Der Fehlbetrag an Weizen für die Brotgetreideversorgung der Welt – für die Monate bis zum Herankommen der neuen Ernten in den großen Erzeugungsgebieten der nördlichen Halbkugel – wurde zunächst mit 5 Mill. t angegeben. Dann stiegen, angesichts eines Gesamtbedarfs von 21 Mill. t, die Zahlen für den Fehlbetrag mit phantastischer Schnelligkeit auf 6, 7, 9 Mill. t. Jedes Bedarfsland erhöhte seine Forderungen, jedes Überschußland verstärkte seine Reserven-Rüstung angesichts einer ungewissen Zukunft, und das Ergebnis war ein sprungartiges Emporschnellen der Defizitzahlen. Dann aber kam die Besinnung, die Reaktion.

Der neue "Lebensmitteldiktator" Hoover hat, bereits wenige Tage nach Übernahme seines Amtes als Vorsitzender des USA-Ausschusses zur Bekämpfung der Lebensmittelnot, die beruhigende Erklärung abgeben können, daß Nord- und Südamerika gemeinsam nicht weniger als 7 Mill. t Weizen zusätzlich für die Ernährung der Welt bereitstellen können. Das wird ermöglicht durch Einschränkungen im Eigenverbrauch (besonders in Brauerei und Brennerei), durch verstärkte Ausmahlung, verringerte Verfütterungsquoten und Mobilisierung aller sonstigen Reserven.

Die fehlenden 2 oder 2,5 Mill. t an Brotgetreide werden unschwer zu beschaffen sein, wenn man den Hungernden, statt Weizenbrot zu geben, Brot, Nährmittel und Teigwaren aus Roggen und Gerste, Hafer und Mais als guten Ersatz liefern würde. Dänemark ist wieder einmal mit gutem Beispiel vorangegangen. Es hat sich bereit erklärt, auf die Einfuhr der an sich erforderlichen Weizenmenge von mehreren hunderttausend Tonnen verzichten zu wollen, und die eigenen Weizenbestände durch Beimischung von Roggen, der noch ausreichend vorhanden ist, zu strecken. Ferner wird England, das schon so oft ausgeholfen hat, zusätzlich 800 000 t für den Kontinent liefern. Das ist, abgesehen von den Lieferungen an Fischen, Gemüse und Kartoffeln, etwa nochmals die gleiche Menge, die Großbritannien seit Mitte 1945 allein an Deutschland gesandt hat.

Herbert Hoover wird auf seiner Reise in die Bedarfs- und Hungergebiete der Welt zunächst Frankreich besuchen. Dort kommt er gerade zurecht, um eine höchst interessante Möglichkeit gesteigerter Zufuhren mit beraten zu können. Die Sowjetunion hat Frankreich 500 000 t Getreide – Weizen und Gerste zusammen, in einer noch nicht genau festgelegten Relation zwischen diesen beiden Getreidearten – angeboten, mit der Maßgabe, daß diese in den Schwarzmeerhäfen lagernden Mengen von französischen Schiffen abgefahren werden müßten. Da die französische Flotte zurzeit durch andere Aufgaben beansprucht wird und jene Transporte also nicht durchführen kann, wird die USA War Shipping Administration in die Bresche springen und Frankreich die erforderliche Tonnage an Liberty-Schiffen zur Verfügung stellen.

Ungeklärt bleibt nun noch die Frage, ob Sowjetrußland, das ja offensichtlich, wie das großzügige Angebot an Frankreich zeigt, über anscheinend ausreichende Brotgetreide-Vorräte verfügt, und das auch demnächst die Brotgetreide-Rationierung aufhebt, darauf rechnen kann, für seine Teilgebiete Weißrußland und Ukraine weitere Lebensmittellieferungen durch die UNRRA zu erhalten. Erbeten und vorgesehen waren bisher Hilfeleistungen im Werte von 250 Mill. Dollar. Frankreich wird übrigens den Anschluß an die neue Ernte ohne Rationskürzungen erreichen können.

Neben der "United Nations Relief and Rehabilitation Administration", der UNRRA also, wird sich nun auch die im Mai 1942 auf der Konferenz von Hot Springs geschaffene FAO (Food and Agriculture Organization) bei der Bekämpfung der Welt-Hungerkatastrophe einschalten. Die UNRRA, die heute vor allem Italien, Griechenland, Jugoslawien und Österreich ganz oder doch zu einem erheblichen Teil ernährungsmäßig versorgt oder ernährungswirtschaftlich betreut, wird ihre Tätigkeit voraussichtlich planmäßig Ende 1946 in Europa und Mitte 1947 in Asien beenden. Dann hat die FAO allein die Aufgabe, "die Hungernden zu speisen", oder vielmehr, dafür zu sorgen, daß die Hungernden in den Stand versetzt werden, sich durch ihrer Hände Arbeit selber das Brot zu schaffen... G. K.