Der erste Eindruck, den man von Dänemark nach fünfjähriger Abwesenheit gewinnt, ist weniger bestimmt durch die Veränderung, die dieses Land inzwischen durchgemacht hat, als vielmehr durch den unbewußten Wandel der eigenen Wertungsbasis und die Gewöhnung an anomale Zustände und Aspekte als etwas mittlerweile Alltägliches. In welch hohem Maße dies der Fall ist, kommt einem erst zum Bewußtsein, wenn man das Erstaunen realisiert, welche dieses im Grunde nur normale Leben – bei uns Deutschen auslöst.

Fast menschenleer wirkt das Land verglichen mit den übervölkerten Städten, Dörfern und Straßen Schleswig-Holsteins. Man bemerkt auffallend. viele Privatwagen, denn seit März dieses Jahres kann jeder, der ein Auto besitzt, dieses ohne besondere Genehmigung wieder fahren, nur mit der Einschränkung, nicht mehr als 60 bis 100 Liter Benzin im Monat zugeteilt zu bekommen. Eine Ausnahme bilden vordringliche Behörden und Wirtschaftskreise sowie Ärzte, die über ein Sonderkontingent verfügen. Man sieht riesige moderne Amerikaner und daneben hochbeinige alte Fords, die noch aus den zwanziger Jahren stammen. Die Straßen sind erst-; klassig und durchweg in hervorragendem Zustand. Der Weg geht über Apenrade, Kolding und über die große Brücke, die Jütland mit Fünen verbindet Und deren Tarnanstrich eine der wenigen Spuren zu sein scheint, die der Krieg hier hinterlassen hat, bis zu der kleinen Hafenstadt Nyborg, von wo aus die moderne große Fähre der dänischen Staatsbahn Eisenbahn, Autos und Wagen über den Großen Belt nach Seeland trägt. Während der anderthalbstündigen Fahrt ist man vollauf damit beschäftigt, den Magen an die ungewohnten Genüsse der verschiedenen Speisesäle zu gewöhnen. Alles im Restaurantleben Dänemarks ist „markenfrei“, mit Ausnahme von Butter. Diese wird im Haushalt noch rationiert, etwa auf der Basis von zwei Pfund je Person und Monat, ebenso wie Brot, Zucker, Kaffee, Tee in gleich reichlichem Maß. Zum erstenmal sieht man einen größeren Kreis von Menschen beieinander, sorglose, heitere und zufriedene Menschen. Es ist längst dunkel geworden, und der Eindruck von „Märchenwelt“ wird nun noch verstärkt durch die riesigen Bogenlampen und Straßenbeleuchtungen der an den Autostraßen nach Kopenhagen liegenden Städte, bis schließlich die hellerleuchtete Hauptstadt auftaucht und man plötzlich umgeben ist von zahllosen bunten Lichtreklamen inmitten eines nächtlich flanierenden Treibens fröhlich ausgelassener Menschen.

Kopenhagen hat sein gewohntes internationales Gepräge schon wiedergewonnen, viele Wagen mit dem schwedischen großen „S’ oder – dem USA-Nummernschild rollen lautlos, vorüber, nordische Sprachen werden mit Englisch und Französisch untermischt, und man gewinnt in jeder Beziehung einen durchaus friedensmäßigen Eindruck. Erstaunlich und immer wieder faszinierend sind die Schaufenster der Lebensmittelläden und die sich türmenden Berge von Torten, Kuchen und Schlagsahne in den Konditoreien. Ein fast aufreizender Anblick, der den verantwortlichen Kreisen bereits Anlaß dazu gegeben hat, darauf hinzuweisen, daß angesichts der Hungersnöte in vielen europäischen Ländern diese Pracht und Fülle eingeschränkt werden müßte. Aber auch die Auslagen aller anderen Läden überraschen immer wieder durch Vielfalt, Luxus und Geschmack und stellen den Besucher vor manche Qual der Wahl. Man gewöhnt sich verhältnismäßig rasch an alle diese vielen ungewöhnlichen Anblicke, und nur im Unterbewußtsein bleibt irgendwo das befremdende Gefühl, daß etwas nicht stimme oder fehle, bis einem nach einigen Tagen der erlösende Gedanke kommt, daß es die Trümmer und Ruinen sind, die man vermißte

