Einer Frau, der von der neuesten Modelinie erzählt wird, ist sicherlich ähnlich zumute wie kalorienhungrigen Menschen bei der Schilderung eines reichhaltigen Menüs. Sie denkt an bunte instruktive Modezeitschriften und an die Modeschauen der Vorfrühlingstage, wo gutgemalte Damen auf dem mit roten Teppichen ausgeschlagenen Laufsteg raffinierte Schöpfungen zeigten. Die Frau sah zu und hatte Kleidersorgen.

Kleidersorgen – ein Wort, das sich verwandelt hat: Sorgen um die Kleidung. Es fehlt an Material, was also tun? Das Thema "Aus Alt mach Neu" ist während der letzten Kriegsjahre genügend ausgeschlachtet worden und hat, modisch gesehen, nicht immer die besten Früchte gezeitigt. Es entstanden die Kleider aus zweierlei und vielerlei Stoff. Findige Köpfe wußten sogar aus dem Militärmantel und selbst aus Fahnentuch den Bestand ihres Kleiderschranks aufzubessern. Aber da war Eitelkeit und damit modisches Verlangen nie im Spiel. Es ging allein darum, sich gegen die Kälte zu schützen. Mit welchen Augen sieht die Frau in dieser Lage eine Modezeitschrift an?

Die Modezeitschrift kommt natürlich aus Frankreich. Auf dem Titel das verzerrte Spiegelbild einer Dame in Schwarz. Reichlich verzerrt. Ein verrückter Einfall. Aber ermunternd. Beim Blättern staunt man auch über die neuesten Frisuren: streng aus dem Gesicht gekämmtes Haar, der Hinterkopf jedoch mit schweren Haarflechten bedeckt. Wie kommt die Frau, die gerade noch schulterlange Locken trug, so rasch an solche Haarpracht? Und sieht’s nicht übrigens ein wenig altmodisch aus? Aber das ist es überhaupt: die Kleidlinie, die Jacken mit glockigem Schoß, ja sogar die Art der Skizzen in der Zeitschrift – alles erinnert an die Mode um 1920.

Soviel steht fest: die "Haute Couture" läßt sich durch Materialmangel nicht beirren. Immerhin wird aber berichtet, daß die Modelle selbst in Miniaturform in die Welt geschickt werden, da die Stoffknappheit es verhindert, die Modelle selbst zu zeigen. Es sind kleine Drahtpuppen, nicht höher als sechzig Zentimeter, die als Mannequins die Originalmodelle in getreuer Nachahmung vorführen. Sie stehen vor phantastischen Miniaturdekorationen, Sternenhimmeln, kleinen Wundergärten oder Häusersilhouetten, reliefartig aus gebogenem Draht geformt.

Trotz allem: die Mode ist wieder da! Ein Stück "neues Leben, das aus den Ruinen blüht". Eine winzige Blume mit groteskem Stengel, die aus dem Schutt herauswächst, die uns lächeln macht durch ihre Unbeirrtheit und die uns tröstet.

In der Erinnerung bleibt eine Farbseite der Modezeitschrift haften, die durch ihre surrealistische Darstellung und durch den kühnen Farbklang von Zinnoberrot und einem frechen Grün auffällt: eingestricktes rotes Trikot, gestrickte rote Handschuhe und grünes Kostüm. Diese Modeidee scheint uns freilich unerfüllbar. Woher so viel Wolle? Aber ähnliche Wirkungen ließen sich gewiß darstellen durch viele bunte Wollreste, die in Streifen verarbeitet werden. Der Witz des modischen Einfalls, die Wiederholung in Strümpfen, Pullover und Handschuhen bliebe dabei bestehen.