Von Hans-Christian Albrecht

In der Hamburger Bürgerschaft liegen verschiedene Anträge auf Änderung der Entnazifizierungsbestimmungen für Jugendliche vor. Andere Anträge befassen sich mit dem Studium an der Hamburger Universität, einer von diesen verlangt eine Erweiterung des Numerus clausus für Studenten bis zur Grenze der Universitätskapazität sowie die Instandsetzung des Hauptgebäudes und der Seminargebäude. Aus diesen Anträgen spricht ein gut Teil deutschen Nachkriegsschicksals, das Schicksal der Jugend und insbesondere der akademischen Jugend.

Wie nach dem Weltkrieg, so ergoß sich auch in diesen Monaten, die der Kapitulation folgten, wieder ein gewaltiger Strom junger Menschen an die Schwelle der Alma mater. Wie damals waren es wieder die gestauten Kräfte mehrerer Jahrgänge (etwa vom Abiturjahrgang 1937 bis 1945), die, durch Krieg und Militärdienst so lange ferngehalten, nun endlich hoffen, ihrem eigentlichen Lebensziel, dem akademischen Beruf, dienen zu können. Wie damals sind freilich auch unter diesen zahlreiche, die die Universität in der Ungunst der Zeiten als Wartesaal betrachten. Ganz anders aber als damals ist, was heute diese Jugend erwartet.

Wenn in den Jahren nach dem Weltkrieg die Universitäten zum Teil vier Semester im Jahr lasen, wenn zum Beispiel in Berlin damals rund 16 000 Studenten studieren konnten, so sind heute überall strengste Grenzen gezogen. Der Numerus clausus hat ein scharfes Regiment angetreten. Und wenn, damals dem Heimkehrer, der vielleicht seit Jahren sein Ziel, zu studieren, vor Augen, im Dienst für sein Vaterland seine eigenen Ziele immer wieder hatte zurückstellen müssen, aus irgendeinem Grund es doch nicht möglich war, zu studieren, so bestanden doch Gelegenheiten genug für ihn, auch abseits der Universität sich irgendeinem Beruf zuzuwenden, dem Neigung und Fähigkeit entsprachen. Heute aber erwartet den Studenten, der von der Universität abgewiesen wird, in den allermeisten Fällen nur die Beschäftigung in der Aufräumungsarbeit oder Torfgewinnung.

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So steht es also: entweder dazugehören oder alle Lebenspläne weitgehend aufgeben müssen. Dies scheint die harte Parole; Und schon ergeben sich Fragen. Muß der Numerus clausus wirklich in der Härte durchgeführt, werden, wie wir es erleben? Ist es wirklich nicht möglich, mehr als zum Beispiel 2800 Studenten an der Hamburger Universität studieren zu lassen? Wir wissen, daß es unmöglich ist, jetzt alle Bewerber zu berücksichtigen, die zum Studium strömen. Eine solche Zahl von Akademikern wird Deutschland in den kommenden Jahren der Armut nicht gebrauchen können. Die Zahl der augenblicklichen Bewerber ist etwa drei- bis viermal so hoch wie der Jahresdurchschnitt der Studentenzahlen. Das erscheint zuviel, selbst wenn wir berücksichtigen, daß die letzten acht Jahre hindurch nur sehr wenige studiert haben, daß zum Beispiel in Hamburg von 1933 bis 1941 die Zahl der Studenten von 3500 auf 1200 gefallen ist. Ja, die Universitäten selbst können diesen Andrang nicht bewältigen. Die Gebäude sind zerstört, ein Teil der Büchereien vernichtet, die wenigen Dozenten, die politisch unbelastet zur Verfügung stehen, sind von Arbeitslast überhäuft und durch die schwierigen äußeren Lebensumstände nicht voll leistungsfähig. Die Grenze der Möglichkeiten, die die Universitäten bieten, die Zahl der Plätze, die sie mit gutem Gewissen vergeben können, ohne dem einzelnen allzu mangelhafte Behelfe anzubieten, ist also schon beschränkt genug. Dadurch ist schon ganz von selbst eine obere Grenze gezogen. Nach dieser müssen wir uns richten. Aber wir dürfen sie nicht noch unterschreiten. Wenn eine Universität es verantworten kann, ohne ihr Leistungsniveau allzu gefährlich zu mindern, 4000 Studenten studieren zu lassen, gut, dann soll sie sich diese-Zahl als Richtzahl nehmen.

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