Von HEINRICH LEIPPE

Uns erreichte die Nachricht – auf zeitgemäßen Umwegen und mit zeitgemäßer Verspätung, was bei der beinahe global gewordenen Entfernung HamburgStuttgart nicht weiter verwunderlich ist –, daß bei einer Aufführung von Büchners „Woyzeck“ in der schwäbischen Metropole der Hauptdarsteller mit Kartoffeln beworfen wurde. Jawohl, die erschütternde Gestalt des Woyzeck! Wie es heißt, sollen Jugendliche im Primaneralter und etwas darüber „moralischen Anstoß“ genommen haben. Wir können nicht untersuchen, wieviel Schuld daran die Aufführung trug: sie fand im Rahmen eines literarischen Kabaretts statt, und möglicherweise wurde der drastische Ausdruck, wie er sich gemäß Büchners realistischem Stil häufig in diesem Drama findet, zur Zote entstellt. Wir wollen desgleichen unberührt lassen, zu welchem Grade die Reaktion des jugendlichen Publikums aus der besonderen Gefühlsverfassung jener Jahrgänge erklärlich ist. Wir gedenken den Vorfall weder zum Anlaß für eine Theaterkritik zu nehmen noch daraus eine Fragestellung im Sinne der Jugendpsychologie zu machen – uns interessiert aber das erstaunliche Faktum dieses gründlichen Mißverstehens als künstlerisches und kulturpädagogisches Problem.

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Eine Dichtung mißverstehen heißt, sie in einem fremden, nicht in dem ihr innewohnenden Sinne willkürlich auszulegen; statt der vom Dichter geschauten, ihr andere, abseitige Bezüge geben, die aus ihrem Lebens- und Problemkreis heraus ins Unwesentliche und Falsche führen.

Das Urteil, Büchners „Woyzeck“ sei unmoralisch, entspringt einer Fehldeutung, wie sie willkürlicher und abwegiger nicht gedacht werden kann. Immerhin regt sie dazu an, die großartige Dichtung des genialen Dreiundzwanzigjährigen, der so tief unter der Moral des wackeren Stuttgarter Publikums der gleichen Altersstufe gestanden haben soll, erneut vorzunehmen und auf sich wirken zu lassen. Wie steht es also um Woyzecks Moral?

Nicht allein die schwäbischen Primaner bestreiten sie – der Hauptmann im Stücke hat es schon vor ihnen getan, „Woyzeck, Er ist ein guter Mensch – aber Woyzeck, Er hat keine Moral!“ Und hätte man sie zu einer Definition ihres Moralbegriffs gezwungen, so wäre wohl im großen und ganzen ihre Antwort auch nicht anders ausgefallen als die des sentimentalen Hauptmanns: „Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort.“ Aber diesem Philister kam in seiner Verlegenheit um eine ausreichende Definition wenigstens ein befreiender Einfall zu Hilfe: man konnte ja, da die Moral selbst so schwierig zu bestimmen schien, sie durch das Gegenteil deutlich machen (durch Negation, hätte Hegel gesagt). Und siehe da, der gute Woyzeck lieferte ihm das erhellende Beispiel für Unmoral: „Er hat ein Kind, ohne den Segen der Kirche, wie unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt, ohne den Segen der Kirche, es ist nicht von mir.“

Aber dieser dumpfe, schwerfällige, ersichtlich auf den Kopf gefallene Soldat, der sein Bursche war, pflegte aus der Einfalt seiner Natur heraus gelegentlich so seltsame Antworten zu geben, die den guten Hauptmann peinlich verwirrten. Sagte doch auch diesmal der Kerl auf seine moralische Vorhaltung: „Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.“ Und dann wurde er gar noch ausfallend (man weiß bloß nicht immer gleich genau, wie’s gemeint ist): „Wir arme Leut – sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat – da setz einmal einer seinesgleichen auf die Moral in die Welt. Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unseins ist doch einmal unselig in der und der anderen Welt. Ich glaub, wenn wir in’n Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.“ Kurios, nicht wahr? Aber es kommt noch toller. Auf seinen eindrucksvollen Hinweis auf die Tugend als den wesentlichsten Begriff der Moral, erwidert doch dieser unglaubliche Mensch: „Ja, Herr Hauptmann, die Tugend, ich hab’s noch nicht so aus. Sehn Sie, wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr war und hätt einen Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein. Es muß was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl.“ – Führt dies nicht zum Abgrund eines moralischen Relativismus? Kein Wunder, wenn der wackere Hauptmann sich nach diesem Diskurs ganz angegriffen fühlte. Und die Stuttgarter Primaner – hätten sie vielleicht doch recht gehabt mit ihrer Entrüstung über Woyzeck?