Emil Popel sucht die Güte

ODie Philosophen empfehlen dem Menschen moralische Grundsätze, damit er immer besser und besser und schließlich gut werde. Man beachte sorgfältig, daß er zunächst besser und dann erst gut werden soll. Vielleicht hängt die Tatsache, daß wir bis zum Guten nur so selten gelangen, damit zusammen, daß, wie die Weisheit des Sprichwortes vermerkt, das Bessere der Feinddes Guten ist. Freilich nicht nur das Bessere hat so unerfreuliche Beziehungen zum Guten. Auch das Beste ist nicht besser als das Gute. Wie denn ein Herr in den besten Jahren seine guten Jahre jedenfalls schon hinter sich hat.

Vielleicht sind es grammatikalische Fallstricke, über die unsere moralischen Bemühungen immer wieder in so beklagenswerter Weise stolpern. Vielleicht sind es nicht nur die Superlative, die total verderbt sind. Möglicherweise sind auch die Komperative weitanschaulich noch so stark gebunden, daß sie einen freien Gebrauch noch nicht vertragen. Halten wir uns darum an das einzig Positive — den Positiv.

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Der Mensch also soll gut werden. Er soll seine Schlechtigkeiten, seine Laster, seine penetranten Gewohnheiten ablegen, um als guter Mensch unter anderen Guten zu leben und nicht immer wieder durch Störung der allgemeinen Harmonie unangenehm aufzufallen.

Man sieht ohne weiteres, daß es ziemlich viel ist, was von ihm verlangt wird. Ich selbst bin glücklicherweise eine ontemplative Natur und als solche zu Aktionen nicht verpflichtet. Aber wenn ich mir vornähme, sowohl meine Schlechtigkeiten wie meine Laster und meine sämtlichen penetranten Gewohnheiten abzulegen, weiß ich nicht, ob, außer prächtigen Erinnerungen, überhaupt noch etwas von mir übrigbliebe.

Aber der Hund liegt noch gar nicht einmal an dieser Stelle begraben. Wir wissen gar nicht; wo er liegt. Vielleicht dort, wo sich die Füchse gut Nacht sagen. Das ist zwar ziemlich weit, aber doch, da die Füchse ja die ganze Nacht unterwegs sind, noch nicht so weit wie dort, wo sich die Füchse guten Morgen sagen. Aber sicherlich irgendwo zwischen Nacht und Morgen liegt der moralische Hund begraben.

Unmöglich ja können wir den Versuch starten, allgemeine Vorschriften oder auch nur Empfehlungen zu geben. Seit Jahrtausenden tun das die Philosophen, und ach, wie kläglich sind die Resultate. Längst müßten die Steine in der Wüste gut sein, denn ihnen ist gepredigt worden von Buddha bis Niemöller. Aber die Steine sind und bleiben von steinerner Gleichgültigkeit.

Nun, wir wollen die Sache untersuchen an einem schlichten Fall aus der Praxis. Am Donnerstag, dem 28. Februar 1946, beschließt der Bürger Emil Popel, gut zu werden. Wie macht er das? Sie, mein Herr, der Sie diese Zeilen mit Skepsis lesen. Sie haben es gut. Sie machen sich darüber keine Sorgen. Das ist eine Schlechtigkeit von Ihnen; denn Emil Popel ist so gut Ihr Mitmensch wie der meine. Sie kümmern sich nicht darum. Das ist Ihr Laster. An dem Laster der Gleichgültigkeit sind ganze Völker zugrunde gegangen. Und Sie grinsen. Das ist eine Ihrer penetranten Gewohnheiten. Wenn Talleyrand schon einmal bei einer Gelegenheit feststellte, daß eine Sache schlimmer gewesen sei, als ein Verbrechen, nämlich eine Dummheit, so sage ich Ihnen, daß die meisten Sachen schlimmer sind als eine Dummheit, nämlich eine Gewohnheit.

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