Von Gerd Bucerius

Das angloamerikanische Prozeßverfahren gibt jedem Angeklagten eine Chance, die ihm das Recht anderer Länder versagt: Er kann seinen Platz auf der Anklagebank verlassen und vom Zeugenstand aus über seine eigene Sache aussagen. – So werden sie denn noch einmal uneingeschränkt das Wort haben, das sie sich zwölf Jahre hindurch in unserem Namen genommen haben, und mit Göring hat die Reihe bereits begonnen.

Um zwei Komplexe geht es vor allem in Nürnberg. Sie bilden nicht nur die Grundlage der von den Alliierten erhobenen Anklage, sondern enthalten zugleich die Fragen, die das deutsche Volk an seine ehemaligen Führer zu stellen hat: "Haben Sie von dem Mord an Millionen Deutscher und Fremder in den Konzentrationslagern gewußt? Wurde Deutschland 1939 von Polen und den Westmächten angegriffen oder haben Sie einen Angriffskrieg lange vorbereitet und damit feierlich von Ihnen selbst geschlossene Verträge gebrochen?" – Die erste Frage hat Göring mit einer Handbewegung verneint. Über die Konzentrationslager sei nur Himmler unterrichtet gewesen; in dessen Geheimnisse habe selbst er, Göring, nicht eindringen dürfen. Gewiß seien ihm verschiedene Beschwerden zugetragen worden; über sie habe er mit Hitler gesprochen, aber zunächst abweisende, später scharf zurechtweisende Antworten erhalten.

Wie demütigend, daß der einmal für uns so mächtige Mann nicht bereit ist, die Verantwortung seiner Taten zu tragen; daß er, um vielleicht dem Äußersten zu entgehen, in Behauptungen flüchtet, die ihm niemand in der Welt abnehmen kann. Er war nach Hitler der Macht am nächsten und ihm durch einen persönlichen Treueid verpflichtet. Zu Beginn des Krieges bestimmte ihn Hitler in einer ekstatischen Rede zum "Nachfolger des Führers"; bis in die letzten Stunden des Krieges war er mit Hitler eng verbunden. Dieser Mann, der zweite im Reich an Macht und Ansehen, soll es nicht gewußt haben, daß unter seinen Füßen Millionen zertreten wurden? – Ach, wenn man ihm nur glauben könnte! Aber können wir es wirklich vergessen daß Hitler schon 1934, als er selbst in München seinen langjährigen Kampfgenossen in den Tod schickte, Göring den Berliner Teil der blutigen Aufgabe anvertraute? Damals hat Göring das schreckliche Amt nur zu bereitwillig übernommen. Wir erinnern uns noch jener großsprecherischen Erklärung, in der er vor der Presse der Welt – auf den Tod Schleichers und seiner Frau angesprochen – erklärte, er habe "seine Aufgabe noch erweitert". Sie sprechen vom 30. Juni 1934 selbst als "der Nacht der langen Messer", und Göring hat einen wesentlichen Anteil an ihr gehabt. Und ihm soll Hitler sich gescheut haben, die Tötung von Polen und Juden zu bekennen? Das erste Gesetz, das Göring 1933 als Ministerpräsident von Preußen zu erlassen für nötig befand, befaßte sich mit der neuen Form der Vollstreckung der Todesstrafe. So nahe stand ihnen immer der Gedanke des Tötens.

Nun könnte man vielleicht sagen: Was geht es uns noch an, was dieser Mann vor seinem Richter tut. Er hat unser Reich und unsere Ehre zerbrochen. Jetzt kämpft er um sein Leben; und ist ihm das unsrige auch nicht viel wert gewesen, so mag er versuchen, das seinige zu retten. – Aber so stehen die Dinge nicht. Noch mit seiner letzten Verteidigung häuft er schwere Last auf uns.

Seit einem Jahrzehnt im engen Kreise unseres eigenen Denkens gefangen, sehen wohl nur wenige unseres Volkes, wie sehr uns das Geschehen in den Konzentrationslagern in den Augen unserer Nachbarn und Sieger belasten. Die Welt fordert von uns Rechenschaft: Wo sind die Millionen Fremder geblieben, die unser Sieg uns anvertraut hatte? Wir müssen die Antwort schuldig bleiben und können noch nicht einmal die Gräber vorweisen. Tote Menschenleiber sind wie Ware verwertet, zur Sache herabgewürdigt worden, ein in der Geschichte des Menschengeschlechtes nicht gekanntes Sakrileg. Vertrauen, die Grundlage freundschaftlicher Beziehungen, auf die jedes Volk angewiesen ist, kann erst wieder entstehen, wenn das Entsetzen, das von Deutschland ausgeht, überwunden ist. Deshalb geht uns dieser Prozeß zutiefst an, weil in ihm auch über die Schuld des deutschen Volkes verhandelt wird.

Wie aber können wir uns gegen das Entsetzliche anders verteidigen, als mit der Versicherung: die wenigen, die es gewußt haben, konnten es nicht ändern, die Masse hat es nicht gewußt. Gewiß, die wenigen von uns, die schon vor Ende des Regimes von dem Schrecklichen trotzdem erfuhren, können bezeugen, daß sie diese Kenntnis in sich verschließen mußten. Aber hat nicht selbst Göring im Zeugenstand mit klarer Stimme ein gleiches beschworen? Wird man uns heute, noch glauben können, nachdem jener offenbar die Unwahrheit gesagt hat? Wird man nicht mit seiner Verurteilung auch unser Urteil sprechen, da wir doch die gleiche Verteidigung haben? – Konnten wir nicht von Göring erwarten, daß er sein Mitwissen bekennend zugleich erklärte, wieso die Masse trotzdem nichts wissen konnte?