„Die Welt von gestern“

Stefan Zweigs Lebensbeschreibung von Jürgen Schüddekopf

„Sie haben den neuen Stefan Zweig?“ – „Nur, leider, muß ich ihn mittags schon zurückgeben, ich bekam ihn nur für 24 Stunden. Wollten Sie ihn anschauen?“

So trifft man auch auf dieses Buch, wie es längst Gewohnheit wurde, in einer flüchtigen Begegnung. Sie scheinen derzeit das Leben auszumachen. Ein handfester Leinenband. Wir kennen den Buchtyp bereits, so sahen die ersten Boten aus, die von Jenseits der chinesischen Mauer Botschaft brachten. Der Verlag Hamish Hamilton in London bringt in diesen Banden eine Reihe deutscher Emigrantenliteratur heraus.

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Stefan Zweig berichtet von seinem Leben, von der Welt von gestern: Welt der Jahrhundertwende, in Wien erlebt. Wir haben davon wie von einer fernen Legende vernommen. „Das goldene Zeitalter der Sicherheit“, die Welt scheint harmlos, oft rührend und naiv, noch sind nicht Dämonen, noch scheinen Genien am Werke. Zweig schildert den Aufstieg einer jüdischen Familie, still und vorsichtig werkeln Großvater und Vater, aber über den Enkel bricht eine jähe Brandung des Enthusiasmus herein. Die Gestalt des jungen Hofmannsthal erscheint, faszinierend und beglückend. Als sei durch ihn die Luft mit elektrischen Spannungen geladen, die die Herzen vorwärtstreiben, beeinflußt er die Gymnasialklasse, zu der Zweig gehört: sie lesen Nächte hindurch, sie schreiben, sie diskutieren. Eine schöne Beschreibung von Hofmannsthal, wenn er im Gespräch ist. Die Welt des geistigen Erbes schließt sich, von seiner zauberkräftigen Intuition angerührt, diesen jungen auf: von hier stammen Stefan Zweigs vielgelesene Biographien und die schönen Übersetzungen, in denen noch das ahnungsvolle Wissen jener Jahre enthalten ist. Zweig findet den Weg zur Zeitung, Herzl, der klassische Berichterstatter der Dreyfußaffäre taucht auf, nobel und patriarchalisch sein Feuilleton verwaltend, Zweigs Name wird bekannt, über Wien hinaus, man konnte noch mit nichts als einem Federhalter sich die Welt erobern. Fäden knüpfen sich ins Ausland, und aus ihnen entsteht das Bild einer greifen europäischen Freundschaft.

Eine hastige Lektüre, die Uhr der Leihzeit läuft schnell, Aber eine bewegende Lektüre. Die Welt hat, merkwürdige Phantasmagorie, einen Schwerpunkt. Nicht ein Leben wird erzählt, das ist das Beglückende, sondern – und es klingt wie eine Sage – das Bild einer geistigen Provinz, in der Europas Elite wohnt, Immer wieder schimmert in sachlichen Exkursen über soziale, sexuelle und Jüdische Probleme die Wirklichkeit durch, aber wirklicher scheint die Welt des Geistes. Und daß er keiner der Solitären ist, der Unvergleichlichen, sondern einer unter anderen, ein Schriftsteller seiner Jahrzehnte, der begabt ist mit dem Sinne für Wirkung, mit Intuition, Einsicht, Wortgewalt und Formulierfreude – das gerade gibt dem Buch den dokumentarischen Rang.

„Sie sind noch beim Lesen? Nun eine halbe Stunde kann ich noch warten.“ Wie Vorboten der Unruhe sind die langen Reisen, auf die ihn Romain Rolland ausschickt, weil Europa zu eng sei. In Indien trifft er einen deutschen Generalstäbler auf Forschungsreise, befreundet sich mit ihm und seinen Gedankengängen. Das ist Karl Haushofer – und in ein paar Sätzen gelingt diesem großen Kenner der Wirkungen eine Szene, die in absichtslosen Nebenbeisätzen besteht und aufs Herz schlägt. Heß wird erwähnt, der Schatten Hitlers steht über dem Buche auf. Das ist der zweite Teil des Buches, nahe Geschichte, aufgezeichnet von dem feinsten Seismographen, den es gibt, vom geistigen Menschen. Die neue Welt frißt die alte auf. Frühzeitig treibt die Witterung des Kommenden Stefan Zweig aus seinem Salzburger Hause. Das legendäre Inselreich des Geistes, das über dem zuckenden Europa webte, ist vorbei. Als einer seiner besten Bürger erlebt Zweig in schonungsloser Klarheit das Geschehen, immer ahnungsvoll den Ereignissen voraus. Was er wieder nur in lapidaren Sätzen, aus den Septembertagen des Jahres 1939 in Londoner Aufzeichnungen beschreibt, das ist die ohnmächtige Verzweiflung des geistigen Menschen, ausgedrückt in einer gültigen und schrecklichen Formel.

Es ist ein gerader Weg, der von diesen Sätzen zu dem Abschiedsbrief führt, den Stefan Zweig in Petropolis im Februar 1942 schrieb, als er mit seiner Frau aus dem Leben schied. Von Heimweh verzehrt... Vom Gastlande Brasilien, das er in einem Buch beschrieb, verehrungsvoll aufgenommen, von verständigen Freunden umgeben, im sorglosen Wohlstand lebend – war er verzehrt vom Heimweh nach der Heimat und einer für immer versunkenen Welt. Jürgen Schüddekopf

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  • Quelle DIE ZEIT, 21.3.1946 Nr. 05
  • Schlagworte Stefan Zweig | Dämon | Enkel | Romain Rolland | Brasilien | Indien
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