Die Warenhäuser sind gleichermaßen voll von Menschen und Ware; gewisse Dinge fehlen zwar einstweilen noch, so zum Beispiel gewisse Glaswaren, auch Textilien sind knapp und die wirklich guten Qualitäten nur in Spezialgeschäften und nur in beschränktem Umfang zu haben; einstweilen handelt es sich vorwiegend um alte Lagerbestände von Zellwolle deutschen Ursprungs, die verkauft werden. Sowohl Textilien als auch Schuhe können vorläufig nur gegen Punkte erworben werden, wobei die Zuteilung etwa so ist, daß jeder Erwachsene im Jahr ein bis zwei Anzüge, einige Hemden und ein bis zwei Paar Schuhe kaufen kann. Die Konsumgüterindustrie ist allenthalben im Anlaufen und wird, nachdem in den letzten Monaten die Importe an Wolle, Baumwolle, Eisen und anderen Rohstoffen Zugenommenhaben, sich vermutlich rasch ausweiten lassen. Kohlenmäßig ist Dänemark noch nicht ausreichend versorgt. Von den beschränkten Lieferungen stammen etwa 20 v. H. aus Polen, 70 v. H. aus dem Ruhrgebiet, der Rest aus anderen Ländern.’ Eine wesentliche Schwierigkeit hierbei liegt im Transport. Die Ruhrkohle, die für das deutsche-Ausland bestimmt ist, mußte bisher ausnahmslos in Emden abgenommen werden, wobei es häufig vorkam, daß die dänischen Dampfer bis zu acht Tagen dort aufs Beladen warten mußten und außerdem noch genötigt sind, englische Häfen zum Bunkern anzulaufen, weil in Dänemark nicht genügend Kohle vorhanden ist und sie in deutschen Häfen selten bunkern können. Einstweilen ist die Schiffahrt noch nicht frei, sondern untersteht den Einsatzbefehlen der internationalen Schiffahrtsbehörden. Genügend. Kohle standen bisher nur der Eisenbahn und den Versorgungsbetrieben zur Verfügung. Für Heizung und private Bedarfszwecke gab es eine einmalige Zuteilung. Eine verhältnismäßig günstige Ausweichmöglichkeit war jedoch in der hochentwickelten Torf Industrie gegeben.

Der Hafen ist gut beschäftigt. Während der letzten Monate haben die Importe so stark zugenommen, daß bereits Schwierigkeiten in der Lagerung entstanden sind. Diese Zunahme ist bereits mit auf die Auswirkungen der von Amerika gewährten 20-Millionen-Dollar-Anleihe. zurückzuführen. Nicht ganz einfach dagegen liegen die Verhältnisse auf sozialem Gebiet. Der Krieg hat auch in diesem Lande ähnliche psychologische Nachwirkungen gezeitigt wie in Amerika und England. Allgemein wird über Knappheit an Facharbeitern geklagt und über eine gewisse Arbeitsunlust, die in gelegentlichen Streiks zum Ausdruck kommt, in denen die Forderung von gleichbleibenden Löhnen bei herabgesetzter Arbeitszeit vertreten wird. So drohte neulich durch einen Bäckerstreik ein schwieriges Versorgungsproblem zu entstehen, während sich einige Fachverbände der dänischen Hafenarbeiter eines-Tages aus politischen Gründen weigerten, Schiffe mit Tomaten, Apfelsinen und Zitronen aus Franco-Spanien, die bereits in Devisen bezahlt waren, zu löschen; in den Jutespinnereien ist der Mangel an Arbeitskräften so gravierend, daß die verarbeitende Industrie nicht vollarbeiten kann trotz reichlicher Rohprodukte. Politisch gesehen hat die Linke in der im vorigen Jahr neugewählten Regierung eine gewisse Stärkung erfahren. Allerdings muß gesagt werden, daß der Einfluß und das zahlenmäßige Anwachsen der Kommunisten bereits wieder eine rückläufige Bewegung aufweist.

