Von H. W. Pick, London

Der Verfasser, hat sich um das geistige Wohltrieben und die Fortbildung unserer Kriegsgefangenen in England bemüht. Dabei ist er wiederholt Fragen wie der unserer Überschrift begegnet.

Wie steht es um die englische Presse? Was’sagt sie über die uns am Herzen liegenden Dinge? Diese Fragen werden heutzutage oft laut; sie sind auch völlig angebracht. Sobald ein Journalist, jedoch dargestellt hat, daß die „Times“ dies, der „Daily Herald“ das und die „Daily Mail“ jenes ausführt und vertritt, dann wird er meist mit der ein wenig ungeduldigen Frage unterbrochen – meist kommt sie von wißbegierigen jüngeren Menschen –: „Was sagt denn nun die amtliche englische. Presse? Wo finde ich die amtliche englische Antwort auf die uns bewegenden Probleme?“

Ja, wo finden wir sie? Die schlichte Antwort lautet: Nirgendwo. Der verdutzte Fragesteller hätte sich dies selbst sagen müssen, wäre er in einer freien Demokratie aufgewachsen, wäre er nicht eben erst von dem Alpdruck der nationalsozialistischen Gleichschalterei befreit worden. Es gibt keine „amtliche“ englische Presse – schon darum nicht. Weil im freien Spiel demokratischer Kräfte Regierungen wechseln und deshalb die Oppositionspresse von gestern sehr wohl die der Regierung nahestehende Presse von heute sein kann. Die englischen Parlamentswahlen des Sommers 1945 waren ein Schulbeispiel dafür: Wie sich die Arbeiterpartei durch Wahlbeschluß der Nation ans Ruder gebracht sah, so fand sich selbst ein so radikaler Gegner der Kriegskoalition unter Churchill wie das Wochenblatt „Tribüne“ plötzlich auf Seiten der neuen-Regierung, auf Seiten der Kräfte, die die Verantwortung für Englands Politik daheim und in der weiten Welt tragen.

Gibt es nicht dennoch so etwas wie eine „amtliche englische Presse“? Mag sie auch mit dem Regierungswechsel jeweils von der einen Gruppe von Zeitungen zu einer andern Gruppe hinüberwechseln. Auch dies fragt man oft mit etwas entwaffnender Hartnäckigkeit. Abermals lautet die gerade Antwort: Nein. Keine der drei wesentlichen englischen Parteien „besitzt“ ein Presseorgan – weder der konservative noch der liberale, noch der Führungsausschuß der Arbeiterpartei hat finanziell die Leitung einer Zeitung in Händen. Keiner der drei kann sich ihm „genehme“ Redakteure ausgehen, sie einsetzen, oder sie ausschließlich mit wesentlichen Nachrichten versorgen. Redakteure und Journalisten sind keine „registrierten“ Schreiber, wie sie es in dem Goebbelsschen Kulturkammerrummel waren. Wie selbstverständlich solche Grundwahrheiten für jedermann – Leser, Journalisten oder Beamte – in England sind und wie baß erstaunt ein Engländer wäre, wenn er sähe, daß man solche Selbstverständlichkeiten, die zum eigentlichen Lebensinhalt einer Demokratie gehören, erst grundsätzlich feststellen muß.

Es gibt Zeitungen, die der Opposition, und andere, die der Regierung aus Überzeugung und aus Überlieferung nahestehen. Der Leser muß im guten Sinne kritisch lesen. Wenn er jemanden äußern hört, daß „die englische Presse sagt...“, dann mag er den Sprecher unterbrechen: „Welche Zeitung sagt...?“ Wissen wir, auf welchem Boden jeweils ein Urteil gefällt wird, so haben wir den wesentlichen Schritt zu echtem Verständnis getan. Natürlich gibt es eine Geistigkeit, die allem Englischen gemein ist und von allen Zeitungen ganz unbewußt gespiegelt wird. Aber darum geht es uns hier nicht, sondern – um das Unterscheidende und Standpunktbedingte der Blätter und um ein paar praktische Winke, wie sie beim Lesen zu bewerten sind.

Die englische Presse, wie sie, heute erscheint, leidet an Papiermangel. Statt der früher üblichen zwanzig oder dreißig Seiten muß sie sich mit vier, die Sonntagsblätter abwechselnd mit sechs oder acht Seiten, der „Daily Telegraph“ mit sechs und die „Times“ mit acht bis zwölf Seiten begnügen. Dies ist wichtig zu wissen; es erklärt, warum so viele Dinge, die zum Beispiel des Deutschen tägliche Sorge sind, nicht immer ausführlich und regelmäßig behandelt werden, können.