholt — Beefsteak, Bratkartoffeln und Bohnen blieben aber unweigerlich bestehen. Ich bin fest davon überzeugt, daß sie vielen armen Künstlern geholfen hat — aber davon sprach sie nie.
Zu meiner kleinen Wohnung, die in einem Seitenflügel lag, gelangte man durch einen endlosen Gang. In den tiefen Fensternischen der Küche waren Schränke eingebaut. Die breiten Fenstersimse waren aus rotem Marmor, der Fußboden aus roten Ziegeln, und so eignete sich der Raum vorzüglich für meine Färberei. Wasser gab es allerdings nur m dem Treppenhaus, zu dem der lange Gang führte. Die Fenster des Zimmers gingen auf einen kleinen Klosterhof, in dem Hunde und Katzen hausten. In dem Seitengebäude über mir wohnte ein Flugzeugkonstrukteur, der die Angewohnheit hatte, nächtlicherweile auf dem Hof hin und her zu gehen und laut Gedichte aufzusagen. Im vierten Stock hatte Rainer Maria Rilke seine kleine Wohnung, und in dem Flügel, der den großen Hof von dem kleinen trennte, lag der große Übungssaal von Isadora Duncan. Abends, wenn er erleuchtet war, sah man graue Schatten auf den weißen Fenstervorhängen tanzen. Herr und Frau von Goloubeff lebten m einer sehr eleganten Wohnung am Bois de Boulogne. Sie waren Russen und ungeheuer reich. Er — Goloubeff — hatte in Heidelberg Kunstgeschichte studiert und besaß eine der bedeutendsten Sammlungen indischer Kunstwerke. Frau von Goloubeff, groß, sehr schlank, mit blonden Zöpfen, die sie wie eine Krone um den kleinen, zarten Kopf gewunden trug, mit regelmäßigen Gesichtszügen und dunkelblauen Augen, war wohl eine der schönsten Frauen des damaligen Paris. Rodin hat eine Büste von ihr gemacht. Ich bewunderte sie, und sie hatte midi anscheinend gern um sich. Sie lud mich oft zum Essen zu sich ein, oder nahm mich in ihrem Auto mit, wenn sie Einkäufe in Paris machte. Am häufigsten mußte der Wagen vor Schokoladengeschäften halten. Frau von Goloubeff kam nach, längerer Zeit, gefolgt von einem Diener des Ladens, wieder, der ungeheure Pakete trug. Als ich fragte, für wen clenn alle diese Süßigkeiten seien, antwortete Frau von Goloubeff: „Pour le maitre — Ich wußte, daß sie eng befreundet war mit Gabriele dAnnunzio. Er muß ein großer Liebhaber von Leckereien gewesen sein! Später trennte sich Frau von Goloubeff von ihrem Mann, um mit dAnnunzio zusammenzuleben. Ihrer Zuneigung und Bewunderung für dAnnunzio "habe ich meinen größten Batikauftrag zu verdanken. In einem seiner Romane beschreibt dAnnunzio einen Speisesaal, dessen Wände ringsum mit Samtvorhängen bedeckt sind. Frau von Goloubeff wollte einen ebensolchen Speisesaal haben und bestellte bei mir gebatikte Samtvorhänge, die ich ihr in den Farben Grau und Dunkelblau arbeitete. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm von ihr, in dem sie mich einlud, sie in Arcachon, wo sie mit dAnnunzio lebte, zu besuchen. Ich bereue noch heute, die Einladung ausgeschlagen zu haben. Aber in der damaligen Zeit war ich noch eine relativ gehorsame Tochter, und da ich wußte, daß mein Vater sehr erzürnt und betrübt gewesen wäre, hätte er von meinem Aufenthalt bei einem nicht legitim verheirateten Paar gehört, schrieb ich ab, obwohl es mir sehr schwer wurde. Man hat im Leben immer nur die verpaßten Gelegenheiten zu bereuen, selten diejenigen, die man genossen hat! Außer seinen Ateliers in der Rue de Varenne besaß Rodin noch verschiedene andere, sowohl in?9 Paris selbst als auch in Meudon, wo er sein HausÄ, hatte. Dorthin fuhr ich einmal mit Ivo Haupt ? mann, um die gerade vollendete Balzac Statue, dieS Rodin in seinem Garten aufgestellt hatte, anzu |f| sehen. Wir wurden mit ausgesuchter, ja beinah JP übertriebener Höflichkeit von Rodin begrüßt, was uns freute, aber auch verwunderte. Er zeigte uns seine Arbeiten im Atelier, als plötzlich ein amerikanisches Ehepaar eintrat, dem Rodin, seinen Irrtum gewahrend, nun mit größter Liebenswürdigkeit entgegeneilte. Dieses Ehepaar hatte sich bei ihm angemeldet, um eine seiner Plastiken zu erwerben, und er hatte uns zuerst für diese reichen Leute gehalten. Fortan- wurden wir durchaus nebensächlich behandelt, was uns aber nicht hinderte, uns an den Kunstwerken zu erfreuen. Später wurden alle Besucher, denn es hatten sich noch mehr eingefunden, in den Garten geführt, derart, daß alle einzeln, an Rodin vorbeigehen mußten. Als er sah, daß ich eine kleine Handtasche trug, bat er mich, dieselbe abzugeben, da es nicht gestattet sei zu photographieren! Ich öffnete die kleine Tasche und überzeugte ihn, daß kein Photoapparat darin verborgen war.
