In Hamburg ist die Hamburger Bürgerschaft zusammengetreten. In Kiel hat sich der Provinziallandtag versammelt. In Bremen besprachen führende Mitglieder der süddeutschen Regierungen mit den verantwortlichen Leitern der deutschen Verwaltung in der britischen Zone Fragen des Wirtschafts- und Güteraustausches zwischen den Zonen. Können wir in diesen Zeichen den Beginn einer größeren Selbstverwaltung sehen? Viel liegt noch vor uns, bis dieses große Ziel erreicht sein wird. Die Hamburger Bürgerschaft ist nicht gewählt, sondern ernannt. Erst im Herbst wird sie durch Wahl neu gebildet werden. So spiegelt sie zwar den sozialen Aufbau der Hamburger Bevölkerung, nicht jedoch deren politischen Willen wider. Dennoch bildet sie bereits den Mittelpunkt vieler Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen. Sie soll Sprecherin werden für unsere Sorgen und Befürchtungen, Wegweiserin in dem Dunkel unserer Tage, das in der letzten Woche noch einmal durch die Lebensmittelkürzungen schwärzer und undurchdringlicher denn je geworden ist.

Wir müssen durch diese Wand hindurch, die unserm Weg sich entgegenstellt, diese Wand schier unlösbarer Aufgaben und Probleme. Eines haben wir in diesen Tagen wieder gelernt: Hindurch kommen wir nur aus eigener Kraft, wenn wir selbst alle Anstrengungen aufbringen, die uns zur Verfügung stehen, wenn wir jede schwächliche Hoffnung auf fremde Hilfe zurückstellen. In einer Welt, die selbst Hunger leidet, werden die Bedürfnisse des deutschen Volkes immer weiter zurückgestellt. Wir müssen uns selbst helfen.

Können wir das? Reicht unsere Kraft dazu noch aus nach allen dem, was wir in den letzten sechseinhalb Jahren durchgemacht haben? Die große Gefahr, die uns heute droht, ist der Verzicht auf das Leben überhaupt.

Lohnt es sich noch? Die einst blühenden Fluren liegen verwüstet und zerstört da. Von der Scholle, die nach Bebauung verlangt, die nur darauf wartet, gebrochen zu werden, um Früchte zu tragen, ziehen die Menschen fort in die Fremde. Die Ernte, nach der die hungernden Kinder ihre Arme ausstrecken möchten, verfault auf dem Halm. Die Geräte, die allein die Ertragsfähigkeit des Bodens auf der Höhe halten könnten, zu der sie in jahrhundertelanger Arbeit hinaufgesteigert worden ist, stehen in Regen und Wind und verkommen. Das ist der Krieg und seine Folgen. Aber ist dieser Krieg vorüber? Sind nicht seine Formen nur um so schrecklicher geworden, da er nicht mehr mit den Waffen in der Hand, sondern mit Kalorientabellen geführt wird? Im Krieg gegen den Hunger sind wir dabei, ebenso zusammenzubrechen wie im politischen Krieg.

Da gibt es Menschen, die zucken die Achsel und lagen: Dazu ist die Besatzungsbehörde da. Sie hat die Verantwortung, die in der Haager Konvention festgelegt ist. Wie sollten wir Verantwortung übernehmen, da uns jeder politische Willen versagt ist? Wie können wir planen und vorsorgen, wenn durch Hineinströmen von Millionen in einen überfüllten Raum alle Vorausberechnungen hinfällig werden? Und sie legen die Hände in den Schoß und warten ab. Der Ausdruck müden Verzichts verbindet sich mit dem eines stummen Vorwurfs. Das Volk versinkt im Chaos. Aus diesem Zustand der Abgestumpftheit nicht nur gegenüber fremdem, sondern sogar eigenem Leid müssen wir heraus. Nicht nur weil wir leben wollen und leben müssen, sondern weil wir die Bürde der Verantwortung, die wir tragen, nicht abgeben können. Die Jugend mahnt uns, sie nicht im Stich zu lassen in dieser Zeit tiefster Verzweiflung, und die Toten mahnen uns, die selbst nicht mehr helfen können. Was wir an Schwäche in uns tragen, mag es noch so berechtigt sein, müssen wir in uns überwinden angesichts derartiger Verpflichtung. Wir müssen uns wieder erheben, und zwar aus eigener Kraft.

Unsere Aufgabe liegt dabei nicht sosehr im Materiellen, wie es zunächst scheinen mag. Gewiß! Alles das, was notwendig wäre, um anfangen zu können, scheint zu fehlen. Ohne Kohlen kann eine moderne Industrie nicht anlaufen, ohne Industrie gibt es keine Werkzeuge, keine Düngemittel, keine Produktionsmittel. Der Ertrag der Äcker ging erschreckend zurück, wenn Maschinen, Tiere, Transportmittel, Kali und Stickstoff fehlen. Die Zahl der Menschenhände, die zur Verfügung stünde, tritt gegenüber diesen Mängeln zurück. Aber sind die letzten Reserven herangezogen, das Äußerste dessen bereits geleistet, was vielleicht noch möglich wäre? Das ist eine Frage der Menschen, und die Menschen sind verzweifelt.

Die Rückgänge der Erzeugungszahlen in der ganzen Welt lassen sich nur zum Teil auf Zerstörungen des Krieges und auf die Auswirkung großer Naturunbilden zurückführen, auf Trockenheiten und Überschwemmungen und Nachtfröste. Nicht unwesentlich ist die innere Unruhe, die durch die ganze Welt geht, die seelische Nachwirkung des Krieges. Die Menschen haben im Krieg das Arbeiten verlernt oder die Lust an der Arbeit verloren.