Von ERNST SAMHABER

Vor ihrem Auseinandergehen hat die Hauptversammlung der Vereinten Nationen noch den Beschluß gefaßt, allen Völkern höchste Sparsamkeit zu empfehlen, um die große gemeinsame Not zu lindern. Aus dieser Mahnung spricht noch einmal, stärker als alle dunklen Prophezeiungen und Warnungen, die Einsicht, daß die nächsten Monate nicht nur für Deutschland, sondern für die Menschheit überhaupt die große geschichtliche Stunde der Prüfung sein wird.

In den langen, bangen Jahren des Krieges haben die Völker wenig darauf geachtet, welche Werte verlorengingen, in den fast bodenlosen Abgrund der Vernichtung hineingeworfen wurden. Auf den Altären des Krieges wurden die in Jahrhunderten gehäuften Schätze des Friedens verbrannt. Ein Gedanke allein beherrschte die Menschen, den Krieg siegreich zu beenden, die Freiheit zu wahren, leben zu bleiben in einem Kriege, den Präsident Roosevelt als den Krieg des Überlebens, des Lebenbleibens bezeichnet hat.

Erst jetzt, zehn Monate nach der Beendigung der Kampfhandlungen in Europa, ein halbes Jahr, seitdem auch in Asien die Waffen schweigen, ziehen die Völker Bilanz. Manchmal möchte es scheinen, als ob selbst heute noch manche Hoffnungen und Wunschvorstellungen nicht begraben sind. Als in diesem Monat die britische Regierung sich gezwungen sah, die Zuteilung von Trockenei an die Hausfrauen einzuschränken, da wurden vielfach Zweifel laut, ob eine derartige Maßregel wirklich unbedingt notwendig sei. Frankreich hat noch Ende vergangenen Jahres geglaubt, seine Brotrationierung aufheben zu können und sah sich bitter enttäuscht, als die Brotkarten wieder eingeführt werden mußten und dazu noch in knapperer Zuteilung als zuvor.

Zu diesen Kürzungen der Lebensmittelversorgung fast in aller Welt kommen die Sorgen vor künftigen weiteren Einschränkungen, bedingt durch die ungewöhnlichen Wetterunbilden. Wir wissen, daß der Winter milder war als vielfach befürchtet, dafür haben gewaltige Überschwemmungen die karge Saat von den mit unendlicher Mühe und unter größten Schwierigkeiten bestellten Äckern weggeschwemmt. Not und Elend überall: in Indien, in Neuseeland, in China! In Spanien haben Fröste die Apfelsinenernte schwer geschädigt, so daß die zur Ausfuhr nach England bereitstehenden Mengen stark zusammengeschmolzen sind. Tiefer beugen wir das Haupt unter diesen Schlägen des Schicksals, denn wir sind uns dessen bewußt, daß Jede Einschränkung, ganz gleich, wo sie eintritt, in irgendeiner Form sich ungünstig für das deutsche Volk auswirken wird.

In diesem Augenblick, da sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten überall fast unbegreiflich gesteigert haben, beginnt für die deutschen Menschen des Ostens eine neue harte Prüfung. Mitten im Winter, während noch Eis und Schnee die Felder deckt, während noch die einfachsten Lebensbedingungen selbst für die eingesessenen Bewohner der westlichen Besatzungszonen ungenügend und mangelhaft vorhanden sind, beginnt aus den von Polen verwalteten Gebieten und der Tschechoslowakei der Auszug der Ausgewiesenen.

Die Not des Ostens