Seit dem 15. Juni verhandeln die Außenminister wieder in Paris. Sie haben die Fäden dort wieder aufgenommen, wo sie sie einen Monat vorher mit einem müden Verzicht aus der Hand haben gleiten lassen. Die Gegenstände der Beratung sind dieselben geblieben. Hat sich etwas verändert? Dürfen wir diesmal größere Hoffnung hegen, daß ein wahrer, gerechter Frieden zustande kommt?

Die bisher erzielten Fortschritte können allein noch keinen Anlaß für die Annahme bieten, daß unsere Erwartungen heute auf festerem Boden stehen als vor zwei Monaten, als sich die Staatsmänner der Siegermächte in Paris versammelten. Gewiß! Es sind Fragen gelöst worden, die vor einem Monat noch unlösbar schienen. Die Räumung Bulgariens von russischen Truppen ist zeitlich begrenzt worden, so daß drei Monate nach dem Friedensschluß mit Italien keine sowjetischen Streitkräfte mehr in diesem Lande stehen werden, wobei als Bedingung festgesetzt wurde, daß bis zu diesem Zeitpunkt die britischen und amerikanischen Truppenteile ihrerseits Italien geräumt haben müssen. In anderen Fragen, wie der des künftigen Schicksals der italienischen Besitzungen in Afrika, wurde eine Zwischenlösung gefunden, indem sich die Staatsmänner darüber einigten, daß eine Entscheidung erst in einem Jahr getroffen werden soll.

Ist deswegen, die politische Atmosphäre in Paris die alte geblieben? Herrscht dort der gleiche Geist, der seit der Konferenz von Potsdam praktisch den Fortschritt und den Wiederaufbau Europas gehindert hat, weil die maßgebenden Mächte sich untereinander nicht einigen konnten und so alle wirtschaftliche Betätigung lahmlegten? Mit besonderer Sorgfalt suchte der Beobachter in den letzten vier Wochen nach Zeichen für einen inneren Wandel, einen Wandel der Gesinnung, weil er aus ihm das Vertrauen schöpfen will, daß sich auch die äußeren Umstände umgestalten werden. Dieses Hinzögern Von Monat zu Monat, von einer aufgeflogenen Außenministerkonferenz zur anderen, dieses Hinausrücken der von den verantwortlichen Staatsmännern angekündigten Termine, dieses Vertrösten auf den bevorstehenden Beginn des wirtschaftlichen und politischen Neuaufbaus in Europa und diese unaufhörlichen Enttäuschungen, wenn Woche auf Woche. Monat auf Monat verrann und nichts vorwärtskam, das alles zerrte an den Nerven der Menschen.

Wir in Deutschland empfanden diese seelischen Belastungen am stärksten. Wir starrten auf die Trümmer unserer Städte, auf die kalten Schornsteine der zerbombten, ausgeschalteten Fabriken, wir sahen die Züge mit ausgebauten Maschinen über unsere Grenzen rollen, und wir fühlten doppelt die Qual, warten zu müssen, zu warten auf eine klare, eindeutige Entscheidung, die unser Schicksal bestimmt. Der Inhalt des Spruchs trat fast zurück an Bedeutung gegenüber dem Verlangen, den Spruch selbst zu hören.

Was in – den letzten dreizehn unglückseligen Jahren geschehen ist, wissen wir. Wenn wir nicht mehr davon sprechen, so hindert uns eine tiefe Scham, in einer Wunde herumzuwühlen, die wir selbst schmerzlicher empfinden, als wir uns vielleicht zugestehen wollen. Wir haben unser eigenes Schicksal vergeudet, verspielt, sinnlos zertreten, indem wir in maßloser Selbstüberschätzung, mit verbrecherischem Leichtsinn und ohne jeden Sinn für Menschlichkeit, sittliche Werte und Verantwortungsgefühl die ganze Welt herausforderten. Was wir heute wissen wollen, ist nur noch, ob wir werden leben können, leben unter Bedingungen, die uns lebenswert erscheinen, ob wir als Volk die Hoffnung haben dürfen, daß durch die kommenden. bitteren Zeiten hindurch der Weg zu lichteren Gefilden führen wird.

Daß diese Hoffnung nicht aus der Luft gegriffen ist, dafür gibt es genug Versprechungen von verantwortlichen Staatsmännern, ganz besonders klar und deutlich das Versprechen des nordamerikanischen Staatspräsidenten Truman, daß Deutschland wieder einen Platz mit Ehren im Kreise der friedliebenden Völker wird einnehmen können. Aber wir wissen, daß dieser Wiederaufstieg nicht nur an unsere: seelische Bereitschaft, sondern auch an materielle Voraussetzungen geknüpft ist, und wir sehen, wie diese Vorbedingungen von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, ja fast möchte es scheinen, von Tag zu Tag schwinden.

Wir haben nicht die Kraft, nicht einmal das Recht, diesem unaufhörlichen Schrumpfen des letzten Besitzes zu wehren. Manchmal möchte es scheinen, als ob selbst der Wille dazu unter dem Druck der großen Hungersnot, der Beschränkung auf 1000 Kalorien, nachläßt, als ob unser Volk im Begriff steht, auf die Hoffnung selbst zu verzichten. Wir sehen, wie die Flüchtlinge immer noch in ihrer Untätigkeit verharren, wenn auch die letzte Habe, die sie aus dem Osten mitgebracht haben, sich langsam, aber unaufhaltsam aufzehrt. Die Hoffnung, daß die Zonengrenzen fallen werden, begegnet nach den bitteren Enttäuschungen des letzten Jahres immer größerem Zweifel. Der Geist des Unternehmers, der aus Trümmern und Restbeständen einen neuen Betrieb aufzubauen suchte, ist kaum mehr zu finden. Darf das sein? Muß das gar sein?