Während des Krieges, nach der Casablanca-Konferenz des Jahre 1943, erklärte Winston Churchill, daß kaum eine Tatsache für die künftige politische Entwicklung der Welt von so großer Bedeutung sein werde wie der Umstand, daß Großbritannien und die Vereinigten Staaten die gleiche Sprache redeten. Die Betrachtungen in der Weltöffentlichkeit, die auf die große Rede Churchills in Fulton folgten, haben diesen Gedanken noch einmal unterstrichen. Manche Mißdeutung der Worte des britischen Staatsmannes ergab sich aus dem Verkennen der Grundtatsache, daß England und Nordamerika eine Völkerfamilie bilden.

Europäische Politiker haben die inneren Bindungen nicht immer richtig gesehen, die von einer Seite des Nordatlantik zur andern hinüberreichen. Deutschland mußte zweimal schwer für seinen Fehler büßen, die -politische Einstellung der nordamerikanischen Bevölkerung völlig falsch eingeschätzt zu haben, in ihr nur die nach Dollar jagenden Geschäftsleute zu sehen, die niemals mit der Waffe in der Hand in Europa die Entscheidung bringen könnten. Solche Irrtümer werden vielfach bedingt durch eine der europäischen fremde Beurteilung der gesamten Politik Nordamerikas.

Dank ihrer ungewöhnlich günstigen Lage können die USA nicht unmittelbar in ihrem Bestand bedroht werden, wie etwa ein europäisches Land. Jahrhundertelang hat England dank seiner Insellage und seiner Herrschaft zur See eine ähnliche Stellung in der europäischen Politik gespielt, wie heute die Vereinigten Staaten in der Weltpolitik. Es konnte sich aus allen großen Bündnissen so lange heraushalten, bis es die Stunde des Eingreifens für gekommen hielt. Es trat dann auf die Seite der bis dahin schwächeren Partei und führte durch seine Überlegenheit die Wende herbei. Bis zu diesem Augenblick war es die Quelle der Verzweiflung der zunächst unterliegenden Partei, weil diese vergeblich auf ein rechtzeitiges Eingreifen wartete; es war aber genau so der Grund der Sorge und Beunruhigung des Siegers, der in seiner Flanke oder seinem Rücken eine Macht spürte, die ihm jeden Augenblick gefährlich werden konnte.

In den ersten Tagen des August 1914 war die französische Regierung verzweifelt, weil England nicht sofort eingriff; erst der deutsche Einmarsch in Belgien, der englische Interessen direkt berührte, brachte den Umschwung. Und vor der Münchener Konferenz 1938 warteten die Staatsmänner der Tschechoslowakei vergeblich auf ein Zeichen aus London Das Wort vom "perfiden Albion" ist von enttäuschten Bundesgenossen fast ebenso häufig gebraucht worden wie von überraschten Gegnern, weil sie nie der besonderen Lage Englands gerecht wurden und seine Politik verkannten.

Zweifel um die USA

Es berührt seltsam, daß die Beurteilung der nordamerikanischen Politik heute auf ähnliche Schwierigkeiten stößt, und daß selbst England nun der amerikanischen Haltung mit ähnlichen Zweifeln gegenübertritt, mit denen einst seine eigenen Verbündeten auf dem Festland die britische Politik gesehen haben. Früher ging das Streben der festländischen Großmächte dahin, England in irgendein Bündnis, am besten in ein Militärbündnis, hineinzupressen. Ein nicht unwesentlicher Grund dafür, daß 1939 keine gemeinsame britisch-sowjetische Politik festgelegt werden konnte, die vielleicht in letzter Minute den Krieg verhindert hätte, lag in der Weigerung Großbritanniens, ein bedingungsloses Waffenbündnis mit Rußland einzugehen.

Klingt nicht bei mancher Betrachtung über die amerikanische Außenpolitik eine ähnliche Klage durch? Ein Militärbündnis zwischen den beiden englischsprechenden Nationen soll den Frieden sichern, den Sieg der Demokratie und Gerechtigkeit über jede nur mögliche Bedrohung bedeuten. In die Worte Churchills in Fulton wurde der Sinn gelegt, als sei ein derartiges Bündnis gefordert oder gar in Vorbereitung. Besprechungen der hohen Militärs der beiden Länder, die angekündigt wurden, scheinen eine Bestätigung zu bringen, und schon wollen manche einen Vergleich mit den Vorgängen der Entente Cordiale, der Zusammenarbeit zwischen England und Frankreich vor 1914, oder den Generalstabsbesprechungen vor 1939 sehen. Stalin hat in einer Rede sogar durchblicken lassen, daß die Sowjetunion derartige Pläne mit wenig freundlichen Augen sähe.