Als die Außenminister sich auf der Pariser Konferenz nicht hatten einigen können, als der Weg zum wahren Frieden durch die Unmöglichkeit versperrt schien, eine gemeinsame Grundlage für die angestrebte Friedenskonferenz zu gewinnen, da hat der nordamerikanische Staatssekretär Byrnes einen neuen Weg gewiesen. Er kündigte an, daß er die Fragen der künftigen Gestaltung der Welt vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen bringen wolle. In das Dunkel der verworrenen Lage Europas, in die Hoffnungslosigkeit über den Stillstand aller Aufbauarbeit, in die Verzweiflung über den neuen, kaum wiedergutzumachenden Zeitverlust nach einem Jahre der Lähmung fällt der Lichtstrahl einer neuen Hoffnung.

Niemand wird bezweifeln, daß ohne die Zustimmung der drei Großmächte: Großbritanniens, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten, eine europäische Regelung nicht möglich ist. Auch Byrnes weiß das, und sein Ziel ist nicht, eine dieser Mächte überstimmen zu lassen oder gegen sie einen politischen Druck auszuüben. Was er jedoch mit seinem Vorschlag erreichen will, ist die Aufbietung neuer, moralischer Kräfte, die stark genug sein werden, die politischen Widerstände wegzuräumen.

Wir leben in einer Welt, die besonders stark von Zweifeln und von Mißtrauen beherrscht wird. Können wir etwas anderes erwarten? Haben nicht die vergangenen Jahre erwiesen, welche Mächte der Finsternis auf Erden vorhanden sind, die uns mit Not und Tod und Elend bedrohen? Es bleibt jedoch die entscheidende Frage, mit welchen Mitteln wir sie zu bekämpfen vermögen, mit den Waffen, der Technik, vollendet bis zur Atombombe, oder mit den Waffen des Geistes, und hierin scheiden sich die Geister, die Ewiggestrigen von den Gläubigen der Zukunft.

Wären die Vereinten Nationen nur ein Bund einer bestimmten Anzahl von Staaten zur Niederwerfung des gemeinsamen Gegners Deutschland, so bedeutete die Verlagerung der Fragen von Paris in die Vollversammlung nur einen Orts- und Kulissenwechsel. Es stünden mehr Statisten im Hintergrund. ohne daß sich grundsätzlich und in der Machtverteilung etwas – ändern würde. Die Vereinten Nationen haben bei ihrer Entstehung diese begrenzte Bedeutung gehabt, und daher haftet ihrem Namen noch für manchen Deutschen die Erinnerung an den Völkerbund in Genf an. Die große grundsätzliche Wandlung vollzog sich jedoch noch während des Krieges auf der Konferenz von San Franziska im April 1945.

Die Vereinten Nationen wollen mehr sein als ein Bündnis des Krieges mit festumrissenen, aber damit enggesteckten politischen Zielen. Sie wollen den Frieden sichern, und dabei gehen sie von der grundsätzlichen moralischen Überzeugung aus, daß die Voraussetzungen des Krieges beseitigt werden müssen. Die wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Bedingungen des Friedens sollen durch ein offenes, nicht an Eigensucht geknüpftes, nicht durch Berufung auf Eigenrechte geschmälertes Verhalten aller friedliebenden Völker geschaffen werden. Es gibt immer noch Millionen von Menschen, nicht nur in Deutschland, die diesen hohen, hehren Worten zweifelnd gegenüberstehen, ohne Glauben und ohne Zuversicht. Wie sollte in einer Zeit, da über jede kleine Grenzberichtigung wochen- und monatelang gesprochen und gestritten wird, ohne daß eine Einigung zwischen Staaten zu erzielen wäre, die noch vor einem Jahr Schulter an Schulter gekämpft haben, wie sollte es da möglich sein, vorurteilsfrei eine Zukunft aufzubauen, in der alle Völker die Freiheit der friedlichen Entfaltung erkalten? Der Zweifel untergräbt dann die letzten Möglichkeiten, auch nur die Tagesfragen zu lösen.

Hier setzt die berechtigte Kritik ein. Die Satzung der Vereinten Nationen enthält viele hervorragende Grundsätze, aber sind sich die Mitgliedstaaten, auch nur die Gründer oder selbst nur die fünf Großmächte mit ständigem Sitz im Vollzugsrat über die Auslegung dieser Sätze einig? Wie kann die gepeinigte, leidende Menschheit an Worte glauben, die von dem einen so, vom anderen anders, ausgelegt werden? Aber gerade hier setzt die wirkliche Aufgabe der Vereinten Nationen ein. die sollen aus der papiernen Satzung erst wirkendes Leben gestalten, aus theoretischen Grundsätzen die Richtlinien für die praktischen Lösungen formen.

Was bedeutet es, wenn die fünfzig Nationen, die in der UNO zusammengeschlossen sind, über die europäischen Fragen sprechen? Gewiß werden viele damit in Probleme verwickelt, die ihnen bisher unbekannt waren, die mit ihren eigenen Sorgen und Schwierigkeiten nichts zu tun haben. Darin sehen wir jedoch den großen, gar nicht einschätzbaren Vorteil. An Stelle des Eigennutzes, der eigenen Wünsche und Bestrebungen tritt der Wunsch, den wahren Frieden zu verwirklichen, der für die ganze Erde gelten soll, den unteilbaren Frieden, der nur auf allgemeingültigen Grundsätzen, auf Recht und Achtung vor dem Menschen, ohne Rücksicht auf Farbe, Religion, Sprache oder politische Überzeugung.