Noch um die Jahreswende 1942/43 rangierte Drascha Mihailowitsch in einer amerikanischen Rundfrage nach den populärsten alliierten Generalen an fünfter Stelle. Im Sommer 1941 hatte der bis dahin fast unbekannte Generalstabsoberst die der Gefangennahme entgangenen Reste der jugoslawischen Armee in Mittelserbien gesammelt und sie seinem „Waldstab des königlichen Heeres im Vaterland“ unterstellt. Mit der Zeit strömten ihm Freiwillige aus den verschiedensten Lagern und Parteien zu, und nach Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und der Sowjetunion ging er zu aktiver Tätigkeit über. Aus örtlichen Sabotageakten und Störungen entwickelte sich allmählich eine ganz erhebliche Belastung für die deutschen Besatzungstruppen. Die Tschetniks des Generals kontrollierten bald ein Gebiet, das ungefähr zwei Drittel der Schweiz ausmachte, sie beherrschten die Eisenbahnen und Hauptverkehrsstraßen, verfügten über einen eigenen Sender und eigene Flugzeuge, die die Verbindung zu den großen Alliierten aufrechterhielten, und zogen Steuern und Soldaten ein. Die jugoslawische Exilregierung in London ernannte den General zum Kriegsminister und Oberbefehlshaber ihrer Streitkräfte. Die Besatzungbehörden, die kaum Möglichkeiten zum Eingreifen hatten, seitdem die deutschen Truppen zum größten Teil an die Ostfront abgezogen worden waren, mußten zugeben, daß etwa 80 v. H. des serbischen Volkes hinter Mihailowitsch standen und bereit waren, ihn im entscheidenden Augenblick zu unterstützen. Es entsprach der dilettantischen und von wenig Einsicht in die örtlichen Verhältnisse getragenen Politik des Reichsbevollmächtigten für Südosteuropa, des rasch zum Gesandten avancierten früheren Wiener Bürgermeisters Neubacher, daß die Vereidigung der serbischen Beamten auf die alte jugoslawische Verfassung erfolgte, was praktisch eine Treuepflicht nicht für den von Berlin eingesetzten serbischen Ministerpräsidenten Neditsch, sondern für König Peter begründete. Einerseits erschien es unmöglich, das Ansehen des allseits beliebten jungen Königs, dessen Bilder sogar in den Amtsstuben und Ministerien hängenblieben, anzutasten, anderseits übersah man, daß der legale Repräsentant des Königs eben Drascha Mihailowitsch war und die deutsche Verwaltung die von ihr bestätigten Beamten für den gefürchteten General verpflichten ließ. Sogar einige Minister der Regierung Neditsch waren ausgesprochene Exponenten Mihailowitschs.

Das Dilemma der Neubacherschen Serbienpolitik wurde beendet durch Ereignisse, die von außen herangetragen wurden. Nachdem die Rote Armee ihre ersten Rückschläge überwunden hatte, begann eine Aktivierung der sowjetischen Balkanpolitik, die bald die Lage in Serbien von Grund auf änderte. Unter der geschickten Führung Josip Titos begannen die jugoslawischen Kommunisten, der einflußreichen, aber innerlich schwachen und ideologisch und politisch wenig ausgerichteten Gruppe Mihailowitschs erst die Machtmittel und anschließend die Führung im Befreiungskampf zu entreißen. Mit nationalistischen Parolen wurde dabei nicht gespart, und die erstaunlichen militärischen Erfolge Marschall Titos schienen ihre Aufrichtigkeit zu bestätigen.

In diesem Augenblick erwies sich, daß Mihailowitsch zwar Soldat, aber kein Politiker war. Um den wachsenden Einfluß der Kommunisten, mit denen seine Tschetniks oft erbitterte Kämpfe ausfochten, niederzuhalten, ließ er 1943 eine Reihe seiner meist sehr selbständig operierenden Unterführer Waffenstillstandsabkommen mit deutschen Stellen abschließen. Er selbst trat dabei allerdings niemals in Erscheinung. Während Mihailowitsch mit diesen Abkommen lediglich erreichte, daß die Westmächte auf seine Inaktivität mit einer fortlaufenden Verringerung ihrer, materiellen und moralischen Unterstützung antworteten, machte sich Dr. Neubacher die politische Konzeption zu eigen, daß das eifrige Schüren der Gegensätze zum Auseinanderfallen der alliierten Koalition führen würde. So ist es an einigen Stellen Serbiens zu gelegentlichen gemeinsamen Kämpfen deutscher Truppen und Tschetniks gegen Abteilungen Titos gekommen. Aber seit Anfang 1944 ließen auch die Westmächte und selbst die jugoslawische Regierung in London nur noch Marschall Tito ihre Unterstützung zukommen, und damit sank Mihailowitsch militärisch zur Bedeutungslosigkeit herab.

Er blieb freilich ein bedeutsamer Faktor der jugoslawischen Innenpolitik: Mit seinen 50 000 bewaffneten Tschetniks war er nach dem Sieg der Alliierten der einzige Exponent des Königs in einem Land, dessen gesamtes politisches Leben jetzt in einer Volksfront unter kommunistischer Herrschaft uniformiert wurde. Auf dieser Grundlage wurden Wahlen veranstaltet, die in der Welt keinen guten Eindruck hinterließen; die Monarchie wurde abgeschafft und eine republikanische Verfassung nach sowjetischem Vorbild zustande gebracht. Der legalen Opposition, die sich in den früheren Ministern Schubaschitsch, Grol und Schutej verkörpert und ihre Sache mit bemerkenswertem Mut verficht, werden alle nur möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Schubaschitsch und Schutej waren längere Zeit „zum Schutz vor der erbitterten Bevölkerung“ in Zagreb interniert. Der alte Kroatenführer Matschek mußte von Paris aus an die Westmächte appellieren, die demokratischen Rechte der Völker Jugoslawiens zu sichern. Daß angesichts dieser Tatsachen die illegale Opposition, deren Führer bisher General Mihailowitsch war, einen bedeutenden Aufschwung nahm, ist nicht besonders erstaunlich. Noch vor wenigen Monaten hat die jugoslawische Regierung in amtlichen Verlautbarungen zugeben müssen, daß in fast allen Provinzen gekämpft wird und die Zahl der Aufständischen in die Zehntausende geht. Objektive ausländische Beobachter haben berichtet, daß die Spannung im Lande größer sei als je zuvor. Unter diesem Gesichtspunkt gesehen wird der Prozeß gegen den im März verhafteten Mihailowitsch von dessen Anhängern als ein innenpolitischer Blitzableiter angesehen, mit dem Marschall Tito die Stoßkraft seiner Gegner wesentlich zu schwächen hofft. In diesem Sinne verfolgt auch die Weltpresse diesen Prozeß mit besonderer Aufmerksamkeit. H.