Von Frank Thiess

Das sogenannte „In-der-Luft-Liegen“ von Ideen hat stets geschichtliche Ursachen; denn alle Geschichte vollzieht sich unabänderlich im Gefälle völkerbiologischer Prozesse. Wenn Ideen auftauchen, sich in der Vorstellungswelt der Menschen verwurzeln und nach Verwirklichung drängen, so sind sie stets in einer verborgenen Sphäre bereits vorgebildet.

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Der Gedanke eines geeinten Europas wurde zuerst vor 25 Jahren vom Grafen Coudenhove-Kalergi in seinem Buche „Paneuropa“ als notwendige Forderung gegen die Selbstzerstörung unseres „Kontinents“ durch nationalistische Zerfleischung erhoben. Schon damals vertrat Coudenhove mit seinem Vorschlag die einzig mögliche Lösung für die immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen und politischen Probleme, mochte er auch in Einzelheiten ins Konstruktive abgleiten. Doch die Stunde der Verwirklichung war noch nicht gekommen. Die alten; Griechen haben mit dem Begriff des „Kairos“ eine tiefe metaphysische Einsicht in das organische Wesen historischer Prozesse bewiesen. Der Kairos – die richtige Stunde, in der ein Werk allein begonnen werden darf – ruht in Voraussetzungen, die sich unserer Lenkung entziehen. Geschichtliche Entwicklungen sind genau so organisch bedingt wie das Austragen einer lebendigen Frucht; der menschliche Geist vermag wohl Kommendes zu ahnen, nicht aber vor der Zeit zu realisieren. Europa als Einheit konnte erst seiner Gestalt entgegenreifen, wenn das Zeitalter des Nationalismus zu Ende ging. Wir dürfen hoffen, daß dieser Krieg, jedenfalls für Europa, den Abschluß einer Epoche herbeigeführt hat, in der die Staaten ihren Lebenszweck darin sahen, die eigenen Interessen ohne Rücksicht auf die natürlichen Lebensforderungen anderer mit allen verfügbaren Mitteln durchzusetzen.

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Zweimal ist in der abendländischen Geschichte der Versuch, die Einheit der europäischen Nationen, herzustellen, gescheitert. Unter Napoleon und unter Hitler. In beiden Fällen widersprachen die dafür verwandten Mittel in krasser Weise dem Sinn des Unternehmens. Sowohl Napoleon wie Hitler wollten gar nicht die „Vereinigten Staaten von Europa“, darin jeder einzelne einen Teil seiner Souveränität aufgab, damit der neue politische Großorganismus in sich feste Gestalt und Eigengewicht erhalte. Sie wollten einen von Frankreich oder Deutschland militärisch beherrschten europäischen Großraum Die Vorteile dieser Neubildung wären somit nicht Europa, sondern ausschließlich dem stärksten Staat in ihm zugefallen. Ferner hielten sowohl Napoleon wie Hitler ein kontinentales Europa unter Ausschluß Englands für möglich. Einer solchen Konstruktion widersetzte sich die gemeinsame Geschichte aller europäischen Staaten. So gewiß in dieser politischen Schöpfung nur einem Staat die Führung zufallen kann, weil jedes kollektive organische Gebilde allein nach dem Prinzip von Kopf und Gliedern Lebensfähigkeit bewahrt, so gewiß kann unmöglich gerade der Staat draußen bleiben, welcher seiner besonderen Lage und Weltstellung nach recht eigentlich dazu geschaffen war, die Führung zu übernehmen. Schon der Gedanke, es könne so etwas wie ein „kontinentales Europa“ geben oder es käme hierbei überhaupt auf Einhaltung geographischer Vorschriften an, bewies ungeschichtliches Denken. Europa, das Abendland – das alles hat mit geographischen oder nationalen Grenzen nichts zu tun: Europa ist kein Kontinent, sondern eine Idee.

Die Macht der Idee des geeinten Europas wäre eine Phantasie, wollte man sie aus kontinentalen Vorstellungen ableiten. Die USA sind ein kontinentales Gebilde, Sowjetrußland ist ein kontinentales Gebilde (und bereits die Trennung von „europäischem“ und „asiatischem“ Rußland höchst fragwürdig), Australien ist ein kontinentales Gebilde, Europa aber ist eine geistesgeschichtliche Einheit und nur dieses. Es ist damit eine zwar anders geartete, doch nicht minder reale und Realitäten erzeugende einheitliche Welt. Zu dieser Welt gehört nicht nur das englische Inselreich, sondern sie ist ohne England schlechthin widersinnig; es wäre nicht minder unsinnig, Deutschland, Italien oder Frankreich herauslassen zu wollen. Denn alle diese Staaten waren ja bereits einmal in einem Frühstadium der europäischen Geschichte ein geistig aufeinander bezogener und politisch miteinander unlösbar verknüpfter Großraum, ehe zu Ende des 18. Jahrhunderts mit der Französischen Revolution der Gedanke des Nationalismus geboren wurde. So Gott will ist er mit diesem Kriege zu Grabe getragen worden. Er hat seine geschichtliche Bedeutung gehabt, er hat große Teile Europas am Ende in Stätten des Grauens verwandelt, aber Kriege sind Bluthochzeiten, die Völker als Nationen trennen, um sie geistig miteinander zu verbinden. Wer nicht nur das Heute unter die Lupe nimmt, sondern im Heute schon das Morgen sucht, kann unmöglich leugnen, daß die Völker Europas einander durch diesen Krieg weit nähergekommen sind, als sie es jemals waren.