In diesen Tagen traf in Bremen der amerikanische Dampfer "City of Millage" mit fast 4500 Tonnen Rohbaumwolle ein, einer Ladung, die ungefähr 18 000 Ballen entspricht. Es ist dies zwar nicht die erste Ankunft eines Baumwollschiffes – schon um die Jahreswende wurden 9000 Ballen für die Tschechoslowakei umgeschlagen – die jetzige Ankunft ist aber allein für die Verarbeitung in süddeutschen Spinnereien bestimmt und der erste Teil jener 10 000 Tonnen Rohbaumwolle, die vor kurzem angekündigt wurden.

Nach der Planung des USA-Außenamtes werden zunächst die Textilbetriebe der USA-Besatzungszone eingeschaltet. Insgesamt 40 000 Ballen sollen hier versponnen und verwoben werden, jedoch soll der volle Wert wieder aus deutschem Gebiet in andere europäische Länder ausgeführt werden. Das bedingt indessen nur die Wiederausfuhr eines Teils der Fertigfabrikate, weil der Wertanteil des Rohstoffs daran etwa 40 v. H. beträgt, Nach der Bezahlung der amerikanischen Rohbaumwolle durch Fertigprodukte verbleibt also Deutschland ein Anteil von 60 v. H. der fertigen Baumwollwaren für den eigenen Bedarf.

Nach einer Vereinbarung der Amerikaner mit den süddeutschen Ländern werden in erster Linie Säcke, Erntebindegarn, Berufskleidung und andere Fertigprodukte hergestellt, die dem allgemeinen Wirtschaftsleben dienen. Der deutsche "Normalverbraucher" wird sich also bei dieser "Ankurbelung" noch nichts herausrechnen dürfen. Die Amerikaner haben aber über diese Anfangslieferungen hinaus zugesagt, aus ihren Reserven große Mengen von Rohbaumwolle freizugeben, um die europäische, indische und fernöstliche Textilindustrie wieder in Gang zu bringen.

Was Deutschland betrifft, so hat in diesem Zusammenhang Generalleutnant Clay im Auftrage der amerikanischen Regierung angeboten, in Zukunft so viel Baumwolle zu liefern, daß jeder deutsche Webstuhl wieder in Gang gesetzt werden kann. Das würde nicht nur Hunderttausende von Textilarbeitern wieder in Arbeit bringen, sondern auch den Mangel an Baumwollfabrikaten in Deutschland und darüber hinaus lindern. Die Amerikaner denken im übrigen im eigenen Interesse daran, sich jetzt übermäßiger Vorräte zu entäußern. Es ist zwar richtig, daß die Baumwollernte (1945) der USA mit 9,2 Millionen Ballen eine der schlechtesten der letzten fünfzig Jahre war, aber Reserven sind heute weder für Kriegszwecke noch zur Marktregulierung vonnöten, so daß der Verkauf eines wesentlichen Teils der über 11 Millionen Ballen Überschußbestand ein gutes Geschäft darstellt. Der Preis, den man mit etwa 24 Cents nennen hört, ist zwar kein ausgesprochener Konjunkturpreis, folgt aber der aufsteigenden Tendenz, die die Weltknappheit an Baumwollgütern mit sich bringt.

Eine bemerkenswerte Funktion fällt in diesem Zusammenhang dem Platz Bremen zu, der sich ehedem rühmen durfte, der führende Baumwollmarkt des Kontinents zu sein. Die Umschlagskapazität des Bremer Hafens ist durch Kriegsschäden heute nicht mehr entscheidend beeinträchtigt. Vor allem aber hat sich der bremische Handel, der einstmals für ganz Deutschland die Geschäfte in amerikanischer Baumwolle ausführte, sein altes Ansehen und, durch seine Experten und Klassierer, auch die Fachkenntnisse bewahrt. So macht sich – in ähnlicher Weise wie nach dem ersten Weltkrieg – die Summe von Erfahrung, die in vielen Jahrzehnten hier angesammelt wurde, zugunsten der Gesamtheit nutzbringend geltend. Auch um die einstweilige Finanzierung hat sich der Verein Bremer Baumwollhändler im Zusammenwirken mit einem Bankenkonsortium verdient gebracht, indem er die erforderlichen Reichsmarkbeträge kurzfristig in Form eines Gemeinschaftsgeschäfts kreditiert, bis die Spinnereien sich für ihre Fabrikate bezahlt machen können. A. W–d.