Im Prozeß gegen einen deutschen Offizier, den Generaloberst Student, meldete sich freiwillig ein britischer Offizier, Brigadier Ingles, als Zeuge, um vor dem Gericht und aller Welt zu bekunden, daß das Verhalten der deutschen Truppen in Kreta nicht den Rahmen des Völkerrechts verlassen habe. Wir sehen in diesem Zeugnis des ehemaligen Gegners mehr als die Pflicht jedes Menschen, für die Wahrheit einzustehen und sich jederzeit frei und offen zu ihr zu bekennen mehr die menschliche Würde, nicht zuzulasen daß Unrecht begangen wird, solange es dagegen noch eine Möglichkeit des Einschreitens gibt, mehr als die tiefe innere Verpflichtung, dem leidenden, gefährdeten Mitmenschen beizuspringen und zu helfen, damit auch uns in der Stunde der Not Hilfe von einem Mitmenschen werde. Zum ersten Male nach langer Zeit sehen wir im Verhalten des britischen Offiziers den Begriff wieder lebendig, wenden, den Haß und künstlich aufgewühlte Leidenschaften zu begraben drohten, die Ritterlichkeit, die einst Grundsatz der europäischen Völker in allen ihren Kämpfen gewesen ist.

In den Jahrhunderten; da die europäischen Völker gegeneinander Krieg führten, blieben sie dennoch vom Bewußtsein durchdrungen, daß sie einer großen Familie angehörten, daß sie sich gemeinsam zu einer Religion, dem Christentum, bekannten, daß jeder im anderen den Gegner zu achten hätte, der ehrlich, anständig und mit offenen Mitteln kämpfte. Einst im Mittelalter wurden sie von einem gemeinsamen Ideal, dem des Rittertums, durchdrungen. Gemeinsam waren sie in das Heilige Land gezogen in den Kreuzzügen, um gegen die Ungläubigen zu fechten, und dieses Bewußtsein band fester, als persönlicher Streit zu trennen vermochte. Aus jener Zeit ist der Begriff der Ritterlichkeit übriggeblieben, den jedes Heer, das auf Ehre und inneren Anstand hält, beherzigte, ebenso wie jeder Sportsmann lieber verliert, als den Grundsatz preisgibt, für den die Engländer den Begriff der Fairneß geprägt haben.

Ist dieses Ideal, erwachsen aus christlicher Überzeugung und wahrem Menschentum, in den furchtbaren Kämpfen der Materialschlachten, in den Flammengluten der brennenden Städte, auf den eisigen Schneefeldern des grauenvollen Rückzuges aus Rußland untergegangen? Wir wissen, wie oft aus menschlicher Unzulänglichkeit, aus politischer Verhetzung und dem moralischen Zusammenbruch in Zeiten übergroßer Beanspruchung von Nerven und seelischer Widerstandskraft Schreckenstaten erwuchsen, die nie und nimmer zu billigen sind, mögen sie von der eigenen Seite oder vom Gegner begangen sein. Dürfen wir uns von den Beispielen der gemeinen Gesinnung allein bestimmen lassen? Wiegt eine gute Tat nicht mehr für den Glauben an die Menschheit, mehr als alles, was an Frevel, Grausamkeit und Gemeinheit begangen wurde?

Es gibt genügend Beispiele, da sich Männer aller Nationen dafür einsetzten, um dem Feind in Not zu helfen, selbst wenn es das eigene Leben galt, aus dem Bewußtsein heraus, daß niemand mehr vor sich selbst bestehen könnte, der aus Feigheit, Eigensucht oder niedriger, enger Gesinnung einen Menschen in letzter, höchster Not im Stich gelassen. Mehr Mut jedoch gehört dazu; dem Gegner, der angegriffen, angeklagt, geschmäht und verleumdet ist, zur Seite zu treten und für ihn Zeugnis abzulegen. Die äußere Not gibt eine leichtere Rechtfertigung vor uns selbst, als die schwere Gewissensnot, ob Recht Recht bleiben soll. Hier den wahren Begriff der Ritterlichkeit zu wahren, ist die Aufgabe, die nur große, innerlich freie und so wirklich edle Menschen vollbringen. Wir freuen uns, daß Brigadier Ingles uns allen ein Beispiel gesetzt hat, für die Wahrheit einzutreten und dem Gegner ritterlich zur Seite zu treten, wenn er es verdient.