Von Bruno E. Werner

Eine Reise nach Süddeutschland ist wie eine Fahrt durch den St. Gotthard. Wolkenfetzen Aber der braunen Heide, gelegentlich ein paar blaue Löcher in der Himmelsdecke, die sich in den Pfützen auf der Straße spiegeln. Dann kommt Hannover mit grauen und rotverrußten verbrannten Fassaden, mit einem Flüchtlingsbahnhof, der gelegentlich Dantesche Visionen aufsteigen läßt. Eine betonfarbene Welt. Aber man erinnert sich, daß hier Adolf Grimme wirkt, einer jener Männer, die aus dem persönlichen Leiden eine wunderbare kluge und überlegene Menschlichkeit entwickelt haben.

Die Fahrt geht weiter. Der Himmel wird blau. Ein Heilbad mit unzerstörten Fachwerkhäusern und einem Kurhaus im grünen Park. Hier kommt die Taube mit dem Ölzweig. Der Hotelier, ein Berliner, dem man das erste Haus des Ortes übergab, sagt bei der Abfahrt: „Herr Doktor, Sie kommen doch viel herum. Darf ich Ihnen den Prospekt unseres Kurortes in die Hand drücken?“ So wie uns in diesem Augenblick muß es Noah zumute gewesen sein. Aber verschweigen wir den Namen des gastlichen Bades! Denn auch in diesem Ort kann es gar nicht genug Briefpapier geben, um alle Absagebriefe zu schreiben.

Dann kommt die Fahrt durch den Gotthard. Es ist kein Tunnel. Die Sonne strahlt Aber plötzlich milde Luft. Wie ein Hauch aus dem Tessin. Fulda. Vor dem Schloß mit dem Sternenbanner steht der heilige Bonifazius. Man denkt ein wenig an Mestrovic und moderne Russen, wenn man die riesige Gestalt vorwärtsschreiten sieht. Zu seinen Füßen ein zertrümmerter Jeep. Ein frischer Autounfall? Nein, der halbzerquetschte Wagen ist wie im Boxring von Seilen eingezäunt Er dient anschaulicher Warnung. Denn hinter ihm liest man auf großer Leinwand die Inschrift: „Slow down. This can Lappen to you.“ (Langsam, das kann auch dir passieren.) Kein Zweifel, daß diese Aufschrift den meisten Menschen des 20. Jahrhunderts mehr bedeutet als die Inschrift des Sockels, die von ihr verdeckt wird. Die Sockelinschrift lautet: „Verbum domini manet in alternum.“ (Das Wort des Herrn währt in Ewigkeit). Vielleicht wird der heilige Bonifaz etwas böse über seine neue Aufschrift und das Auto sein. Aber jener, der ihn einst aufforderte. das Kreuz zu ergreifen, weiß auch um die Ironie, in der sich die Götter selber erkennen. Er wird über die Menschen des 20. Jahrhunderts lächeln und über ihre Säkularisierung göttlicher Weisheit: This can happen to you.

Heidelberg. Die unzerstörte Stadt. Überfüllt mit Zugewanderten. Ein Auto- und Menschenverkehr, wie ihn der Neckar nie zuvor sah. Die Sonne läßt alles vergessen. Menschen promenieren an den Schaufenstern entlang. Mädchen in hellen wehenden Sommerkleidern mit braungetönten nackten Beinen. Nizza. Promenade des Anglais. Wir sind dankbar für Illusionen. Sind diese Träume nicht vielleicht die Wirklichkeit die Schutthaufenexistenz das einzig Irreale?

Im völlig zerstörten Darmstadt. Die Künstlerkolonie des Großherzogs Ernst August. Sie ist gleichfalls verbrannt. Zwischen den Mauern der höhenansteigenden Villen mit Torbögen, Mosaiken, Wandmalereiresten, farbigen Fliesen und Skulpturen wachsen die Birken. Ihre lichten Zweige wuchern durch die toten Fenster. Aus den Ritzen der Stufen steigt das Gras. Man denkt an Pompeji. Merkwürdig, das konserviert Leichenhafte der Vesuvstadt ist hier nicht anzutreffen. Die Birken sind zu lebendig. Fast weht um diese zerfallene, menschenverlassene Künstlerkolonie bereits ein Hauch Märchenluft. Man sieht im Geist morgen hier die Väter spazieren, die mit Gelassenheit ihren Kindern erzählen: „Hier lebte einst...“ So wie die Reisenden in der Province den Umweg nach Les Beaux, der Ruinenstadt, machen, wo man ihnen dann von der heiteren Königin Jeanne berichtet. Unten in der Stadt regiert Karlheinz Stroux im hessischen Landestheater. Er spielt Anouilhs „Antigone“ und das, was man überall in Deutschland spielen müßte: „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder. Hier scheint Theater mehr als Unterhaltung und Bildungserlebnis zu sein. Es wurde Ereignis. Denn Stroux schonte die Zuhörer nicht. Wie es ihm gelang, als erster die Schwierigkeiten zu überbrücken, solche Stücke aufzuführen, ist sein Geheimnis. Er brachte es fertig. Er zeigte, daß das Leben stärker ist als Not und Ruinen.

Wieder in München. Das äußere Bild hat sich seit November nicht wesentlich verändert. Nur quer über dem Karlstor spannt sich die englische Inschrift: „Tot ist tot! Fahr vorsichtig!“ Auch die einstmals grünen Zwiebeln der zerstörten Frauenkirche, die zuletzt wie jene Körbe wirkten, in denen man Salat trockenschleudert, haben helle Holzverschalungen bekommen. Wir treffen zur rechten Zeit ein, um einiges Neues zu sehen. Unter der neuen Intendanz von Erich Engel führt man in den Kammerspielen Giraudoux auf: „Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden“. Wie immer bei Giraudoux ein Diskussions-, ein Dialogstück von wacher, sinnlicher Musikalität, von zauberhafter romanischer Klarheit, aber man hielt den Atem an. Nostra res agitur. „Stets wenn zwei Staatsmänner sich wie wir irgendwo an einem See treffen mit dem festen Entschluß, keinen Krieg miteinander zu führen, bricht der Krieg aus“, sagt Odysseus zu Hektor, der ein tapferer Soldat und Pazifist ist. Auch diesmal scheint die Katastrophe verhindert, weil sich Odysseus durch den Augenaufschlag Andromaches an Penelope erinnert fühlt. Aber dann, während der Grieche zu den Schiffen schreitet, rollt die Tragödie nach irrationalen Gesetzen ab. 1935 wurde das Stück geschrieben, 1936 erschien die deutsche Übersetzung. Zehn Jahre vergingen, bis wir sie.sahen, und was für zehn Jahre! Axel von Ambesser, spielt den Hektor, Maria Koppenhöfer die trojanische Königin, Charles Regnier mit d’Annunzio-Zügen den patriotischen Dichter, Maria Nicklisch die Helena. Martin Hellmer führt Regie. Manches Kritische ließe sich sagen. Aber es wiegt gering, da man hier wirklich das Wort des Dichters vernahm. Ein Wort, das dieses Leben noch lebenswert macht.