Deutschland baut seine junge Demokratie auf. Das ist kein Lippenbekenntnis, keine Anpassung an äußere Bedingungen, sondern eine innere Notwendigkeit und eine unausweichliche Aufgabe.

Jede Staatsform erwächst aus zweierlei Voraussetzungen, den äußeren und den inneren, den Überlieferungen und festen Formen der Vergangenheit und den lebendigen Kräften des täglichen Lebens. In Deutschland ist das Erbe der geschichtlichen Entwicklung in einem Umfang vertan, vergeudet und zerschlagen, wie selten zuvor in der Geschichte. Damit verlieren alle Staatsformen an Gewicht, die langsam gewachsen sind und ihre überzeugende Kraft aus der inneren Würde ziehen. Das gilt heute besonders für den monarchischen Gedanken. Das Wort Bismarcks, daß einmal die Monarchie in Deutschland aus Mangel an echten Monarchen zerbrechen würde, hat sich ungeahnt bewahrheitet. Nach der Französischen Revolution gab es Legitimisten, Orleanisten und sogar Bonapartisten, weil sie alle ihren Kandidaten für den zu besetzenden Thron benennen konnten. In Deutschland flüchtet der monarchische Gedanke in die Winkel der versunkenen Einzelstaaten, weil der Mann fehlt, der die drei Voraussetzungen für einen Träger eines deutschen monarchischen Gedankens vereinigen könnte: legitimen Anspruch, persönliche Fähigkeiten und politisches Vertrauen.

Wenn wir jedoch ohne äußere gewachsene Form aufbauen, dann müssen wir die lebendigen Kräfte frei machen, die in jedem Volke stecken, deswegen können wir nur die Demokratie als festen, zuverlässigen Fels anerkennen. Träger der Demokratie sind die Parteien. In ihnen pulst alles Streben nach freier Neugestaltung unseres öffentlichen Lebens. Sie sollen die jungen Kräfte heranführen an die praktische Arbeit, sie sollen die Erfahrung vermitteln, die sich im Laufe des politischen Wirkens ansammelt, und sie sollen die feste, weltanschauliche Grundlage bieten, von der aus sich der Blick auf das Ganze richten kann.

Auch die Parteien unterliegen dem Gesetz jeder Organisation, daß sie zugleich ausser äußeren Form und den inneren emporquellenden Kräften gestaltet und geleitet werden. Es wird nicht immer leicht sein, den richtigen Weg zwischen weltanschaulichem Streben und den taktischen Erfordernissen des politischen Kampfes zu finden. Jede Organisation hat den Wunsch, sich auszudehnen, äußerlich zu wachsen, und so suchen die Parteien, Anhänger zu werben. Sie wollen ihren Anhängern etwas bieten, und so lassen sie sich auf taktische Bündnisse ein, Sie sehen sich gezwungcn, etwas für treuen Helfer zu tun, die in Gefahr und Not zu ihnen gestanden und die Arbeit fortgesetzt haben, als sich, andere feige oder müde zurückzogen, und so öffnen sie ihnen durch ihren politischen Einfluß den Weg an die staatlichen Stellungen. Wer wollte den Parteien daraus einen Vorwurf machen?

Den Ausgleich bietet das Gewicht der öffentlichen Kritik. Wir haben zwölf Jahre lang erlebt, wohin eine Parteiwirtschaft führt, die nicht unter dieser steten, unbestechlichen und wachsamen Aufsicht Steht. Das Wesen der Partei wird trotz aller unbestreitbaren Schwächen zum Vorteil, wenn ihr mindestens eine andere Partei als Opposition gegenübersteht. Die weltanschauliche Linie wird klarer, ehrlicher, beständiger, wenn sie sich täglich gegen alle Angriffe neu zu behaupten hat. Das ist das Wesen der Demokratie, und deswegen sind Parteien nur in einer Demokratie lebensfähig und gerechtfertigt, und deswegen müssen wir die wahre Demokratie mit allen Mitteln anstreben, deswegen müssen wir jeden Versuch einer Unterdrückung der freien Meinungsäußerung mit allen Mitteln der kämpfen, deswegen müssen wir allen daran setzen, um die Voraussetzung einer freien Aussprache, die Toleranz und Achtung der fremden Meinung, zu Toleranz

Was war das namenlose Verbrechen des Nationalsozialismus? Was hat ihn vom ersten Tage der Machtergreifung an gezwungen, seinem inneren Gesetz nach immer tiefer und tiefer zu sinken, bis er uns in den Abgrund des völligen äußeren und inneren Zusammenbruchs hineingeführt hat? Es war die Unterbindung jeglicher Kritik. Der Nationalsozialismus hat jeden politischen Gegner mundtot gemacht und hat sich selbst damit den Widerpart genommen, der dem sinnlosen Schalten und Walten des Wahnsinns hätte Einhalt bieten können. Gewiß ärgert sich der verantwortungsvolle Staatsmann unter Umständen über die Kritik der unwissenden Masse, die seine letzten Ziele und Pläne nicht kennt, die von keiner Sachkenntnis getrübt, von keiner Rücksicht beengt sind. Aber dieser kleine Ärger des Tages wiegt federleicht gegenüber der entsetzlichen Gefahr, hemmungslos ins Meer menschlicher Leidenschaften zu treiben.

Wie leicht ist es, über Demokratie zu spotten, wenn sie lähmt und hemmt und bindet! Wie leicht und schnell und selbstverständlich erscheinen demgegenüber die Lösungen, die von einem Mann in genialer Intuition hingeworfen werden! Zunächst erscheint diese Auffassung durchaus berechtigt; es arbeitet sich leichter in einer Diktatur! Aber dann beginnt das unheimliche Gesetz der Macht, das bisher jede absolute Regierungsform zugrunde gerichtet hat. Ohne feste Maßstäbe, ohne Hemmungen. ohne sittliche Ausrichtung und ohne Kritik reißt die immer gewissenloser werdende Regierung Staat und Volk und Kultur ins Verderben. So war es im kaiserlichen Rom, so war es im Dritten Reich und deswegen treten wir aus innerer Überzeugung für die Demokratie ein, deswegen ist der Faschismus nicht etwa eine technisch überlegene, sondern eine im Kern und von Anbeginn an zum Unterlang verurteilte und moralisch verderbliche Regierungsform.