Von Richard Tüngel

"Während meiner Abwesenheit habt auch Ihr Euch die Verbannung verdient, nein eigentlich den Würgestrick. die Garrotte. Doch weil Ihr ein großer Künstler seid, wollen Wir Vergessen üben." Diese Worte sprach, so wird berichtet, Ferdiland VII. von Spanien zu seinem Hofmaler, dem alten Goya, als er 1814, wieder König geworden, nach dem Sturz Napoleons in seine Hauptstadt zurückgekehrt war. Goya hatte zu denen gehört, die dem Usurpator Joseph Bonaparte den Treueid geleistet hatten. Viele aus der näheren Umgebung des Königshauses, Granden mit klingenden Namen, Männer des Geistes, wie der Staatsmann Jovellanos und der Dramatiker Moratin, hatten ähnlich gehandelt. Goya war weitergegangen. Nicht nur, daß er die Pflichten eines Hofmalers getreulich erfüllte – diese Stellung zu bewahren war ja ein Grund seines Verhaltens gewesen – daß er das Kreuz der Ehrenlegion stolz auf sein Staatskleid heftete, er hatte, als er für das Rathaus der Hauptstadt die Allegorie von Madrid malte, auf dem von Engeln gehaltenen Schild das Bildnis Joseph Bonapartes angebracht, des Mannes, der den Bluttaten des Dos de Mayo, des 2. Mai 1808, an dem Murat zweitausend Spanier in Madrid erschießen ließ, den Thron verdankte, auf dem er zu Unrecht saß. Ein Afrancesado also war Goya, ein Französling, ein Josefino, wir würden heute sagen ein Vertreter der Collaboration, während rings im Lande die Resistance aufflammte. Doch hat er nicht gleichzeitig diese Résistance verherrlicht in einem Zyklus von fünfundachtzig Radierungen, den Desastres de la Guerra, und waren nicht seine beiden Bilder des Dos de Mayo. die Füsilierung von Straßenkämpfern im Manzanares-Tal und die Attacke berittener Mamelucken auf der Puerta del Sol eine flammende Anklage gegen die französischen Unterdrücker? Offenbar hatte er also für beide Seiten Verständnis. Haben wir da heute ein Recht, von dem Jubiläumsdatum Gebrauch zu machen, um uns seiner zu erinnern, heute, da von einem Künstler in erster Linie Gesinnung verlangt wird? Sollten wir nicht aus Gründen politischer Pädagogik dieses Datum stillschweigend übergehen? Oder fällt vielleicht, wenn wir die Schatten seiner Persönlichkeit zu ergründen suchen, ein Licht auch in unsere Zeit und auf Probleme, die bei uns zur Erörterung drängen?

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Spannungsreich jedenfalls war sein Leben. Zu keiner Zeit läßt es sich auf eine einheitliche Linie bringen. Sancho Pansa und Don Quichote, diese großartigen Sinnbilder des spanischen Volkscharakters, sind bei ihm – wie bei vielen seiner Landsleute – in einer Figur verschmolzen; neben dem schlauen, bäuerlich haushälterischen und zugleich, stets zum Genuß des Augenblicks fähigen Temperament des Maultiertreibers lebt unvermittelt in ihm der fanatische geistige Ehrgeiz und die melancholische Verstiegenheit des Ritters von der traurigen Gestalt. Toll war seine Jugend, "ein wüstes Landstreicherleben", wie er selber später in einem Brief an die Schwester seines Freundes Zapater schreibt. Ungewöhnlich kräftig und muskulös. streit- und spottsüchtig, voll – überschäumender Lebenslust, war der Malschüler Anführer einer jugendlichen Bande in Saragossa gewesen. Wie François Villon aus Paris, so mußte er aus Saragossa fliehen; nach nächtlichen Zusammenstößen waren drei Tote in den Straßen der Stadt gefunden worden. Vier Jahre später floh er aus Madrid. Diesmal war er selber, bei einem Liebeshandel verwendet, in einem Straßenwinkel liegengeblieben und von Freunden vor der Polizei verborgen worden. Als Stierkämpfer – Francisco de los Toros unterschrieb er sich in einem Brief – erwarb er den Unterhalt, um nach Rom zu ziehen. Hier wurde er ertappt, als er in ein Kloster einbrach, um eine Nonne zu entführen, und nur der Fürsprache des spanischen Gesandten verdankte er es, daß er nach Madrid zurückkehren konnte. "Ein wüstes Landstreicherleben", gewiß, doch daneben muß er gearbeitet haben, mehr und intensiver als die meisten braven Akademieschüler, denn bei den Werken, die nach seiner Rückkehr entstehen, tritt er sogleich als fertiger Meister auf.

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Er heiratete, wurde festbesoldeter Maler der Teppichmanufaktur von Santa Barbara in Madrid, wenige Jahre darauf – wonach er mit brennendem Ehrgeiz getrachtet hatte – Hofmaler und Direktor der Akademie, er arbeitete wie ein Besessener, es sieht so aus, als sei ein Wandel in seinem Leben eingetreten, doch wie vorher seine lockere Aufführung die Arbeit vergessen ließ, die er leistete, so verdecken jetzt der Anblick der bürgerlichen Existenz und der unerhörten Arbeitsenergie die Fülle von Liebesabenteuern, von Streitfällen und Händeln, die ihn bis in sein spätestes Alter begleiten. Der Hof von Madrid war damals – als in Frankreich schon die Köpfe unter der Guillotine fielen – der lockerste und frivolste von Europa. Der Hahnrei Karl IV. war gleichgültig gegen das Treiben seiner Königin Maria Luise von Parma, der spanischen Messalina und ihres allmächtigen Günstlings Godoy, und die sonst so sittenstrengen Grandenfamilien waren von der Fäulnis des Königshauses angesteckt. Goya, der gefeierte Künstler, spielte die Rolle eines sehr männlichen Liebhabers an diesem Hofe. Die elegantesten Frauen stritten sich um ihn. Und der, der leichte Genüsse sonst niemals ausließ, der nach bäuerlichem Instinkt Vater von zwanzig ehelichen Kindern war, verzehrte sich in Liebe zu der exzentrischsten Frau dieser Zeit, die ihn durch die Kaprizen ihrer vollkommenen Unabhängigkeit zur Verzweiflung brachte, der schönsten Frau Madrids, der Herzogin von Alba. Er hat sie oft gemalt. In ganzer Figur, stehend, in weißem Directoirekleid und schwarz gewandet als Manola mit Fächer und Mantilla. Es gibt Skizzenbücher und Folgen kleiner Ölgemälde mit Themen aus ihrem häuslichen Leben, sie hat ihm als Modell gedient für seine beiden Figuren der nackten und der bekleideten Maja. Durch die Radierungen der Caprichos geistert ihre graziöse Gestalt. Es gibt eine Zeichnung, einen Entwurf für diese Folge, der als Radierung nicht ausgeführt wurde, "Traum der Lüge und der Unbeständigkeit". Die schöne Frau trägt die Züge der Herzogin, der Mann erinnert deutlich an Goya. "Gestern kam sie in mein Atelier", schreibt er an Zapater, "um von mir geschminkt zu werden. Das gefiel mir besser, als sie auf der Leinwand zu malen." Spürt man nicht aus diesen Worten die eifersüchtige Ohnmacht eines verzweifelt Liebenden? Die Verwundbarkeit Don Quichotes, dem alle Erfolge und bequemen Genüsse Sanchos gleichgültig bleiben müssen?

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