Von Dr. Kurt Schumacher

Der berufene Sprecher der Sozialdemokratischen Partei in der britischen Zone stellt uns diese Ausführungen über die entscheidende Frage der deutschen Innenpolitik zur Verfügung.

Sicher ist, daß Leute heute für die Demokratie votieren, weil sie in ihr das politische Ergebnis der Suprematie der angelsächsischen Waffen sehen und eine andere Haltung zurzeit nicht möglich ist. Das gilt für einen großen Teil der Anhänger der bürgerlichen Parteien, denen nicht die Demokratie, sondern die Erhaltung ihres Besitzes wichtig ist. Das gilt aber auch für die Kommunisten, für die die Demokratie das Mittel ist, in das politische Spiel zu kommen, für das sie zurzeit aus Mangel an eigener Kraft in den drei Westzonen ausgeschaltet wären.

Die Demokratie als ein Mittel anzusehen, taktisch über die Situation hinwegzukommen, ist die verderblichste Anschauung, die es zurzeit geben kann. Sie ist die eigentliche große Gefährdung für unser Land. Man muß die Demokratie als den Lebensodem der deutschen Politik, als das alles beherrschende politische, gesellschaftliche und kulturelle Prinzip begriffen haben, um Deutschland aufbauen zu können.

Darum darf der Kampf um die Ausbreitung des demokratischen Gedankens vor und in keiner Partei haltmachen. Es ist bitter, sagen zu müssen, daß die Demokratie heute in Deutschland noch nicht sehr viel stärker ist als die Sozialdemokratische Partei.

Für die europäische Arbeiterklasse und damit für die Arbeitenden in Deutschland gibt es keinen Sozialismus, der auf diese Prinzipien verzichten, der sich den Sozialismus ohne Demokratie, ohne Menschlichkeit und ohne Achtung vor der menschlichen Persönlichkeit vorstellen könnte. Sie bilden einen nicht wegzudenkenden Bestandteil der sozialistischen Ideen in Europa, ohne den der Sozialismus eine bloße Phraseologie wäre.

Trotzdem die Demokratie zum offiziellen politischen Dogma Deutschlands nach dem Willen der Vereinten Nationen bestimmt ist, muß man schon heute feststellen, daß sie in einen entscheidenden Kampf um ihre Existenz als Idee und Praxis geraten ist. Die Bedrohung der Demokratie erfolgt heute von zwei Seiten her, von der kommunistischdiktatorischen und von der autoritär-bürokratischen des Besitzbürgertums;