Hermann Göring vor Gericht

Als Rudolf Heß am Abend des ersten Tages von Görings Zeugenvernehmung einem etwas erschöpften, aber sichtlich mit sich selbst zufriedenen Hermann Göring die Hand schüttelte und sagte: "Sie waren ausgezeichnet", machte er damit nicht nur seinem Mitangeklagten und Parteigenossen, sondern unbewußt auch einem andern ein berechtigtes Kompliment: dem Vorsitzenden des Gerichts, Lord Justice Lawrence, der in seiner souveränsachlichen Unparteilichkeit während der ganzen Vernehmung dem Zeugen Göring alle Chancen gab, das zu sein, was Heß "ausgezeichnet" nannte. Und wenn der Zeuge Göring in den letzten drei Tagesrunden seines Verhörs dann nicht mehr so ausgezeichnet wirkte, wenn er mehr einstecken mußte, als er in den ersten fünf ausgeteilt hatte, so lag das gewiß nicht an einem Nachlassen seiner Form, sondern an der Sache, die er vertrat und die in aller Breite zu entwickeln und anzupreisen das Gericht ihm volle Gelegenheit gegeben hatte.

Offensichtlich ist Lord Justice Lawrence von Anbeginn bestrebt gewesen, die Person Göring und die Sache, für die er einsteht (und vor Gericht kam), voll und möglichst in des Angeklagten eigenen Worten in die Beweisaufnahme einzufangen. So hat er ihm – dies dem Hauptankläger und so manchem ungeduldigen Beobachter des Prozesses zum Trotz – immer wieder gestaltet, das ganze farbenprächtige Pfauenrad des nationalsozialistischen Staatsbildes und seiner eigenen Rolle als zweiter Mann – im Staat vor Gericht aufzuschlagen und in langen, nicht immer zur Sache gehörenden Vorträgen voll von jener Selbstzufriedenheit, die durch die Ereignisse nicht getrübt wird, das zu betreiben, was der amerikanische Ankläger protestierend "Nazipropaganda im Gerichtssaal" nannte.

Hat Göring mit seinem letzten großen Auftritt vor Deutschland und der Welt tatsächlich Propaganda gemacht? Hat er sich oder dem National-, Sozialismus einen besseren Abgang verschafft, was offensichtlich sein Vorhaben war? Vergleichen wir die ersten Runden seines Kampfes mit den letzten, den Kampf entscheidenden!

Göring hatte sich – für den Prozeß ähnlich wie für sein früheres politisches Leben – ein eigenes Charakterbild zurechtgeschnitten und seiner Verteidigung und seinem Auftreten unterlegt, das zwar dem Göring, wie man ihn aus seinen Taten kennt, nicht ganz entsprach, aber mit seinen kleinen Auslassungen und Hinzufügungen vielleicht glaubhaft gemacht werden konnte. Wenn man ihn in den ersten Tagen hörte, so war er der "Hierstehe-ich,-ich-kann-nicht-anders-Göring", derMann, der für alles einstand, was er tatsächlich getan hatte, und nur nicht für das, was er nicht getan hatte. Der Mann, der nichts bereute, der, in die Lage versetzt, noch einmal von vorn anzufangen, alles noch einmal genau so machen würde. Er war der großzügige Schirmherr, der sich schützend vor seine Untergebenen und Mitangeklagten stellte, der willig und freudig die Verantwortungen trug, die er übernommen hatte. Er kämpfte nicht um seinen Kopf, er wollte sich nicht reinwaschen, es war um ganz egal, was ihm passierte. Alles, was er, der Mann, der besser hinter den dichten Kulissen des Dritten Reiches Bescheid wußte als jeder andere Überlebende, wollte zwar Geschichte richtigstellen und sich, den Nationalsozialismus und sein Volk gegen ungerechtfertigte Anklagen verteidigen.

Kurz, er war der feine Kerl, der mutige, aufrechte Bekenner, der zwar verloren, aber nicht verspielt hatte, der für sein Volk das Beste gewollt und mit seinem Nationalsozialismus einfach nur Pech gehabt hatte.

So mußte ihm doch wenigstens ein guter Abgang sicher sein ... Wenn die Anklagebehörde nur nicht auf die Richtigstellung der kleinen Auslassungen und Hinzufügungen bestanden hätte!