Gleich nach Ostern beginnt das neue Schuljahr. Seit Kriegsende ist dies der erste Ansatz zu einem geordneten Schulanfang. Die Schüler, die der Bombenkrieg aus den Städten getrieben und über das Land verstreut hatte, die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die vielen Jungen, die als Luftwaffenhelfer oder in HJ-Einheiten während der letzten grausigen Phase dieses Krieges auf irgendeinen militärischen Posten gestellt worden waren, sie alle werden jetzt nach einigen Monaten der Sammlung und vorbereitenden Arbeit erstmalig wieder in ihre entsprechenden Klassen eingeordnet.

Ostern 1946 ist für die Jugenderziehung von ganz besonderer Bedeutung: Zum erstenmal seit vielen Jahren tritt ein Jahrgang deutscher Kinder über die Schwelle einer Volksschule, die, befreit von politischen Dogmen und dem Zwang nationalsozialistischer Weltanschauung wieder zu lehren und zu wirken vermag – ein Jahrgang, hineingeboren in die Schrecken des Krieges.

Das Licht der Welt, die sie betraten, war der Fackelschein brennender Städte, und die ersten Laute, die sie vernahmen, das Heulen der Sirenen, die Trümmer zusammengestürzter Häuser ihr Spielplatz, und die Heimat oft nur ein Märchen, das wie alle Märchen mit den Worten beginnt: es war einmal. Sie haben den Frieden nicht gekannt, für sie war der Krieg kein Ausnahmezustand – welche Aufgabe, sie nun den Frieden zu lehren.

Der Nationalsozialismus hatte die Schule in den Dienst seiner Machenschaften eingespannt, im Vordergrund stand nicht der Stundenplan und nicht der Lehrbetrieb, der doch in langen Jahrzehnten den Grundstein gelegt hat für die Erfolge der deutschen Wissenschaft und den Fortschritt in allen, technischen Gebieten, sondern im ’Vordergrund stand die Gesinnung. Man wird sich hüten müssen, im Kampf gegen das Gestrige nicht in den Fehler zu verfallen, die falsche Normierung künftig durch eine „richtige“ ersetzen zu wollen. Wir haben viel gelernt in der Spanne, die zwei Weltkriege umfaßt, und tiefere Einsichten getan, als es den Generationen vor uns in der kurzen Frist eines Menschenlebens möglich war. Wir kennen die begrenzte Gültigkeit objektiv gelernten Wissens, und wir kennen auch die Gefahren einer zweckgebundenen Ausrichtung der Erziehungsmethoden, was immer ihre Ideale auch sein mögen.

Wir beginnen heute von neuem. Wir wissen, daß vieles von dem, was vor 1933 gelehrt wurde, auch keinen Bestand mehr hat. Es kann sich heute nicht mehr darum handeln, durch. Erziehung einen bestimmten Typus zu schaffen: den guten Staatsbürger, einen echten Deutschen, den wahren Demokraten, einen brauchbaren Wissenschaftler, Beamten oder Handwerker, sondern es wird sich darum handeln, wieder einen echten Menschen zu formen, und das ist freilich mit Hilfe der Schule allein nicht möglich, sondern nur im Verein mit dem Elternhaus und seiner Atmosphäre. Für die Schule aber bleibt darum die Aufgabe, neben einem fundierten positiven Wissen die Kinder zu bilden, wie der Künstler den Ton zum Bilde formt, dem jungen Menschen Bildung im weitesten Sinne zu geben, das heißt ihn die Grundlagen der Werte zu lehren, die unsere abendländische Kultur ausmachen, um ihm wieder das Gefühl der Kontinuität des historischen Gewordenseins zu geben und ihm damit die Verantwortung und Verpflichtung zu zeigen, die daraus erwächst.

Diese Zeit konzessionierter Opposition gegen den Lehrer und die Schule als Institution hat einen unglaublichen Autoritätsverschleiß mit sich gebracht. Die Aufgabe, vor die die neuen Lehrer gestellt sind, ist darum nicht leicht und wahrscheinlich nur über das Beispiel der eigenen Persönlichkeit zu lösen. Noch nie ist die Jugend so nüchtern und illusionslos ins Leben gegangen, noch nie so früh vertraut gewesen mit Lügen und allen Listen bewußter Phraseologie. Die Lehrer, die in diesem Trümmerfeld geistiger Anarchie aufbauen sollen, sind selbst durch den Prozeß der Einschmelzung aller Werte und Begriffe gegangen, dies wird es ihnen leicht machen, ihre Schüler, die gleiches erlebt haben, zu verstehen.

M. D.