Auch in der Rue de Varenne war ich öfter in Rodins Atelier. In den riesigen Räumen standen überall Gipsabgüsse der Tonmodelle, nach denen seine Schüler und Angestellten die Arbeiten in Marmor ausführten. Nur um die letzten Feinheiten herauszuarbeiten, legte Rodin selbst Hand an den Marmor. Oft sah ich ihn auch in der offenen Vorhalle, die zu seinen Ateliers führte, m Unterhandlung mit umherziehenden Türken und kleinen Italienern. Er kaufte alles, was sie ihm brachten: orientalische Teppiche, die nie den Orient gesehen hatten, Bronzen und andere Dinge, die ebensowenig Anspruch auf Echtheit machen konnten. Rodin war mittelgroß, breit, mit einem dichten, langen, graugrünhchen Bart. Meist ging er in Pantoffeln. Eines Tages erzählte mir der Concierge. daß Rodin ins Elys£e gehen würde. Ich fragte ihn, woher er das wisse. Darauf er: „Sehen Sie nicht, daß er seinen Bart hat waschen lassen? Er war beim Friseur, und das tut er nur, wenn er ins Ministerium muß %Aristide Mailloi wohnte in Marly, einem reizenden kleinen Dorf unweit Paris. Dort besaß er ein kleines Haus inmitten eines großen Gartens, der eigentlich nur eine Wiese voller Obstbäume war. An einem Frühlingstage fuhr ich mit Henry van de Velde und dem Grafen Keßler hin. Wir gingen zwischen den Obstbäumen, unter deren weißen und rosa Blütenschleiern die Plastiken aufgestellt waren, zu dem Hanse hinauf. Keßler bat Mailloi, ein Relief für ihn zu modellieren, und zwar sollten darauf ein junges Mädchen und ein Jüngling dargestellt werden. Frau Mailloi, eine schöne, üppige Bäuerin, die ihrem Mann zu seinen Arbeiten Modell stand, eignete sich in diesem Fall nicht. Sie war aber außerordentlich eifersüchtig und erlaubte nur unter der Bedingung, daß Keßler allen Sitzungen beiwohnen würde, daß ihr Mann ein junges Mädchen als Modell nähme. Keßler willigte ein, und das Relief ist eines der schönsten Werke Maillols geworden.
Ich weiß nicht mehr, ob es vor oder nach diesem Tage in Marly war, daß Mailloi nach Weimar in das Atelier van de Veldes kam, in dem ich gerade arbeitete. Er sah dort den Gipsabguß seiner „Knienden", klopft e ihr zärtlich auf die Schenkel und sagte zu van de Velde: „Ah, mon vieux, ce sont les belles cuisses de Madame Mailloi!" Im Palais Biron machte ich auch die Bekanntschaft von Rainer Maria Rilke, und daraus wurde eine aufrichtige Freundschaft. Er wohnte, wie schon erwähnt, in demselben Seitenflügel wie ich, zwei Treppen höher. Ich erinnere mich an sein schönes, geräumiges Studierzimmer. Riögs an den Wänden Regale mit Büchern. Auf dem Schreibtisch herrschte peinlichste Ordnung und Sauberkeit. Rilke wischte jeden Morgen selbst Staub in seinen Räumen. Er kam oft nachmittags zum Tee zu mir herunter und schickte mir fast immer am nächsten Tag etwas als Erinnerung an den Nachmittag vorher: eines seiner Bücher mit einer Widmung, eine kleine Glas vase, ein leeres, in Vorsatzpapier gebundenes Büchlein, in das ich mir liebe Gedichte oder Gedanken schreiben sollte, oder auch, sorgsam verpackt, die getrocknete Frucht einer Judenkirsche, von der nur noch das hauchfeme Gerippe übriggeblieben var. Rilke war klein und zart. Er hatte eine hohe Stirn und etwas hervortretende Augen, dicke Lippen und einen herunterhängenden Schnurrbart, der ihn einem gütig melancholischen Seehund nicht unähnlich machte. Er besaß in ganz hohem Maße die Gabe und die Geduld, zuzuhören und sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Er zeigte ein für einen Mann ganz ungewöhnliches Verständnis für eine Frau und hat mir durch sein Eingehen auf meine Persönlichkeit unendlich viel geholfen. Er half überhaupt, wo er konnte.
Eines Nachmittags erzählte er mir, er labe abends auf der Straße ein junges Mädchen gesehen, das anscheinend ganz erschöpft an einer Mauer gelehnt habe. Er sei auf das Mädchen zugegangen, das sich zuerst sehr spröde und abweisend gezeigt habe, das aber nach und nach seinem Zureden and Trösten zugänglich geworden. Es hatte keine Unterkunft und wußte nicht, was es tun sollte, da es keinen Sou besaß. Rilke nahm das junge Mädaen mit in seine Wohnung und hat später eine deutsche Dame für es interessiert, die es im Kochen and Haushalt ausbilden ließ.
Ivo Hauptmann und ich fuhren einmal mit Rilke nach Versailles. Er führte uns an die große Treppe, die zur Orangerie hinaufsteigt und las uns dort sein Gedicht „Die Treppe der Orangerie" vor. Auch andere las er, wie „Der Panther", „Das Karussell", ,Der Ball", „Das Einhorn" und „Esther". Er las leise mit ganz sanfter Stimme und zog die Worte etwas in die Länge — sehr eindrucksvoll und voll von Wohlklang, Melodie und Rhythmus.
- Datum 28.02.1946 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.2.1946 Nr. 02
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