Stunde der Prüfung
Vor ihrem Auseinandergehen hat die Hauptversammlung der Vereinten Nationen noch den Beschluß gefaßt, allen Völkern höchste Sparsamkeit zu empfehlen, um die große gemeinsame Not zu lindern. Aus dieser Mahnung sprichf noch einmal, stärker als alle dunklen Prophezeiungen und Warnungen, die Einsicht, daß die nächsten Monate nicht nur im Deutschland, sondern für die Menschheit überhaupt die große geschichtliche Stunde der Prüfung sein wird.
In den langen, bangen Jahren des Krieges haben die Völker wenig darauf geachtet, welche Werte verlorengingen, in den fast bodenlosen Abgrund der Vernichtung hineingeworfen wurden. Auf den Altären des Krieges wurden die in lahihunderten gehäuften Schätze des Friedens verbrannt. Ein Gedanke allein beherrschte die Menschen, den Krieg siegleich zu beenden, die Freiheit zu wahren, leben zu bleiben in einem Kriege, den Präsident Roosevelt als den Krieg des Überlebens, des Lebenbleibens bezeichnet hat.
Erst jetzt, zehn Monate nach der Beendigung der Kampfhandlungen in Europa, ein halbes Jahr, seitdem auch in Asien die Waffen schweigen, ziehen die Völker Bilanz. Manchmal möchte es scheinen, als ob selbst heute noch manche Hoffnungen und Wunschvorstellungen nicht begraben sind. Als in die&ffl Motiat die britische Regierung sich gezwungen sah, die Zuteilung von Trockenei an die Hausfrauen einzuschränken, da wurden vielfach Zweifel laut, ob eine derartige Maßregel wirklich unbedingt notwendig sei. Frankreich hat noch Ende vergangenen Jahres geglaubt, seine Brotrationierung aufheben zu können und sah sich bitter enttäuscht, als die Brotkarten wieder eingeführt werden mußten und dazu noch in knapperer Zuteilung als zuvor.
Zu diesen Kürzungen dei Lebensmittelversorgung fast in aller Weit kommen die Sorgen vor künftigen weiteren Einschränkungen, bedingt durch die ungewöhnlichen Wetterunbilden. Wir wissen, daß der Winter mildei war als vielfach befürchtet, dafür haben gewaltige Überschwemmungen die karge Saat von den mit unendlicher Mühe und unter größten Schwierigkeiten bestellten Äckern weggeschwemmt. Not und Elend überall: in Indien, in Neuseeland, in China! In Spanien haben Fröste die Apfelsinenernte schwer geschädigt, so daß die zur Ausfuhr nach England bereitstehenden Mengen stark zusammengeschmolzen sind. Tiefer beugen wir das Haupt emtr diesen Schlägen des Schicksals, denn ,wr sind aas dessen bewußt, daß Jede Einschränkung, ganz gleich, wo sie eintritt, in irgendeiner Form sich ungünstig für das deutsche Volk auswirken wird.
In diesem Augenblick, da sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten überall fast unbegreiflich gesteigert haben, beginnt für die deutschen Menschen des Ostens eine neue harte Prüfung. Mitten im Winter, während noch Eis und Schnee die Felder deckt, während noch die einfachsten Lebensbedingungen selbst für die eingesessenen Bewohner der westlichen Besatzungszonen ungenügend und mangelhaft vorhanden sind, beginnt aus den von Polen verwalteten Gebieten und der Tschechoslowäker der Auszug der Ausgewiesenen. Auf Grund der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz soll sich dieser Austausch in menschlichen Formen vollziehen. Abkommen wurden abgeschlossen, die die Mitnahme des allernotwendigsten Hausgeräts und der unentbehrlichsten Kleidung vorsehen Wir wollen hier nicht von der materiellen Not der Ausgewiesenen sprechen. Tiefer noch als den Mangel der Flüchtlinge empfinden wir unsere eigene Unzulänglichkeit, ihnen nichts bieten zu können,ihnen, die alles verloren, sogar die Heimat. Wir sind selbst arm geworden. Was in den Kaufläden angeboten wird, kann bei weitem nicht das decken, was wir täglich durch den laufenden Gebrauch an unseren Vorräten zehren Überall, in Kleidung, in Wohnung, in allen Hausgeräten, selbst bei den Verkehrsmitteln, zehren wir in der eine oder anderen Form immer noch von der Substanz. Wir wollen uns durch äußeren Schein nicht täuschen lassen. Tag für Tag tragen wir unsere Kleidung ab, sinken wir tiefer hinunter ins Elend. Wie sollen wir die zusätzliche Belastung ertragen? Geht das, was jetzt jedem einzelnen zugemutet wird an