Vorspiel zum Amphitryon von Molare

Von Reinhold Koester

Bemerkungen des Übersetzers

Es ist mir in der Geschichte der Literatur kein Fall bekannt, daß ein Schriftsteller denselben isländischen Autor zweimal übersetzt hätte – jedenfalls darf ich den merkwürdigen Ruhm für mich in Anspruch nehmen, der einzige zu sein, er in seinem Leben zwei Moliere-Übersetzungen gesschaffen hat. Daraus ergibt sich freilich die weniger rühmliche Folgerung, daß die erste (zum mindestens nach meiner Auffassung) nicht ganz zufriedenstellend ausgefallen sei. Eigentlich müßte ich also, um die zweite Übersetzungsarbeit zu rechtfertigen, die erste verurteilen –; aber das kann ich mit gutem Gewissen nicht tun. Ich sehe meine beiden Arbeiten mit den Augen eines Malers, der dasselbe Motiv, das er in der Jugend gemalt hat, im Alter noch einmal gestaltet; der Wert des Jugendbildes wird nicht dadurch herabgewürdigt, daß er das Alterswerk für die reifere und in sich vollendetere Arbeit hält.

Als ich im Jahre 1911 vom Georg-Müller-Verlag in München den Auftrag erhielt, an der (später im Propyläenverlag, Berlin, erschienenen) deutschen Gesamtausgabe der Werke Molières mitzuarbeiten, war das Versmaß von Herausgeber und Verlag schon festgelegt: man hatte, was heute schwerverständlich erscheint, den deutschen Alexandriner gewählt. Dagegen war nichts mehr zu machen; denn andere Mitarbeiter hatten bereits mit ihrer Arbeit begonnen. Aber jeder Theaterkundige hätte auch damals das Ergebnis – soweit es die Verskomödien anlangt – voraussagen können: die in deutschen Alexandrinern übertragenen Stücke konnten im besten Fall gut zu lesen sein, aber niemals die deutschen Bühnen erobern. Dies um so weniger, als damals die leichtflüssigen und bühnenwirksamen Übersetzungen Ludwig Fuldas schon vorlagen.

Und so war, als ich rund dreißig Jahre später den Auftrag des Atlantis-Verlages für eine neue Übersetzung Molièrescher Komödien annahm, die Frage des Versmaßes für mich insoweit entschieden, als der deutsche Alexandriner nicht in Betracht kommen konnte. Denn er ist ein undeutsches, weil nicht organisch aus der Sprache erwachsenes Versmaß, dessen Endreime stets klappern statt klingen und dessen harte männliche Zäsuren – zum mindesten für den Sprecher – unüberspringbare Fallgruben bedeuten. Einem Sprachgenie mag es (wie beim Hexameter) ausnahmsweise gelingen, in freier Dichtung diese starre Form zu bändigen und zu überspielen –; der an den fremden Text gebundene Übersetzer wird immer seine beste Kraft opfern müssen, um die im Versmaß liegenden Widerstände zu überwinden, und deshalb nie zu einer stilistisch ausgeglichenen sprachlichen Einheit gelangen. So blieb also nur die Wahl zwischen den auf der deutschen Bühne heimischen, reimlosen, fünffüßigen Jamben, demselben Versmaß mit streng aufeinanderfolgenden Reimen und freien und freigereimten jambischen Versen.

Als ich den ersten Übersetzungsauftrag erhalten hatte, war ich sofort nach Paris gefahren, um Molière in klassischer Form auf der Bühne der Comédie française zu erleben, deren Schauspieler damals noch Kostüme aus der Zeit Molières trugen, und die jeden Endreim der formvollendet sprechgesungenen Alexandriner geradezu schwelgerisch ausklingen ließen. Hier begriff ich auch, weshalb in fast allen Verskomödien Molières Nebenpersonen urplötzlich und dramaturgisch kaum motiviert zu langatmigen pathetisch-moralisierenden Reden ausholen dürfen –, es sind kleine Bravour-Arien, die dem Schauspieler vom Dichter zugedacht sind, damit er sich einmal ganz in den Vordergrund spielen kann. Das ist wörtlich zu nehmen, denn während dieser „Arie“ wurde in der Comédie française das Spiel auf der Bühne nahezu abgestoppt – und ebenso reagierten die Zuhörer, die den wohlgelungenen „Solovortrag“ des Schauspielers mitten in der Szene mit Sonderapplaus belohnten. Wohl aus dem gleichen Grund läßt Molière im „Menschenfeind“ Alcest das alte Volkslied „Si le roi m‘avoit donné...“ zweimal hintereinander deklamieren –; er gab sich selbst als Schauspieler die Möglichkeit, das Gedicht zum zweitenmal mit so unerwartet großer Steigerung zu bringen, daß daraufhin der Beifall auf offener Szene einsetzen mußte. Noch heute wird, wenn ich Molière lese, der Klang jener ersten Aufführungen in mir wach, die ich vor mehr als dreißig Jahren in Paris erlebte – und darum scheint mir auch in gereimte fünffüßige Jamben oder freie und freideutscher Übersetzung der Reim in Moliereschen Verskomödien unentbehrlich zu sein. Die nun noch offenstehende Entscheidung, ob aufeinanderfolgend gereimte Jamben, war leicht zu treffen –: warum das strengere und schwerer zu bändigende Versmaß wählen, wenn man damit weder dem Werk noch dem Leser oder dem Schauspieler diente?