Wo stehen wir heute?

Wenn wir heute gezwungen sind, die Monate nadi Beendigung der Kampfhandlungen zusammenzufassen, so fehlt uns eine umfassende, verständliche Bezeichnung. Wir begnügen uns notgedrungen mit der Abgrenzung gegen den vorangegangenen Zeitabschnitt „Nach der Kapitulation" sagen wir, oder auch: „nach dem Zusammenbruch". In früheren Zeiten hätten wir vielleicht gesagt: „Nach dem Kriege", oder gar: „im Frieden", aber vorläufig wagen wir diese Worte nicht laut auszusprechen. Wir leben in einem Zustand, der weder mit dem einen noch dem ändern Wort zu umreißen wäre. Nach dem Zusammenbruch. Das erinnert uns ait Bezeichnungen, die wir in den letzten zwanzig Jahren hörten. Die Nationalsozialisten sprachen vom „Umbruch" der Zeit, wenn sie den Januar 1933 meinten, Aufbrudi der Nation oder Aufbrach der Jugend hieß es damals.

Diesmal ist es von allen diesen nach vorn, in die Zukunft weisenden Bildern still geworden. Unsere Augen sind rückwärts gerichtet. Es ist, als ob das ungeheure Erleben der letzten Jahre uns noch nicht aus seinem Bann gelassen hätte. Wie könnten wir auch von der Zukunft sprechen, wenn wir so wenig von ihr wissen, so wenig Einblick in sie genießen? Selbst der berühmte Silberstreif am Horizont ist nirgends zu sehen. Tiefes Dunkel liegt nodi über unseren Wegen. Wenn wir heute nach einem Wort suchen, so müssen wir erst festen Boden unter die Füße bekommen.

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Auch die Geologie, die Kenntnis des Bodens, kann uns in der Politik wenig helfen, immerhin kann sie uns ein Wort schenken. Sie spricht von der Zerrung. Die Inselketten etwa, die den asiatischen Erdteil im Osten umfassen, sind derartige Zerrketten. Wie lebendig treten aus diesem Wort die ungeheuren Kräfte der Natur uns entgegen, die unsichtbar und doch spürbar das Gesicht der Erde verändern. Leben wir nicht ebenfalls in einer solchen Zerrung? Spüren wir nicht, daß Mächte um uns, in uns und mit uns ringen, die uns aus der von uns gewollten Bahn herausschleudern? Wir stehen in einer ßruchlinie, und damit drängt sich ein neues Wort auf. Nicht Zusammenbruch, sondern Zerrbruch ist das, was wir in den letzten Jahrzehnten mitgemacht haben, Spielball waren wir von geschichtlichen Kräften. Aber dieses Bewußtsein gibt uns die Kraft in die Zukunft zu sehen, denn aus jeder Kraft kann starkes Leben ersprießen, das nach einem Zusammenbrach zu Ende wäre.

Weil wir bei diesen Worten stehen, können wir noch an den Bruch denken, den die Flüsse Ostdeutschlands bilden. Wir kennen einen Oderbruch, einen Netzebruch, einen Warthebrudi. Das sind niedriggelegene Gebiete, die vom Wasser immer wieder überschwemmt werden, da sie nur knapp über den Wasserspiegel hinausragen. In grauer Vorzeit waren es Sümpfe, unbewohnbare, menschenfeindliche Einöden. Unsere Vorfahren haben sie bebaut, dem Fleiße des Landwirtes erschlossen. Und siehe, wo die Gefahr des Versinkens am größten war, da hat Zähigkeit und Tatkraft besonders fruchtbaren Boden geschaffen. Aus der faustischen Tat heraus erwuchs eine schönere Zukunft. Kann uns diese Erinnerung, die an ein Wort knüpft, etwas Hoffnung machen?

 
  • Quelle DIE ZEIT, 28.2.1946 Nr. 02
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