Vor einem Jahr verstummten die Geschütze. Aus den Kellerlöchern, wohin sie sich vor Bombenangriffen und Tieffliegern geflüchtet hatten, aus den Schützengräben und Einmannlöchern, wohin sie gestellt waren, um auf verlorenem Posten auszuharren, ohne den Sinn des Kampfes mehr zu verstehen, aus den Bunkern der Großstädte, wohin panisches Entsetzen vor dem Unvorstellbaren sie gejagt hatte, überall schauten die deutschen Menschen gen Himmel, die Zivilisten, die wenigen Soldaten, die Frauen und Kinder. Es war zu Ende.

Schweres hat das deutsche Volk in den ersten 66 Monaten des zweiten Weltkrieges durchgemacht, fast mehr, als ein Volk ertragen kann. Aber alles Grauen, alles Entsetzen, alles Unsagbare verblaßt gegenüber den beiden letzten Monaten, in denen die Eisenwalzen von Westen und von Osten her über das deutsche Land rollten, um schließlich an Elbe und Unstrut zusammenzuschlagen. Von Osten wie von Westen setzten sich Flüchtlingsmassen in Bewegung, wie sie selbst nach den Erfahrungen des Frankreichfeldzuges und des Rußlandkrieges kaum geahnt werden konnten. Vor ihnen her liefen die Gerüchte von einem Schrecken, der über deutsche Lande und deutsche Menschen hereingebrochen war, wie noch nie seit den Tagen der Völkerwanderung; hinter ihnen drängten Pariser- und schnelle Truppen nach, über ihren Häuptern schwebten die Träger der Vernichtung.

Alles Grausen schien sich in Berlin zusammenzudrängen. Das war kein Widerstand mehr, der dort geleistet wurde, sondern Götterdämmerung, um einen einzelnen Mann, der nicht die menschliche Größe aufbrachte, sich selbst, seine Person und seine verlorene Sache zum Opfer zu bringen, um das Volk zu retten, das ihm ein grenzenloses Vertrauen entgegengebracht und sich ihm so bedingungslos untergeordnet hatte, wie noch nie ein großes Volk sich einem einzelnen Mann unterworfen hat. Wer in letzter Minute von Vernunft sprach, wurde von den Wahnwitzigen, den von den Furien des schlechten Gewissens und vom Bewußtsein ihrer großen, ihrer unendlichen, ihrer nie wieder gutzumachenden Schuld Getriebenen ermordet, „umgelegt“, wie das grause Wort einer entmenschten Zeit lautete.

Mit dem Tode Hitlers kam das Ende. Der Mann, der noch im März 1945 seinen Gauleitern zu erzählen wagte, daß er nunmehr die größte Vernichtungsschlacht aller Zeiten und Völker schlagen werde, der noch im April von Entsatzarmeen faselte, die ihm sein kranker Geist vorgaukelte, der Mann, der seit Jahren sich von seinem Volke durch eine undurchdringliche Mauer von Mißtrauen und Abwehr abgeschlossen hatte, der nicht mehr wußte, was in der Welt vor sich ging, und nur die irrsinnigsten Befehle hinausgehen ließ, dieser Mann war nicht mehr. Aber im äußersten Norden des Reiches hielten noch deutsche Soldaten stand. Auf verlorenem Posten, im Bewußtsein, weder Dank noch Ehre zu ernten, gegen eine Übermacht, die nicht mehr in Zahlen zu fassen war, hielten sie sich an Befehle, die längst jeden Sinn verloren hatten.

Sollte auch das letzte zerstört werden, was noch geblieben? Jedermann wußte, Welche neuen schweren Schläge die nächsten Tage, ja, die nächsten Stunden bringen würden. Noch waren Dänemark und Norwegen nicht von der Kriegsfurie erfaßt. Sollte nach dem Aufhören der Kämpfe in Deutschland das sinnlose Zerstörungswerk auch dorthin getragen werden und das reichlich gehäufte Maß von Schuld noch weiter, steigern? An Schneid hat es den deutschen Soldaten bis zuletzt nicht gefehlt. Jetzt aber handelte es sich darum, daß verantwortungsvolle Männer den Mut fanden, dergrößer war als der Entschluß, in blindem Gehorsam für einen sinnlosen Befehl tapfer zu sterben. Würden die Männer in den entscheidenden Stellungen im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor Gott Und dem Volke nun endlich Schluß machen?

Zwölf Jahre hat uns dieser Mut gefehlt, die „Zivilcourage“, wie Bismarck es genannt hat. Unverständlich für den Außenstehenden ist dieser Gegensatz zwischen Heidentum auf dem Schlachtfeld und der verantwortungslosen Unterwerfung unter eine Autorität, die auf äußeren Gegebenheiten, . nicht auf inneren Werten beruht. Auf Befehl zu gehorchen, waren wir erzogen, nicht aus Verantwortung heraus das Rechte, das Unabdingliche zu tun. Wenn in den kritischen Tagen Anfang Mai endlich Schluß gemacht wurde, so war das nur zum Teil Einsicht und mutiger Entschluß, allen äußeren Widerständen zum Trotz der Stimme des Gewissens zu folgen. Entscheidend war die Tatsache, daß alles zu Ende war, daß der letzte Widerstand sinnlos verpuffte, daß nur noch schlecht ausgerüstete Knaben und Greise einige Schüsse aus irgendeinem Gewehr abgaben, das kaum mehr gebrauchsfähig war, um sich dann weiter nach rückwärts abzusetzen. Nur Zerstörung, nur Vernichtung, nur die Sprengung der letzten Brücken und Verlust der letzten Habe war das Ergebnis dieser sinnlosen Verlängerung eines längst in sich zusammengebrochenen Kampfes.

Da kam die Nachricht, daß alles zu Ende sei, daß der Mann, dem Hitler in seinem Testament zuletzt die Verantwortung übertragen hatte, daß Großadmiral Dönitz die bedingungslose Kapitulation angenommen habe. Das war mehr als das Ende des Widerstandes, mehr als das Ende des Krieges, mehr als das Ende manchen Traumes. Es war das Erwachen aus dem Chaos. Alles, was seither geschehen ist, müssen wir unter diesem einen Gesichtspunkt verstehen.