François Poncet, während langer Jahre französischer Botschafter in Berlin, hat einen Plan vorgelegt, der die Kriegsgefahr beschwören soll, die – angeblich von einem einigen, von zentraler Stelle geleiteten und verwalteten Deutschland ausgehen könnte. Sechs Staaten sollen gebildet werden, die sich zu einem Bunde zusammenfinden, der jedoch nicht in die innere Verwaltung der Einzelstaaten hineinregieren dürfte.

Wir wollen dem früheren Botschafter nicht seinen guten Willen absprechen. Solange in seiner Heimat noch ganz andere Gedanken erwogen oder gar ernsthaft verteidigt werden, solange aus einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet das Herzstück herausgeschnitten werden soll, so wie einstmals die indianischen Bewohner Mexikos, die Azteken, den Kriegsgefangenen bei lebendigem Leibe das Herz herausschnitten, um es noch zuckend ihrem Kriegsgott, dem grausigen Vitzliputzli, zum Opfer zu bringen, solange erscheint ein Plan wie der Poncets noch als ein kluger, weiser Vorschlag. War Deutschland früher nicht auch ein Bundesstaat? Hat nicht erst Bismarck durch die Vorherrschaft von Preußen dem Begriff Deutschland die unheimliche Bedeutung der militärischen Kraft verliehen, mit dem Schauder umgeben, der sich in der Erinnerung an zwei entsetzliche Weltkriege einstellt? Wer die Dinge so sieht, der beweist noch einen Funken guten Willens, aber er enthüllt seinen Mangel an geschichtlichem Sinn. Ihm fehlt die Gabe, vergangene Entwicklungen abzuschätzen und sich von Bildern freizumachen, die längst untergegangen sind.

Das Deutsche Reich Bismarckscher Prägung war ein Bundesstaat, aber seine Wurzeln lagen nicht in der Verschiedenheit der Stämme begründet, sondern in den verschiedenen Ansprüchen der regierenden Familien. Der Unterschied zwischen Preußen und Bayern, um ein Beispiel herauszugreifen, war nicht größer als der zwischen Rheinländern und Ostpreußen, oder der zwischen Badenern und Württembergern war nicht größer als der zwischen Mainfranken und Oberbayern. Nicht einmal geschichtliche Voraussetzungen konnten angeführt werden, um die Staaten des Deutschen Reiches gegeneinander abzugrenzen. Die süddeutschen Staaten sind fast durchweg durch die Napoleonischen Kriege und den Reichsdeputationshauptschluß des Jahres 1803 zu den Gebilden geworden, die sie heute darstellen, Preußen erst durch den Krieg von 1866.

Wenn heute sich ein bayrischer Ministerpräsident hinstellt und die Belange Bayerns einseitig auf „Kosten des Gesamtreiches vertritt, so steht dahinter nicht ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber geschichtlich erwachsenen Gegebenheiten, die innere Verbundenheit mit einer Umwelt, die nicht einfach als fremd und unverständlich abgelehnt werden kann. Hinter diesem Verhalten können wir nur das schwächliche, niedrige, eigensüchtige Bestreben erblicken, sich im Augenblick der höchsten Not des ganzen deutschen Volkes der letzten Verantwortung zu entziehen.

Das ganze deutsche Volk ist für den letzten Krieg verantwortlich: nicht in dem engen Sinn, wie das kleine Geister des Auslandes sehen, daß jeder einzelne durch freudige Zustimmung zu Kriegsbeginn, Kriegführung und Kriegsmethoden die persönliche Schuld auf sich geladen hätte und nun für seine eitle Anbetung von Macht, Gewalt und Krieg auf Kosten anderer, friedliebender Völker zu büßen hätte, sondern in einem tieferen, ethischen Sinn, in dem Sinne, daß wir alle der Gemeinschaft verhaftet sind, die das Schicksal herausgefordert und die Wege des Rechts verlassen hat.

Die Folgen dieser Auflehnung gegen die Grenzen, die uns von der Geschichte gezogen waren, ist dem deutschen Volke teuer zu stehen gekommen. Am schwersten getroffen sind die Bewohner der Gebiete östlich der Oder, die von Haus und Hof weg mußten, die wenig, vielleicht nichts retten konnten. Was sie selbst auch im einzelnen getan und gefrevelt haben mögen, es ist nicht unsere Aufgabe, über sie zu Gericht zu sitzen, die wir selbst genau so tief in Schuld verstrickt sind. Wenn heute ein Bevölkerungsteil erklärt, daß er die Flüchtlinge nicht aufnehmen will, daß er sogar darauf drängt, sie sobald wie möglich irgendwohin abzuschieben – dann wissen wir nicht, ob wir es mit erbärmlichem Eigennutz zu tun haben, der völlig blind macht, oder mit einem erstaunlichen Mangel an Erkenntnis für die eigene verzweifelte Lage, die genau so jedes Recht hat verwirken lassen, auf das gerettete Eigentum zu pochen, oder ob wir darin den kühnen, ja verzweifelten Versuch sehen müssen, mit Hilfe politischer Ränke und Pakte sich aus der großen deutschen Schicksalsgemeinschaft, aus der großen gemeinsamen Schuld, aus der alle umfassenden Verpflichtung zur Wiedergutmachung und zur Zahlung von Reparationen zu lösen.

Ein Plan wie der von Poncet steht nicht vereinzelt da. Sie sind in der Geschichte immer wieder aufgetaucht und haben stets die Eigenschaft gehabt, alle eigennützigen, kleindenkenden, schwankenden und herumabenteuernden Gestalten des öffentlichen Lebens anzuziehen, wie das Licht die Motten anlockt. Wenn eine starke Besatzungsmacht mit dergleichen Lockbildern arbeitet, dann kommen die dunklen, traurigen Nachtgestalten aus ihren Schlupfwinkeln hervor und hoffen, eine, wenn auch klägliche, Rolle spielen zu können. Die deutsche Besatzung hat in den besetzten Gebieten des zweiten Weltkrieges derartige Gestalten zur Genüge kennengelernt. Im Augenblick sind die Gefahren jedoch größer. Sie reichen über die Fragen der Personen und der Gestaltung des Augenblicks hinaus.