Einschränkungen, nicht über menschliche Leidensfähigkeit hinaus? Denken wir zurück an die Zeit vor einem Jahr, als auf alle Klagen immer nur die mit Achselzucken begleitete Antwort kam:„ Was wollen Sie! Das sechste Kriegsjahr Und wieviel tiefer sind wir in diesem letzten Jahr hinabgeglitten in das graue Elend völligen Mangels. Da erhebt sich,schreck- lieber als alles andere, die Gefahr, daß unsere Herzen sich verhärten, daß wir uns abschließen gegen die Not unserer Brüder und Schwestern, daß wir an uns nur denken. Stunde der Prüfung! Es gilt heute, mehr zu bewähren als die Kraft, körperlich die nächsten Monate des Winters und Frühjahrs durchzustehen. Als Menschen müssen wir uns bewähren In den sechs Jahren des Krieges ist mehr zerschlagen worden als äußeres Gut, Mögen sichtbar die Trümmer der Städte und Werke vor uns liegen sie bilden nur einen Teil und nicht einmal den entscheidenden der Verwüstung. Das fühlen wir erst, wenn wir an unsere Aufgaben herangehen und die innere Kraft dazu aus uns selbst schöpfen wollen. Die seelischen Kräfte, die nur aus großen Idealen, aus Glaube und Vertrauen, aus der Verbundenheit mit Gott und der Vergangenheit erwachsen, fehlen uns. Woher sollten sie auch Kommen? Zu lange haben wir im geistigen Niemandsland gelebt, zwischen den Fronten, hin und her Bewerten zwischen Mächten, die sich gegenseitig bekämpften und zerrieben. Was sich in dieser geisiigen Mondlandschaft bewegte, wo einer des anderen l emd war das stählte in uns nur die Abwehrkräfte des wilden Tieres, das nicht Recht und Gesetz evirf sondern nur den Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens. W er hätte da dem Gegner auch nur das Recht auf einen anderen Standpunkt eingeräumt, ihm die Ehrlichkeit einer auf ;itf! icher Verantwortung beruhenden eigenen Mein mg eingeräumt? Zu klar waren die Fronten gezeichnet, und wenn sich die Kameradschaft der von gemeinsamer Gefahr umringten Kämpfer herausbildete, so schloß sie sich um so härter und unerbittlicher gegen alles ab, was außerhalb stand Von einer Igelstellung sprachen die Soldaten, und dieses Wort kennzeichnet auch die seelische Grundhaltung des Menschen im Kriege Stacheln strecken sich nachallen Seiten aus, Abwehr der rügenden, leidenden und blutenden Menschheit gegen eine Umwelt, die nur die Vernichtung kennt. Wir empfinden diese Härte unserer Gesinnung irr Deutschland vielleicht besonders deutlich we;l wir aus allem gerissen wurden, was uns vor einem Jahrzehnt lieb und wert gewesen Unsere Jugend hat eine Welt, die auf sittlichen Werten auf einem ewigen, unabänderlichen Recht, auf Ehrhrcht und Verehrung der Vergangenheit, auf der Demut des Menschen gegenüber den ewigen Mächten der Geschichte und der Menschlichkeit beruht, ncht mehr kennengelernt Sie wurde zum Kampf erzogen, zur Härte nicht nur gegen andere, sondern gegen sich selbst. Darüber vergessen wir, daß der Krieg selbst diesen Vorgartg weiter gesteigert hat.
Jeder Krieg entfesselt neben höhet Opferbereitschaft und rührender Hingabe die dunklen Kräfte des Hasses und der Zerstörungswut Soange d:e Fleere triumphierend durch fremde Ländei streifen, empfindet der Sieger diese seelische Verhärtung und Verarmung nicht. Er sieht den Feind noch vor sich, dem er einst Auge in Auge gegenüberstand, spähend und lauernd, wo eine Schwäche sichtbar würde, bewußt der Notwendigkeit, zu töten, um nicht selbst getötet zu werden. Die Stunde der Prüfung kommt, wenn der entlassene Soldat n das bürgerliche Leben zurückkehrt.
Die Eigenschaften, die er jahrelang für die höchsten und besten gehalten hat, die des rücksichtslosen Kämpfers, der nur an sich und seine Kameraden denkt, drohen jetzt ihn der Welt zu entfremden, in die er notgedrungen zurückkehrt. Wir sehen, wie in allen Ländern die Leistungsfähigkeit der Arbeitskraft zurückgeht. Die Anspannung der Kriegszeit läßt nach. Der äußere Feind ist fortgefallen, aber keine inneren Werte ersetzen den Ansporn, der aus dem Kampfgeist des Krieges hervoigequollen ist.
- Datum 28.02.1946 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.2.1946 Nr. 02
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