Von THEO TANTZEN-HERING

Ministerpräsident des Landes Oldenburg

Das Leben und die Zukunft des deutschen Volkes hängt davon ab, daß aus dem deutschen Boden der höchstmögliche Ertrag herausgeholt wird. Die Ernährung der Nation auf dem durch den Krieg so einschneidend verengten Raum kann nur dann gebessert werden, wenn gut geformte, leistungsfähige landwirtschaftliche Betriebe von den tüchtigsten Bauern bewirtschaftet werden.

Das deutsche Bodenrecht, das zurzeit in seinen wesentlichen Grundlagen im Reichserbhofgesetz niedergelegt worden ist, erfüllt diese Forderung nicht. Es hat im Gegenteil produktionshemmend gewirkt. Der deutsche Boden ist unter der Herrschaft des Reichserbhofgesetzes in den Händen einer durch Gesetz festgelegten und bevorzugten Personengruppe erstarrt. Die Höfe sind in zahlreichen Fällen nicht an den besten und fähigsten Bauern, sondern an ein durch Gesetz bestimmtes Familienmitglied des Erblassers gelangt, das unter den nächsten Angehörigen des Erblassers oftmals weder das geeignetste war noch über die Arbeitsfreude, die Tatkraft und die praktischen Kenntnisse verfügte, um aus dem Grund und Boden den höchsten Ertrag herauszuarbeiten.

Die Hoffnung und die Erwartung, die an das Reichserbhofgesetz geknüpft worden sind, daß das Bauerntum als Blutquelle des deutschen Volkes neu belebt und wirksam werden würde, hat sich nicht erfüllt. Noch immer finden wir in den Häusern der Kleinlandwirte und Landarbeiter die größte Kinderzahl und nur wenig Nachkommen auf den Höfen der Bauern.

Der Gedanke, der in dem Schlagwort "Blut und Boden" zusammengefaßt ist, die landwirtschaftliche Bevölkerung auf dem Lande festzuhalten und sie mit dem Boden wirklich zu verbinden, hat sich nicht verwirklicht. Die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß nach der durch die Inflation eingetretenen fast vollständigen Vernichtung des baren Betriebs- und Kapitalvermögens im Bauernstande ein Kind mit dem Erbhof alles erhält und die Geschwister als Abfindlinge in vielen Fällen mit dem "weißen Stabe" vom Hofe abziehen müssen, hat zu einer neuen Landflucht geführt. Die Geschwister des Anerben, die ihre Arbeitskraft vor Erlaß des Reichserbhofgesetzes nach altem Herkommen bis zu ihrer Verheiratung oder ihrem Selbständigwerden unter Anleitung und Anweisung der Eltern dem Bauernhof zur Verfügung gestellt und nach den alten Anerbenrechten bei dem Tode des Bauern in ihrer Abfindung den Entgelt für ihre auf dem Hofe geleistete Arbeit erhalten haben, sind unter der Herrschaft des Reichserbhofgesetzes zu dieser Arbeitsleistung nicht mehr bereit, da sie befürchten müssen, Jahre ihres Lebens umsonst gearbeitet zu haben. Sie verlassen den Hof und gehen in die Städte, um in einem landfremden Berufe ihren Lebensunterhalt zu suchen. Ihnen schließen sich die Kinder der Kleinlandwirte und Landarbeiter an, die auf dem Lande keine Aussicht mehr haben, zu einem freien Grundeigentum zu gelangen, weil der Grund und Boden durch das Reichserbhofgesetz im Wesentlichen festgelegt ist. Die nachgeborenen Söhne aus den Erbhöfen, die Landarbeiter und Knechte haben bei diesem Bodenrecht auf dem Lande nicht mehr die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Sie können sich mit ihrer Hände Fleiß nicht mehr zu Bauern emporarbeiten. Einer breiten Schicht der Landbevölkerung ist die Aussicht genommen, jemals in ihrem Leben zu selbständigen Grundeigentümern aufzusteigen. Damit ist der stärkste Motor menschlicher Arbeit und menschlichen Strebens zerstört worden Der Erbhofbauer selbst ist bei allen wichtigen Entscheidungen über seinen Hof und seinen Betrieb, insbesondere wenn er unter dinglicher Sicherstellung fremder Mittel zur Führung seines Betriebes bedarf, von der Zustimmung der Anerbenbehörde abhängig geworden. Der nationalsozialistische Staat, seine Organe und die Nationalsozialistische Partei haben den freien Bauern unter Vormundschaft gestellt und zu einem abhängigen Arbeiter gemacht.

Es ist daher im Interesse der Volksernährung und der Erhöhung der landwirtschaftlichen Erzeugung erforderlich, daß der Bauernstand so bald als möglich von den Fesseln eines seine Tatkraft und Initiative hemmenden Bodenrechts befreit wird. Wir müssen erkennen, daß der selbstwirtschaftende Bauer, der seinen Hof und seinen Acker kennt und ihm selbst durch ein ganzes Leben mit seiner Hände Arbeit die Früchte abringt, grundsätzlich am besten weiß, was seinem Hof und seiner Familie dienlich ist. Er wird zutreffender als das Gesetz und die staatlichen Behörden wissen, welcher unter seinen Söhnen oder welches unter seinen Kindern das geeignetste und fähigste ist, um seine Lebensarbeit zum Wohle des Hofes fortzusetzen. Er, der seinen Hofbesitz bis ins einzelne kennt, wird auf Grund seiner Erfahrung am sichersten, und zwar ohne behördliche Untersuchung und Entscheidung in der Lage sein zu beurteilen, ob es vorteilhaft ist, eine abgelegene Parzelle zu verkaufen, ein abgehendes Kind mit einem Bauplatz oder einem Acker oder einer abzutrennenden Neusiedlung auszustatten, ob es richtig ist, den Hof einheitlich einem seiner Kinder als Anerben zu übertragen oder gar, ob es betriebswirtschaftlich zulässig oder gar nützlich ist, den Hof unter seine Kinder aufzuteilen. Wer an die Zukunft unseres Volkes glaubt, muß auch an dem guten und gesunden Sinn unseres Bauern glauben, der am besten weiß, was dem Hofe nützt