Das Wort klingt genau so mißtönend wie sein Inhalt widerwärtig ist, gilt es doch, den Sumpf der vergangenen Jahre aufzuwühlen, all den Schmutz noch einmal durchzuseihen, in dem wir fast erstickt sind. Da tauchen wieder die Gestalten der Geschäftemacher, der gewissenlosen Glücksritter auf neben den bedenkenlosen Verbrechern, den Rohlingen aus niedriger Veranlagung und den Entgleisten, die mit Gewalt sich eine Stellung im öffentlichen Leben zu sichern gedachten. Daneben stehen die wenigen Idealisten, die Schwachen und Haltlosen, die Träumer und Verblendeten, denen der täglich auf sie niedergehende Phrasenschwall das Gehirn umnebelte.

Daß wir endgültig mit der Vergangenheit Schluß machen müssen, darüber kann in Deutschland kein Zweifel sein. Es gibt jedoch, festzuhalten, daß das Ziel sein muß, nicht die Vergangenheit zu strafen und zu ächten, sondern in alle Zukunft hinein eine Wiederholung unmöglich zu machen. Das muß der Sinn jeder „Denazifizierung“ sein. So wurde der Grundgedanke auch in den Potsdamer Beschlüssen festgelegt. Die Methoden haben nicht immer dieser Absicht entsprochen. Nicht die Verantwortung gegenüber der Zukunft stand im Vordergrund, sondern das Bestreben, die Vergangenheit als abgeschlossenen Tatbestand zu werten. Zahllose Menschen, denen durchaus eine demokratische Einstellung für die kommenden Zeiten zugemutet werden konnte, gerieten in das Räderwerk einer Maschine, die mehr zerstörte als aufbaute.

In der russischen Besatzungszone ist der Grundsatz, daß nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft entscheide, durchgeführt worden und hat durchweg befriedigendere Ergebnisse gezeitigt als das Verfahren in den westlichen Zonen, die sich einseitig von der Binsenwahrheit leiten ließen, daß niemand unentbehrlich sei. Dabei wollen wir durchaus zugeben, daß die allzu schnelle Gleichsetzung des formalen Beitritts zur Kommunistischen Partei mit innerer Wandlung zum demokratischen Gedanken manche Bedenken erregen kann. Es blieb jedoch der Grundsatz, daß nicht die vergangene Zeit, sondern der lebende heutige Mensch entscheidend sei.

Damit wird die Gefahr gemindert, daß die Ausgeschiedenen, ihres Amtes und ihrer Stellung. Enthobenen in eine Lage hineingedrängt werden, aus der weder sie selbst noch ihre nächsten Verwandten einen Ausweg Sehen und den auch der weitere Kreis ihrer Bekannten oft als schwere, ungerechtfertigte Belastung empfindet. Jeder, der offenen Auges durch die westlichen Besatzungszonen geht, der sieht mit Schrecken, daß die bisherige Methode wenig erfreuliche Folgen hatte. Der äußeren Denazifizierung steht eine innere Renazifizierung gegenüber, die erst kürzlich im Oberhaus in London beklagt wurde.

Um so begrüßenswerter ist es, daß jetzt eine klare, rechtliche Grundlage geschaffen wird, die deutschen Stellen die Möglichkeit gibt, Härten zu beseitigen und die wirklich Schuldigen und Unwürdigen auszumerzen. Deutsche können jetzt den Grundgedanken verwirklichen, daß es heute um die Zukunft unseres Volkes geht, aber es wird notwendig sein, daß sie sich der großen, ja fast übermenschlichen Verantwortung bewußt sind, die heute auf sie gelegt wird. Überall stockt das wirtschaftliche und geistige Leben in Deutschland, weil keine Klarheit zu erlangen ist, wer in den leitenden Stellungen oder als Lehrer, Schriftsteller und Künstler tätig sein darf. Diese Stockung zu überwinden aus der tiefen inneren Verbundenheit zum deutschen Volk, aus der Erkenntnis der Gefahren der Vergangenheit und der Verpflichtung, alle Kräfte einzuspannen, denen die Neubildung des deutschen öffentlichen Lebens anvertraut werden kann, das ist die große Aufgabe der angekündigten Denazifizierungsausschüsse. Wenn sie dieses Ziel erreichen, wollen wir ihren schrecklichen Namen gern in Kauf nehmen.