Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Wie ein greiser Seher aus großer Vergangenheit ragte er in unsere zerrissene, von Unruhe erfüllte Zeit hinein, Verkörperung der geistigen Entwicklung von nahezu zwei Geschlechtern. Vor einem halben Jahrhundert stand er bereits an der Spitze der deutschen Dichtkunst, wegweisend, formend, maßgebend. Läßt sich der Naturalismus der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ohne Gerhart Hauptmann denken, ohne seinen starken sozialen Willen, ohne seine Kraft der Gestaltung, ohne die Glut revolutionärer Empörung, die aus seinen ersten großen Dramen sprach?

Gerhart Hauptmann ist uns mehr geworden als der Dichter des "Sonnenaufgangs", der "Weber" oder des "Biberpelzes". Er war die Brücke, die von der großen klassischen Dichtkunst hinüberreichte in die Zukunft, die von der bürgerlichen Welt zur proletarischen der Arbeiterbewegung führte. Kein deutscher Dichter hat wie er den Blick in das Leben des Arbeiters getan und dabei so stark die großen Überlieferungen beherrscht. Immer wieder bewundern wir die Spannweite seines Könnens, den Reichtum seiner Gestalten aus allen Schichten der Gesellschaft, aus allen Kreisen der Bevölkerung, ans Gegenwart, Geschichte, Sage und Märchenwelt, vom Helden bis zum Schwächling, vom Trunkenbold bis zum Heiligen, vom Ketzer bis zum Rautendelein. Die Fülle seiner Schöpfungen überrascht den Leser seiner Werke immer von neuem. Wer aber Gerhart Hauptmann kannte, der wußte, daß die sprudelnde Kraft seiner dichterischen Phantasie aus seiner engen, tiefen und unzerreißbaren Verbindung zu seiner schlesischen Heimat entsprang.

Aus dieser engen Verbundenheit erwuchsen ihm seine besten dichterischen Entwürfe, seine blutvollsten Gestalten, die Kraft seiner Sprache und die Fülle seiner Einfälle. Aus dieser Verbundenheit sollte ihm zuletzt die Tragik seines Lebensabends erwachsen. Gerhart Hauptmann war nie ein politischer Mensch. Ihm stand das Menschliche im Vordergrund, nicht die politische Wirkung, aber gerade deswegen ist diese vielfach besonders stark gewesen. Der Dichter, der aus dem Drang inneren Erlebens gestaltete, stand nicht abseits des öffentlichen Lebens, aber auf einer anderen Ebene, und das führte wieder zu Mißverständnissen, Irrtümern und sogar persönlichen Angriffen. Sie wurden alle dem großen Menschen Gerhart Hauptmann nicht gerecht. Heute steht er vor uns als die Verkörperung einer geistigen Bewegung, die um 1890 begann, als Deutschland noch im Materialismus der Gründerjahre, in der Anbetung äußerer Erfolge des Bismarckreiches und in der Überschätzung des Gelderwerbs zu versinken drohte. Weil er uns Mahner und Seher war, wurde er zur großen nationalen Gestalt, bekannt, geachtet und geliebt weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus.

Gerhart Hauptmann war einer der großen deutschen Persönlichkeiten, die europäischen Ruf genossen. Er gehörte zum Gesicht des geistigen Deutschlands wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen. Als solcher ist er auch von den russischen Besatzungsbehörden angesehen worden. Er durfte in Agnetendorf bei Hirschberg bleiben, als rings die Vertreibung der Deutschen in großem Umfange durchgeführt wurde, und seine engeren Landsleute klammerten sich an ihn als den inneren Halt, als den Quell der Hoffnung, daß die letzte Not der Vertreibung abgewehrt werden könnte. Dennoch sah er sich gezwungen, sein Heim in Agnetendorf zu räumen. Dieser Gedanke wird ihm die Kraft zum Leben genommen haben, da er bereits vorher gesundheitlich geschwächt war. So ist ihm der Weg in die Fremde erspart geblieben. Ohne Schlesien wäre sein Lebensabend noch schwerer geworden, als er es schon gewesen ist.