Nach den Landgemeinden und den Kreisen haben am vergangenen Sonntag die Städte mit mehr als – 20 000 Einwohnern in der amerikanischen Besatzungszone. ihre Stimmen abgegeben. Erfreulichwar die hohe Wahlbeteiligung, die in Hessen 78v. H., in Bayern sogar über So v. H. der Wahlberechtigten betrug. Das sind gewiß keine Zahlen,die sich mit den aufgeblähten Angaben der Wahlbeteiligung von 97, 98 oder gar 99 v. H. messen können, die uns in den Jahren des Nationalsozialismus vorgelegt wurden; dafür wissen wir auch, Wie diese Angaben damals zustande kamen. Vergleichen wir die Wahlbeteiligung des vergangenen Sonntags mit Wahlziffern irgendeines demokratischen Landes, so können sie sich durchaus sehen lassen.

Dabei wollen wir nicht vergessen, wie schwer es den heutigen Städtern wird, sich am politischen leben zu beteiligen, angesichts der äußeren Zerstörungen, der Hoffnungslosigkeit der materiellen Lage, dem tiefverwurzelten Zweifel in jedes politische Leben, der uns als unheilvolle Erbschaft des vergangenen Nationalsozialismus übriggeblieben ist. Wenn sie dennoch in überwältigender Mehrheit ihrer Pflicht als Staatsbürger nachgekommen sind, so geschah das in der klaren Erkenntnis, daß in den nächsten Monaten und Jahren mehr gestaltet wird als das eine oder andere Gesetz, die eine oder andere Verwaltungsform.

Wir wollen ein neues Leben aufbauen, und wir bringen dazu so gut wie keine Voraussetzungen mit. Es gibt noch Parteien, die auf eine Vergangenheit zurückblicken, mag sie auch dreizehn Jahre zurückliegen. Aber wie viele ihrer Anhänger haben noch klare Vorstellungen, was damals wirklich war, und wie viele wollen in jene Zeit zurück? Die Programme haben sich den neuen Zeitverhältnissen angepaßt, und das wird von den meisten als eine bedeutsame Verbesserung empfunden. So stellen etwa die Kommunisten den nationalen Gedanken bei allen sonstigen Erwägungen mit in den Vordergrund. Nur aus der freien und freudigen Mitarbeit der Staatsbürger kann neues politisches Leben erblühen.

Der Weg führt über die Parteien. Das hat seine Vorteile und seine Nachteile. Es kann nicht jeder das durchsetzen, was ihm im Augenblick vorschwebt, er muß sich einordnen in einen größeren Rahmen. Er bekommt jedoch in einem demokrati- – schen Staate die Möglichkeit, innerhalb dieses Rahmens seine eigene Meinung frei zu äußern und durchzusetzen. Wir haben im Nationalsozialismus – das Zerrbild einer Partei erlebt, die nur einen Willen kannte und die Anhänger jeder Entscheidung, welche Linie verfolgt werden sollte, beraubte. Heute gilt es, für die erkannten Anschauungen mit ganzer Kraft einzutreten, sie jedoch nicht nur am Stammtisch und hinter verschlossenen Türen in sinnlosem Schimpfen zu äußern, sondern vor aller Öffentlichkeit und im Bewußtsein der großen Verantwortung gegen unsere Zukunft.

Die Wahlen der großen Städte in der amerikanischen Besatzungszone haben den Drang der Wähler, klare Entscheidungen zu treffen, verstärkt gezeigt. In Bayern hat die Christlich-Demokratische Union 44,6 v. H. der abgegebenen Stimmen, in Hessen die Sozialdemokratische Partei 41,2 v. H. erhalten. Daraus ergeben sich Verpflichtungen und Verantwortungen. Gewiß werden nicht alle Wähler mit jedem Programmpunkt übereingestimmt haben, aber sie brachten der einen Partei, der sieihre Stimmen gaben, das Vertrauen entgegen, den Weg zu finden, der uns aus dem Chaos herausführt. Dieses Vertrauen des Wählers brauchen wir, denn auf ihm baut die kommende Demokratie auf. Ebenso wie die Partei unter der dauernden Kritik ihrer eigenen Anhänger stehen muß, ebenso muß der einzelne Wähler sich klarmachen, daß nur mit seiner Beteiligung der Partei der Zwang auferlegt wird, die großenIdeale zu verfolgen, die ihr die Stimmen gesichert haben. Nur der Wähler hat das Recht, den strengen Maßstab der Erfüllung von Versprechungen an die von ihm erkorene Partei zu legen.