Es erscheint sonderbar, daß nach dem verlorenen Kriege und nach der Stillegung der Kriegsindustrie und der Einschränkung oder dem gänzlichen Abbau wesentlicher Teile der übrigen Industrie in Deutschland nach wie vor ein Mangel an Arbeitern und Arbeiterinnen besteht. Dieses Bild ergibt sich mit geringen Abweichungen in allen vier Besatzungszonen. Bei einem Überfluß an männlichen und weiblichen Büroangestellten herrscht selbst für die vordringlichsten Aufgaben ein ausgesprochener Mangel an bestimmten Facharbeitern und auch an ungelernten Arbeitern, bei letzteren insbesondere für körperlich schwere und mittelschwere Arbeit. Dabei ist ein erheblicher Teil der in Deutschland in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten inzwischen von den Besatzungsmächten entlassen worden, worunter sich allerdings auch eine große Zahl Kriegsversehrter befindet, die in ihren Einsatz- und Erwerbsmöglichkeiten mehr oder weniger behindert sind.

Hinzu kommt ein allgemeines Absinken der Arbeitsmoral, dessen Folgen nicht unterschätzt werden dürfen. Es ist weit schwerer, aus einer Zeitspanne mit schlechter Arbeitsmoral wieder in eine Zeit mit gesunder Arbeitsmoral zurückzukehren, als den Stand der Arbeitsmoral in einer bestimmten Höhe zu halten, Dieses Problem ist beachtlich. Es kann nicht energisch genug vor einer weiteren absinkenden Entwicklung der Arbeitsmoral der arbeitenden Schichten des deutschen Volkes gewarnt werden. Hierbei handelt es sich nicht allein um die Haltung der Arbeiter und Angestellten, sondern in gleicher Weise um die Haltung der Arbeitgeber und Unternehmer. Die Gründe für die gegenwärtige Situation sind verschiedener Art. Zunächst steht der allgemeine Arbeitermangel in einem gewissen Zusammenhang mit dem ruckartigen Abzug der Fremdarbeiter, die während des Krieges zu Millionen in die deutsche Wirtschaft geschickt waren. Die große Zahl der Fremdarbeiter bedingte wiederum einen größeren Angestelltenstab, der in erster Linie von Deutschen gebildet wurde. Diese sind nun nach Abzug der Arbeitskräfte ohne Beschäftigung und schon zu einem erheblichen Teil entlassen worden; sie finden sich freiwillig aber nicht immer bereit, in eine Arbeitertätigkeit zurückzutreten, selbst wenn sie früher eine solche ausgeübt haben. Die Übernahme in das Angestelltenverhältnis ist ein Aufstieg, den keiner ohne Zwang wieder aufgeben möchte. Es kommt hinzu, daß der Handel in weitestem Maße noch daniederliegt, so daß auch aus diesem Bereich zusätzlich arbeitslose Angestellte den Arbeitsämtern zur Verfügung gestellt werden; anderseits besteht das begründete Bestreben der Erwerbsbehinderten, nach Möglichkeit eine mehr oder weniger bedeutende Angestelltenstelle zu erlangen.

Daß die Arbeitsmoral in den Betrieben durch die Ausländer gehoben worden ist, kann nicht behauptet werden. Von ihrem Standpunkt aus besteht auch eine gewisse Rechtfertigung für ihr Verhalten, da sie ja zum Teil als Feinde Deutschlands zur Arbeit in der Rüstungsindustrie gezwungen wurden. Auch der deutsche Arbeiter ließ, nachdem man auf der einen Seite übermenschliche Kraftanstrengungen von ihm verlangt hatte und da auf der andern Seite infolge Materialmangels manche Arbeitsstunde ohne entsprechende Leistung verstreichen mußte, in der Leistung nach. Die jetzt nach etwa sechs Jahren Krieg in die Fabrik, zurückgekehrten entlassenen Soldaten sind zum Teil durch die Art des militärischen Dienstes, zum Teil durch die Dauer der Gefangenschaft dem Gedanken, daß jeder Arbeitsstunde eine Arbeitsleistung entsprechen muß, entwöhnt worden. Dies sind aber nicht die einzigen Gründe für die gegenwärtige Lage. Hat etwa der Arbeiter nur einen Arbeitsanzug und wird dieser bei Außenarbeiten durch den Regen naß, so ist es bei dem gegenwärtigen Mangel an Feuerung sehr fraglich, ob die Arbeitskleidung am nächsten Tag wieder trocken ist. In durchnäßtem Zeug wird der Arbeiter aber nicht zur Arbeit gehen, ebensowenig, wenn ihm nur ein Paar durchgelaufene Halbschuhe zur, Verfügung stehen und er vielleicht in schwerem Boden oder in Feuchtigkeit arbeiten muß.

