Dieser Sonntag, der dem Gedenken der Gefallenen gewidmet war, ist vorübergegangen, ohne daß er sich von anderen Tagen wesentlich unterschieden hätte. Sind es die Sorgen der Gegenwart und die lastende Ungewißheit der Zukunft, die uns das jüngst Vergangene so fernrücken? Oder hat uns die Zeit phrasenhafter Entwertung aller Begriffe mit ihrem hohlen Heldenkult auch noch um das letzte Besitztum betrogen: um die Erinnerung eines Volkes an seine gefallenen Brüder und Söhne?

Mancher mag vielleicht auch denken, warum Christentum nur am Sonntag, warum ein bestimmten Tag des Gedenkens für die, die mit unserm Leben und Denken so eng verwoben sind, daß sie uns auf Schritt und Tritt begleiten – heute viel unlöslicher mit uns verbunden, als je in den Tagen gemeinsamen Alltags.

Wenn wir einmal ganz nüchtern den Sinn dieses Tages überdenken, dann steigt in uns die Erkenntnis auf, daß der Tod auf dem Schlachtfeld zweierlei bedeutet. Einmal das individuelle Sterben eines Menschen, das Herausbrechen seines Lebens aus einem ganz bestimmten Wirkungskreis, aus dem Bereich seiner Familie und seiner besonderen Umgebung, und zum andern jenes Ungreifbare, darüber Hinausgehende, für das es keinen Begriff gibt und das doch in der Vorstellung aller Völker seit der Antike lebendig ist. Unsterblich ist die Rede des Perikles auf die gefallenen Athener, ewig gültig das Wort Heraklits: „Die im Kriege Gefallenen sind bei Göttern geehrt und Menschen“; ungezählt bleiben die Worte der Bibel, die die Völker aller Epochen und Sprachen ihren gefallenen Kriegern zum Gedächtnis in Stein meißelten.

Der Tod auf dem Schlachtfeld ist eben nicht nur die Summe aller sterbenden Krieger und ihres individuellen Todes – er ist mehr. Wenn wir ihn wirklich zu Ende mitdenken, so führt er uns heraus aus den Irrtümern dieser Welt mit all ihren so menschlichen Vorurteilen von Nation und Nationalitäten, von Freund, Feind und Gegner, hinein in jene höhere Welt, in der es nur noch Brüder gibt, die einander alle gleich nah sind. Dort auf dem Schlachtfeld haben sie die Welt des Stückwerks überwunden und stehen nun alle vor Gottes Angesicht in der Welt des Vollkommenen.

Für unsere menschliche Schwäche wird das immer nur faßbar sein durch die Liebe für eben den, um den wir im besonderen trauern, weil er für uns den Zugang zu jener Welt bedeutet. Vielleicht darum das Wort: „Selig sind die Leidtragenden“; jedenfalls ist darum das Trauern im Sinn des Gedenkens und mit dem Wunsch, den lebendigen Zusammenhang mit den Gefallenen zu erhalten und zu vertiefen, so wichtig. Ihr Tod ist nicht das letzte, was geschah, sondern er ist nur die Verwandlung eines scheinbar zerbrochenen Lebens in die Vollendung seines eigentlichen Wesens, auf einer höheren Ebene und in einem größeren Zusammenhang. So wie es in dem Requiem für einen Freund Rainer Maria Rilkes heißt:

Leben ist nur ein Teil... wovon? Leben ist nur ein Ton ... worin? Leben hat Sinn nur verbunden mit den vielen Kreisen des weithin wachsenden Raumes, Leben ist so nur der Traum eines Traumes – aber Wachsein ist anderswo.

Wir wissen, daß unsere Toten Gott näher sind als wir. Darin liegt nicht nur ein Trost, sondern zugleich auch eine besondere Hoffnung, die aus der Gewißheit wächst, daß etwas von jener Klarheit, in der sie jetzt stehen, auch in unsere unzulängliche Welt hineinreicht, und daß sie die Kraft haben, auch unser Leben mit zu verwandeln. Die Gefallenen des Krieges aber haben nicht nur jeder einzelne für die um ihn Leidtragenden Bedeutung, sondern sie alle zusammen haben in einem besonderen Sinne Bedeutung für ihr Volk und dessen geistige Wandlung.