Von Lovis H. Lorenz

In seinen Tagebuchblättern berichtet Grillparzer 1834 die Entstehungsgeschichte seines Schauspiels "Der Traum ein Leben" und erzählt, wie er auf die spitze Bemerkung eines Bekannten hin die Arbeit mißmutig abgebrochen und für lange Zeit liegengelassen habe. Das ärgerliche Moment bestand darin, daß jener "davon halb im Scherz nur als von einem Unsinn sprach, statt der handelnden Personen vielmehr das Publikum träumen zu lassen". Uns erscheint die Bemerkung heute so unangebracht, wie sie Grillparzer damals verstimmte. Hätte jener Kritiker nur eins der geringeren biblischen Alter erreicht, so hätte er in reiferen Jahren tatsächlich die Bekanntschaft eines Stückes gemacht, bei dem er wie das ganze Publikum zu träumen genötigt worden wäre. Gemeint ist August Strindbergs im Jahre 1901 entstandenes "Traumspiel". Während nämlich bei Grillparzer das Publikum mit wachem dramaturgischem Vergnügen zwei symbolische Genien beobachtet, die Beginn und Ende des Traumes für den Helden anzeigen, wird bei Strindberg an die eigene Traumbereitschaft der Zuschauer appelliert, und über die Rampe hinweg breitet sich Traumbefangenheit mit ihren seltsamen Einsichten und Gefühlsschauern aus.

Aus gemächlichen Lebensumständen heraus pflegt das Interesse sich dem Traum zuzuwenden; aus Sorge um Künftiges befragt man ihn und sucht sein Geheimnis zu ergründen. Treffen den Menschen Erschütterungen so schwer, daß Vertrautes entgleitet und ein eben noch sicheres Gefüge wankt und bricht, so nimmt das Leben selbst traumhafte Züge an. Wer wäre in unseren Tagen nicht schon dem Satz begegnet, sei es im Gespräch oder im Brief: "Dies alles mutet an wie ein Traum." Wer hätte nicht schon befremdet neben sich selbst gestanden und sein eigenes Tun und Trachten mit erwartungsvoller Neugier angesehen? Wer hätte nicht schon mitten im Alltag das Schweben und Tappen des Traumes an sich verspürt, die schmerzliche Unsicherheit und Lähmung, wie wenn man unter Wasser gehen oder greifen will? Die Landschaft, in der wir leben, mit ihren Ruinen, räudigen Gärten, jämmerlichen Unterschlüpfen und ihrem zusammengestoppelten Hausgerät – ist sie nicht eher Alpdruck als Wirklichkeit, mutet sie bei aller Logik, daß es so kommen mußte, nicht an wie Traumbeschwöjung eines bösen Dämons?

Unsere Wirklichkeit selbst birgt alle Voraussetzungen für den Traum. Hören wir, was August Strindberg in seinem Vorwort oder anderen Äußerungen zu seinem Traumspiel sagt: "Alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich." – "Alles Ungereimte wird wahrscheinlich." – "Die Personen teilen sich, verdoppeln sich, verdunsten, verdichten sich, zerfließen." – "Wie der Traum meist schmerzlich ist, weniger oft freudig, geht ein Ton von Wehmut und Mitleid mit allem Lebenden durch die schwindelnde Erzählung." Und noch dieses Bekenntnis: "Ich fing damit an, die Menschen zu schildern, und es war mir alles so glasklar, aber je weiter ich komme, desto weniger verstehe ich sie; auch Goethe fand gegen das Alter die Menschen immer sonderbarer und seltsamer."

Auch das Bild der Nebenmenschen, auch sie sind vom Zauberstab des Traumes berührt. Die junge blasse Frau im Splittergraben, flüchtige Gefährtin für die Minuten der Teppich- und Reihenwürfe; die Wandernde an der Straßenkreuzung, die von ihrer Zigarette abgab und, ein wenig wirr, von gebliebenen Brüdern und Schwestern sprach; die junge Dame, die in ihrem bescheidenen Hintergelaß für ihre Freunde eine ach so karge Atmosphäre von Häuslichkeit und Zuversicht verbreitet – sie könnten ein und dieselbe Person sein, und vielleicht sind sie es sogar. Der vor Jahr und Tag gefallene Freund wird in einer Eigenschaft in diesem, mit einer anderen in jenem wiedererkannt. Und ist es nicht immer das gleiche Kind, ob es nun in Marseille, Bukarest, Rostow oder Berlin die Hand nach einem Stück Brot ausstreckte, bei dessen Anblick sich der Blick umflorte und die Stimme brüchig wurde?

Wahrscheinlich ist letzter Jammer, letzte Hüllenlosigkeit, der Passionsweg durch allen Unrat des Menschentums überhaupt nur zu ertragen in der mildtätigen Dämpfung der Traumbefangenheit, Indras Tochter jedenfalls, die herniedergeschickt wird, um zu prüfen, ob die ewigen Klagen der Menschen wirklich begründet sind – was soviel heißt, daß nichts Irdisches ihr fremd bleiben darf –, sie steigt in eine Traumwelt hinab. Wer nun träumt, ob die Göttertochter, die Gestalten des Stücks, der Dichter oder wir, ist eine müßige Frage, bleibt ein Geheimnis. Das Sammelsurium des Traums mit seiner untergründigen Logik, aber auch der Langmut und Leidensfähigkeit, die er verleiht, wird ihr zugewiesen, um alles Menschenschicksal auszuschöpfen. Sie wird Schwester, Gattin, Mutter, Geliebte. Als Türhüterin mit dem sternenbestickten Schal, der vollgesogen ist mit dem Leid vieler Menschen und vieler Jahre, ist sie die Beichtigerin aller, die an ihrem Torhäuschen vorbei müssen; als Wortführerin der Anständigen, der Strebenden erfährt sie, welch fürchterliche Gattung jene sind, die man "die Rechtdenkenden" nennt. Alles ist möglich. – Ein Schloß muß gedüngt und begossen werden und wächst wie eine Blume; der Vorplatz eines Theaters verwandelt sich in ein Anwaltsbüro, dieses ist unversehens die Fingalsgrotte, Schauplätze wechseln wie die Muster, wenn man durch ein Kaleidoskop blickt. Ebenso die menschlichen Situationen. Alle enden sie in Klagen. Hinter der Liebe lauert die Feindschaft, am heiligen Ehebund nagt das Einerlei des Alltags, Wohlleben muß mit einem weiten Gewissen bezahlt werden, und das Glück der Schönheit bedingt die Verzweiflung der Häßlichen. Klagen, nichts als Klagen! Und was Indras Tochter zu antworten weiß, als geflüsterten Seufzer wie als Schrei aus gemartertem Herzen, geht wie ein Leitmotiv durch alle Stationen ihrer Prüfung: "Es ist schade um die Menschen!"

Der Dichter schrieb dies Werk zu einer Zeit, als die Welt noch wie in Watte gepackt schien; behaglich und warm, aber auch geeignet, die Stimmen eines Alptraums zu ersticken. Aus den dumpfen Niederungen suchte August Strindberg die Höhen zu gewinnen, welche dünnere Luft und weiten Blick verheißen; wähnte sich bald auf dem Parnaß, bald auf Golgatha und fand sich oft in schmerzlicher Bescheidung auf dem Montmartre von Paris. Die Zeitgenossen hatten wenig Sinn für die sprunghaften Pilgerfahrten, höhnten, wenn er stolperte, und waren stumpf, wenn er schwebend schritt. Eine Aufführung seines Traumspiels hat er nicht erlebt.