Am 4. Juli feiern die Bürger der Vereinigten Staaten ihren Nationalfeiertag. Vor 170 Jahren, am 4. Juli 1776, erklärten die Vertreter der 13 Kolonien zu Philadelphia ihre Unabhängigkeit vom englischen Mutterlande. In der von Thomas Jefferson, dem späteren Staatspräsidenten, verfaßten Erklärung wurde nicht nur die Grundlage für einen neuen Staat gelegt, der heute der mächtigste und reichste des Erdballs ist, sondern zugleich der Menschheit ein neues Ideal aufgezeigt. Nordamerika wurde zum Lande der Freiheit.

„Wir halten diese Wahrheit für uns selbst einleuchtend, daß alle Menschen frei und gleich geschaffen sind, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen. unveränderlichen Rechten begabt sind, daß darunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit, daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt sind, die ihre gerechten Vollmachten von der Zustimmung der Regierten ableiten, daß wenn eine Regierungsform diesen Zwecken schädlich wird, es das Recht des Volkes, ist sie zu ändern oder abzuschaffen.“

Welch unendliche, zündende Kraft ging von diesen Worten aus! Sie drangen in die Alte Welt und riefen die Vorkämpfer für die Freiheit die sich dem amerikanischen Volke zur Verfügung stellten, den Franzosen Lafayette ebensogut wie den Preußen Steuben. Sie riefen im Frieden die Millionen und Abermillionen von fleißigen Einwanderern, die den Urwald rodeten, die freien Flächen der Prärien besiedelten, Fabriken entstehen ließen und schließlich die gewaltigste Industrie aufbauten, die jemals auf Erden bestanden hat.

Wenn sich die Einwanderer aus Europa dem Hafen von Neuyork nähern, dann ist der erste Eindruck die gewaltige Freiheitsstatue, die riesige Gestalt, die ihnen die Fackel des neuen Lebens entgegenhält. Auf diesem Boden der Freiheit wuchsen sie, obwohl sie aus den verschiedensten Ursprungsländern stammen, dennoch zu einer einzigen Volksgemeinschaft zusammen, aus ihm allein stammten die Kräfte, die schweren ersten Jahre im fremden Lande mit den unendlichen Entbehrungen und Anstrengungen auf sich zu nehmen, um dann nach häufig unsagbaren Mühen aufzusteigen zu Wohlstand und Vermögen. Wie groß muß die Anziehungskraft dieses Zauberwortes gewesen sein, wenn es sie das Land der Väter, die Heimat ihrer Wiege, die Sprache, die ihre Mutter sie gelehrt, die ihnen vertraute Welt aufgeben ließ.

Nachträglich können wir Aufstieg, der Vereinigten Staaten von jenem 4. Juli 1776 bis heute verfolgen, von dem Häuflein von armen Kolonisten bis zur Weltmacht der USA, die heute die alles überragenden Flotten zur See und zur Luft ihr eigen nennen. Heute können wir fragen, worin das Geheimnis dieses Erfolges beruht. Zweimal haben die nordamerikanischen Heere in Europa einen Weltkrieg entschieden. Zweimal hat die nordamerikanische Industrie im kritischen Augenblick die Wende des Krieges herbeigeführt. War das jedesmal nur eine Folge äußerer Macht, das Hineinwerfen materiellen Gewichts in die Waagschale der Geschichte?

Die Welt der Vereinigten Staaten ist eine bürgerliche Welt. Sie war es von Anbeginn und ist es bis heute geblieben. Sie kannte nicht das Feudalwesen des Mittelalters oder des alten Europas bis zur Französischen Revolution, das teilweise bis ins 20 Jahrhundert hineingereicht hat. Selbst in den Gebieten, in denen sich ein aristokratischer Lebenszuschnitt entwickelte, in den Südstaaten mit ihren großen Baumwollplantagen und zahlreichen Negersklaven, entstand keine Adelsherrschaft im europäischen Sinne, gebunden an Herkunft, Namen und Überlieferung. Aus sich selbst mußte der einzelne alles schaffen. Was er besaß, hatten er oder seine Eltern und Voreltern dem jungfräulichen Boden abgetrotzt.

Hier sehen wir den großen Gegensatz der bürgerlichen Welt Amerikas zu der Europas. In der Alten Welt hatte sich auch ein Bürgertum entwickelt, aber es war einer doppelten Gefahr ausgesetzt: Nach oben zu schielen, sich Fürstenlaunen und Herrengunst anzupassen, und nach unten sich den – aufstrebenden Teilen des Volkes gegenüber abzuriegeln und auf gesellschaftliche Vorrechte zu pochen Liebedienerei und Erbengesinnung sind die beiden Klippen, zwischen denen das Bürgertum hindurchsegeln mußte. Wie viele sind der Versuchung erlegen? Wie viele hatten die Kraft in sich, den vielgerühmten und meist nur unzureichend vorhandenen Bürgerstolz vor Fürstenthronen zu bewahren, und wie viele pochten auf Vermögen, Erziehung und Berechtigungsscheine, um ihrer eigenen Unfähigkeit den Schutzwall zu errichten und das gesellschaftliche Erbe zu verteidigen?