Ferner ist die Frage des wirtschaftlichen Verhältnisses des verdienten Lohnes zu den Kosten des Lebens zu berücksichtigen und als wichtigster Punkt die Ungeklärtheit der Entwicklung der wirtschaftlichen und geldlichen Verhältnisse in der Zukunft. Die Unsicherheit auf diesem Gebiet In Verbindung mit den Möglichkeiten, die der schwarze Markt bietet, fördert die Arbeitsunlust und macht die Menschen wenig, geneigt, eine regelmäßige, den Tag ausfüllende Arbeit anzunehmen und auszuüben.

Wenn man diesen Übelstand beseitigen will, so muß unter allen Umständen mit einer erfolgreichen Inangriffnahme der Erzeugung der lebenswichtigsten Dinge begonnen werden. Es muß der Landwirtschaft und dem Gemüsebau Gelegenheit gegeben werden, genügend Nahrungsmittel zu erzeugen. Das würde schon, in Verbindung mit der Einfuhr notwendiger Lebensmittel, zu einem erheblichen Abbau des schwarzen Marktes führen, wenn auch damit nicht gesagt werden soll, daß die Zwangsbewirtschaftung alsbald aufgehoben werden kann. Außerdem ist die Bekleidungsindustrie in Gang zu bringen. Für den erarbeiteten Lohn muß der Arbeitnehmer Zeug und Schuhe nicht nur für sich, sondern auch für seine Angehörigen kaufen können. Zweckmäßig und gut wäre es weiter, wenn der für den Wohnraum aufgewendete Teil des Arbeitseinkommens eine ausreichende Wohngelegenheit für die Familie und auch die erforderliche Heizung ohne weiteres sicherstellen würde. Wie ein Studium der Verhältnisse im Winter 1945/46 in den Großstädten ergibt, haben insbesondere zur Beschaffung der Feuerung die Arbeitnehmer manchen Arbeitstag ausfallen lassen. Über diese primitiven Voraussetzungen hinaus ist es – falls noch entsprechende Produktionsmöglichkeiten bestehen sollten – zur Beseitigung der augenblicklichen unerfreulichen Lage dienlich, auch die vielen im Krieg vernichteten Einrichtungsgegenstände und die für die breiteren Schichten gebräuchlichen Lebensgüter möglichst bald produzieren zu lassen. Es läßt sich vertreten, zu diesem Zweck einige zurzeit ungesund aufgeblähte Gewerbezweige einzuengen.

Obwohl nach diesen Ausführungen die Arbeitsämter nicht in der Lage sind, das Übel an der Wurzel zu packen, so müssen sie doch zu ihrem Teil zur Überwindung des gegenwärtigen Zustandes beitragen. Durch den Kontrollratsbefehl Nr. 3 vom 17. Januar 1946 ist zunächst einmal die Registrierungspflicht aller arbeitsfähigen Männer und Frauen im Alter von 14 bis 65 bzw. 15 bis 50 Jahren festgelegt worden Dabei ist zu bemerken, daß auch die arbeitsunfähigen Männer und Frauen dem Arbeitsamt die erforderlichen Unterlagen vorlegen müssen, so daß wir in diesen Altersklassen eine Gesamterfassung der Männer und Frauen haben werden. Ferner ist bestimmt, daß das Arbeitsamt das Vermittlungsmonopol besitzt, daß die Arbeitskräfte ohne Erlaubnis des Arbeitsamtes ihren Arbeitsplatz nicht wechseln können. und daß das Arbeitsamt ermächtigt ist, Personen durch Zwangsanordnungen in Arbeitsplätze einzuweisen. Verstöße gegen diese Vorschriften sind mit Geld- oder Gefängnisstrafen und teilweise mit Entziehung der Lebensmittelkarten bedroht.

Hiernach haben die Arbeitsämter also die erforderlichen Machtmittel, um trotz der dargelegten Entwicklung die notwendigen Arbeitskräfte für vordringliche Aufgaben, worunter zurzeit in erster Linie die Anforderungen der Militärregierungen und der wiederum von ihnen ausdrücklich anerkannte Bedarf zu verstehen ist, schnellstens bereitstellen zu können.