Die einzige Gruppe in Dänemark, die zunächst noch unbefriedigt von der Entwicklung ist, sind die Bauern, und zwar liegt das an der im Rahmen der heutigen Welternährungsituation fast unvorstellbaren Tatsache, daß die dänische Landwirtschaft unter Absatzschwierigkeiten zu leiden hat, was in erster Linie auf die für Dänemark recht ungünstigen Bedingungen zurückzuführen ist, die dem im vorigen Jahr abgeschlossenen englischdänischen Handelsabkommen zugrunde gelegt worden sind. Da dieses Abkommen im übrigen vorsieht, daß Lieferungen dänischerseits an andere Länder nur zu den gleichen Preisrelationen getätigt werden dürfen, gibt es auch keinerlei Ausweichmöglichkeiten, zumal der deutsche Markt mangels Zahlungsmöglichkeit als Abnehmer restlos ausfällt. Die hochqualifizierte dänische Landwirtschaft ist eben einerseits auf den Import von billigem Überseegetreide und anderseits auf die Verwertung ihrer Veredelungsprodukte zu relativ hohen Preisen auf dem Weltmarkt angewiesen. Da beide Voraussetzungen zurzeit noch nicht gegeben sind, mußten die Viehbestände stark vermindert und die Schweinemast, die im Hinblick auf den für England zu liefernden „bacon“ früher einen sehr großen Umfang einnahm, ganz wesentlich eingeschränkt werden. Im Augenblick besteht ein Überangebot an Fischen, Innereien, Eiern und Nährmitteln, und zwar in solchem Umfang, daß vor allem Fische im Umfang von vielen Millionen Kronen bereits verdorben sind.

Im vorigen Jahr hatte Dänemark noch eine aktive Handelsbilanz, in diesem Jahr liegen die Importe wesentlich über den Exporten, aber die Zusammensetzung dieser Einfuhr entspricht nicht ganz den Wünschen und Erfordernissen der dänischen Wirtschaft, die im Hinblick auf die eigene Industrie vor allen Dingen Rohstoffe benötigt. England aber, das selbst unter dem Zwang steht, exportieren zu müssen, d. h. seiner Hände Arbeit in Devisen umzusetzen, um allmählich seine eigene passive Handelsbilanz auszugleichen, schickt nicht Rohstoffe, sondern Fertigwaren und Halbfabrikate. Im Grunde kristallisiert sich alles auf die Frage: Wird es für Dänemark möglich sein, im Rahmen der europäischen Wirtschaftsmärkte und Handelsbeziehungen in England, dessen Interessen sich im Verlauf des Krieges völlig gewandelt haben, zuvorderst den Handelspartner zu finden, der es für den Ausfall seiner übrigen Beziehungen entschädigt? Die Dänen hoffen, daß England die Bedingungen des Handelsvertrages lockert und damit die sehr einseitige Festlegung Dänemarks auf den britischen Partner aufhört.

In dänischen Geschäfts- und Handelskreisen wird die Notwendigkeit, unter solchen Gesichtspunkten mit Deutschland, das mit etwa 15 v. H. an dem dänischen Vorkriegsimport und mit 25 v. H. am Export beteiligt war, wieder in wirtschaftliche Verbindung zu kommen, bereits sachlich und nicht unfreundlich besprochen, während sich die breite Menge der Bevölkerung Deutschland gegenüber einstweilen noch feindlich und ablehnend verhält. Diese Einstellung erfährt täglich neue Nahrung durch die Prozesse gegen Kollaborationisten, die vom dänischen Steuerzahler ernährten rund eine viertel Million deutsche internierte Ostflüchtlinge und nicht zuletzt auch durch den Verlauf des Nürnberger Prozesses, über den alle Zeitungen täglich in großen Schlagzeilen auf der ersten Seite berichten.