Achtzig Millionen Pfund Sterling sind im britischen Staatshaushalt für die Kosten der Besatzung von Deutschland vorgesehen, eine „verblüffende Zahl“, wie der Sprecher der Opposition, Eden, bemerkte. Der Schatzkanzler Dalton, der den Staatshaushalt dem Parlament vorlegte, bezeichnete diese Summe als hoch und erklärte; daß vom britischen Steuerzahler nicht erwartet werden könne, daß er in dieser Höhe Zahlungen leiste, die Reparationen an Deutschland gleichkämen.

Achtzig Millionen Pfund! In einer Zeit, die mit Milliardensummen zu rechnen sich gewöhnt hat, mag das ein kleiner Betrag sein. Großbritannien hat im abgelaufenen Etatsjahr nahezu fünfeinhalb Milliarden Pfund ausgegeben. Für das laufende Staatshaushaltsjahr sind Ausgaben von über 3,8 Milliarden Pfund vorgesehen, was zwar eine Herabsetzung von rund einem Drittel gegenüber der Kriegszeit bedeutet, aber immer noch einen ganz ungeheuer hohen Betrag darstellt, wenn wir berücksichtigen, daß der Krieg vorüber ist und die Zeit des Aufbaues beginnen, soll.

Während eines Krieges werden die Ausgaben nicht gemessen nach den Entbehrungen, die das Aufbringen der notwendigen Summen dem einzelnen Staatsbürger auferlegen wird. Der Mann, der zu den Fahnen gerufen wird, bringt mehr als Hab und Gut der Freiheit zum Opfer. Was soll der Staat da fragen, ob jemand sich den einen oder anderen Luxus versagen muß. Ob die Substanz der Volkswirtschaft angegriffen wird: Ob die Zukunft in einer Weise vorbelastet wird, daß große, vielleicht wie wieder gutzumachende Schäden eintreten. Es gilt, die letzte, höchste Gefahr vom heimatlichen Herde abzuwenden, und gegenüber diesem Gesichtspunkt treten alleBedenken zurück.

Anders im Frieden! Jetzt darf die Substanz nicht mehr angegriffen werden, sondern muß sorgfältig geschont bleiben, denn man darf sich nicht mit der Aussicht auf einen Tag beruhigen, der alle aufgewandten Entbehrungen wettmacht. Wer im Frieden von der Substanz zehrt, der verliert die Achtung vor sich selbst, den Mut zur Arbeit, das Vertrauen seiner Mitbürger und den Respekt seiner Familie, für die er sorgen, die er nicht einem ungewissen Schicksal aussetzen darf. In diesem Augenblick wiegt jede Ausgabe, die nicht gedeckt werden kann, schwer, aber ebenso schwer wiegt jede Belastung, die nötig wird, um den Ausgaben entsprechende Einnahmen gegenüberzustellen. In diesem Augenblick, erhält die Summe von achtzig Millionen Pfund erst ihr volles Gewicht.

Achtzig Millionen Pfund Das waren vor 1931. rund 1,6 Milliarden Reichsmark, das waren 1939 zwar in den amtlichen Umrechnungskursen „nur“ 900 Millionen Reichsmark, aber, an Kaufkraft vielleicht ebensoviel wie zuvor. Heute stellen sie nach den Kursen der Militärregierung 3,2 Milliarden Reichsmark dar. Eine gewaltige Summe! Denken wir daran, daß im Friedensjahr 1913 in Deutschland ein Wehrbeitrag ausgeschrieben wurde, der die damals unglaubliche Höhe von einer Milliarde Mark erreichte. Sie liegt höher als die gesamten Steuern auf den Schnapsverbrauch in England, deren Ertrag im kommenden Jahr auf 77 Millionen Pfund geschätzt wird. Sie erreicht fast ein Viertel der Steuern auf Tabak, die mit 425 Millionen Pfund angesetzt werden.

Dabei handelt es sich nicht einmal um Ausgaben, die in der einen oder anderen Form der britischen Volkswirtschaft wieder zugute kommen, die also sich eingliedern in den großen Kreislauf des Wirtschaftsprozesses überhaupt. Wie der Schatzkanzler feststellte, muß ein nicht unbeträchtlicher Teil der achtzig. Millionen Pfund sogar in Devisen ausgegeben werden, um Lebensmittel für das hungernde Deutschland aufzubringen.

Hier beginnt das Problem tragisch zu werden. Würde es sich nur um die Kosten der Besatzungsarmee in Deutschland handeln, so könnten wir Deutsche uns auf den Standpunkt stellen: Soll Großbritannien die Zahl seiner Truppen in Deutschland herabsetzen, wenn es die Kosten, nicht aufbringen will. Stünde nur der Umfang der in Deutschland geplanten Zivilverwaltung in Frage, so könnte ein größerer Anteil der Deutschen an der Verwaltung eine beträchtliche finanzielle Erleichterung bringen. In der Frage der Lebensmittelversorgung ist die britische Zone Deutschlands ganz auf den guten Willen und die Unterstützung durch England angewiesen, mindestens so lange, bis dem deutschen Außenhandel die Möglichkeit gewährt wird, das Brot, das wir essen, aus eigener Kraft aufzubringen und durch die Arbeit deutscher Hände zu bezahlen.