Unter der Masse des fatalen Kunst-Kitsches in den Schaufenstern unserer Großstädte prangt neuerdings ein besonders verführerisches Angebot: "Ihr Bildnis von bewährter Künstlerhand!" Eine Renaissance der Porträtmalerei? Wie erfreulich und nützlich wäre das! Doch es verhält sich anders. Neben den schmissigen Zeichnungen und Aquarellen stehen meist recht bescheidene Photographien der gleichen Dargestellten, die als Vorlage für das "Kunstwerk" gedient haben. Zwei Vorteile springen in die Augen: die Ähnlichkeit scheint absolut garantiert, langwierige Modellsitzungen sind überflüssig.

Warum also schelten? Aber das schlechte Gewissen meldet sich doch. Wir sind boshaft genug, diesem Störenfried unseres kunstkritischen Schlendrians ein paar handfeste Argumente zu liefern, um sich mit seiner Auflehnung durchzusetzen, wohlgemerkt: keine Geschmacksregeln – die sind immer subjektiv und leicht angreifbar –, nur ein paar Überlegungen des gesunden Menschenverstandes.

Was geht hier vor? Der Kunst wird abgründig mißtraut. Sicherlich nicht ohne Grund. Die großen Zeiten der Bildnismalerei sind unbezweifelbar vorüber. Wir sind ja bescheiden geworden und messen nicht an den bedeutenden Menschenbildern eines Dürer oder Holbein, nicht an den malerischen Großtaten eines Tizian oder Rubens, nicht einmal an der handwerklich gediegenen Durchschnittsleistung der Holländer des 17. Jahrhunderts, ach, wir trauern schon um das Verschwinden der braven Konterfeier der "guten alten Zeit", der Gröger und Suhr oder der Speckterschen lithographischen Anstalt. Halt – wohin geraten wir? Waren jene Speckterschen Steindrucke, in großer Auflage hergestellt, nicht schon beinahe ein industrielles Unternehmen, Gebrauchsware und nicht Kunst, sehr hart grenzend an das, was heute in den Schaufenstern angeboten wird? Die Bildnislithographen wurden um ihr Brot gebracht durch die Entdeckung der Photographie, gerade von den beliebten Porträtisten jener Zeit schwenkten manche hinüber von Pinsel und Staffelei zur mechanisch arbeitenden Kamera.

Merkwürdig genug: diese ersten photographischen Bildnisse aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, etwa von David Octavio Hill in Edinburg oder von Nadar und Niépce in Paris, sind fast die einzigen geblieben, die das Prädikat "künstlerisch" verdienen, und zwar deswegen, weil es ihnen bemerkenswert sauber gelungen ist, die Bereiche der Kunst und der Technik nicht miteinander zu vermischen, sondern jedem das Seine zu geben: der künstlerischen Kultur z. B. die Lichtführung, das Arrangement des Raumes, die Draperie des Kostüms, die Komposition, dagegen der technischen Apparatur die Ausführung ohne jede Nachhilfe des malerischen Handwerks. Wäre es bei dieser sinnvollen Scheidung geblieben, so hätten nebeneinander eine blühende Bildnismalerei und eine hochentwickelte Bildnisphotographie bestehen können, ohne sich Konkurrenz zu machen. Der Künstler hätte den Frondienst der Ähnlichkeitsbildnerei, der Photograph die Verpflichtung zur schöpferischen Leistung loswerden können, und beiden hätte das zum Segen gereicht. Doch weder der Maler noch der Kameramann haben ihre Chance erkannt. Und am peinlichsten benahm sich der Auftraggeber. Er, der sich heute am lautesten beklagt über den Verfall der Kunst und des Handwerks, trägt mit seinen unsauberen Anforderungen den Löwenanteil der Schuld an der verkorksten Entwicklung. Verwöhnt durch die bisher unbekannte photographische Naturtreue, versucht er vom Künstler Vergleichbares zu erzwingen; ein wenig geniert vom kalten Realismus des Lichtbildes (der Technik, die sein Verstand bewundert, seelisch nicht gewachsen!), bevorzugt er eine mit illegitimen Mitteln pseudokünstlerisch aufgeschönte Photographie, die "malerisch" wirkt oder gar den graphischen Verfahren, etwa der Radierung, angenähert ist. Beide Darstellungsweisen verlieren dabei das Wesentliche ihrer Leistung: die Kunst büßt immer mehr ein an schöpferischer Erfindungsgabe, an der Fähigkeit, nicht das fatale Augenblicksbild, sondern Wesen und Charakter, im Höchstfall gar den Typus des Dargestellten zu verewigen, die Photographie aber begibt sich der eindeutigen Ausdruckskraft einer sachlich-dokumentarischen Naturwiedergabe. Nicht etwa ist das künstlerische Bildnis durch das handwerklich-technische ersetzt worden, die Malerei durch die Photographie, beide sind vielmehr in rapidem Absturz begriffen seit ihrer fragwürdigen Begegnung vor hundert Jahren. Wenn nicht endlich die Kunst sich den Vergleich mit dem Kamerabild vom Halse schafft, der Maler den Kunden zum Atelier hinauswirft, der offen oder versteckt photographische Ähnlichkeitsansprüche stellt, und wenn nicht umgekehrt die Photographie den Mut aufbringt, nichts als sie selbst zu sein und das Kokettieren mit dem Kunstwerk aufgibt, so darf sich niemand wundern, wenn wir bald auf dem Nullpunkt unserer künsterischen Bildniskultur angelangt sein werden. Wenn aber gar die Photographie zurückübersetzt wird in die Kunst – denn das ist es doch, was mit unserem famosen Angebot von Zeichnungen auf photographischen Grundlage versucht oder doch vorgetäuscht werden soll –, so ist das eine Bankerotterklärung auf der ganzen Linie. Die Malerei bedient sich der photographischen Krücken, die Photographie schämt sich ihrer ureigenen Vorzüge, und die Unredlichkeit beider vereinigt sich zum teuflischen Surrogat. Jede Zeit hat die Bildniskunst, die sie verdient.