Die erste Tagung des vor kurzem gewählten Obersten Sowjets in Moskau brachte große Veränderungen in den Personen, die die russische Politik maßgebend bestimmen. Für den Außenstehenden wird es nicht immer leicht sein, sich ein klares Bild der Bedeutung dieser Veränderungen zu bilden, weil die neuen Männer ebenso der Kommunistischen Partei angehören und ebenso unbedingt die Führung MarschallStalins anerkennen, so daß sich ein grundsätzlicher Wandel stets innerhalb der durch diese Tatsachen bedingten Schranken vollzieht.

Nichts wäre falscher, als die geschlossene, von einheitlichem Willen geleitete Sowjetunion mit den Augen des westlichen Parlamentarismus und Parteiwesens zu betrachten. Die neuen Männer bringen nicht eine neue Politik und sind deswegen in die höchsten Staatsämter berufen, sondern die Politik hat neue Formen angenommen und deswegen neue Männer herangezogen. In diesem Sinne werden wir vielleicht aus den neuen Namen wichtige Hinweise ablesen können.

Im Mittelpunkt der Sowjetpolitik, mit noch größerer Autorität als zuvor ausgestattet, steht die Gestalt des Generalissimus und Marschalls Stalin, der zwar sein Amt als Ministerpräsident niederlegte, sofort aber einstimmig wiedergewählt wurde. Hingegen legte das Staatsoberhaupt der Sowjetunion, der Präsident Michael Iwanowitsch Kalinin, wegen seines Augenleidens den Posten nieder, den er 27 Jahre lang innegehabt hat. Er wurde einstimmig in den Vorstand des Obersten Sowjets gewählt. Die Beliebtheit, die er sich während seiner Amtszeit durch sein freundliches Auftreten zu verschaffet wußte, spiegelt sich am besten im Spitznamen "Onkel Michael" wider, den die ausländisch Presse mitteilt.

Seinen Posten als Vorsitzender des Obersten Sowjets, der der Staatspräsidentschaft im Westen entspricht, übernahm Nikolai Michailowitsch Schwemik.

Wichtiger an Einfluß, wenn auch dem Namen nach unbedeutender, ist die Stellung der Minister. Es sind acht "stellvertretende Ministerpräsidenten" ernannt worden, die das bilden, was man in England das "innere Kabinett" nennt. Der Ministerrat selbst – dieser neue Name wurde an Stelle des bisherigen Namens des Rates der Volkskommissare eingeführt – umfaßt jetzt 15 Personen anstatt wie früher 24, weil dadurch die Zusammenberufung erleichtert werden wird.

An der Spitze steht der engste Mitarbeiter Stalins, der 55jährige Molotow, der zugleich die Leitung der Außenpolitik weiterbehält. Er ist bekannt als der Mann, der nach dem Rücktritt des Volkskommissars Litwinow 1939 die sowjetische Außenpolitik geführt hat.

Eine Persönlichkeit, die erneut in den Vordergrund getreten ist, ist Marschall Beria, der fünfzehn Jahre lang die Leitung der Polizei innehatte und erst Anfang dieses Jahres zurückgetreten ist. Seine Wahlreden im Januar im Kaukasus – Beria stammt ebenso wie Stalin selbst von dort – wurden wegen der Mahnung, militärisch stark zu bleiben, sehr beachtet. Er ist der einzige der neuen Minister, der nicht Mitglied des Politbüros, also des politischen Büros der Kommunistischen Partei, gewesen ist. – Sein Einfluß war dennoch immer sehr groß, und es erstaun: nicht, daß er neuerdings als möglicher Nachfolger Stalins genannt wird.