Als auf der Pariser Konferenz die ersten Reparationsforderungen präsentiert wurden, schien es zunächst so, als ob auch auf diesem Gebiet die Welt aus der Geschichte nichts gelernt hätte. Allein von Italien wurden 32 Mrd. Dollar an Reparationen verlangt. Vier Länder hatten Milliardenforderungen angemeldet: Großbritannien 2,8 Mrd. Pfund, Jugoslawien 9,9 Mrd. Dollar, Griechenland 6,6 Mrd. und Albanien 1,1 Mrd. Dollar. Von allen Seiten liefen Rechnungen ein, so z. B. auch von Belgien, Mexiko und den Niederlanden, obgleich, wie von italienischer Seite bemerkt wurde, nie ein Kriegszustand zwischen Italien und diesen Ländern bestanden habe, ferner von Ägypten, Norwegen, Polen, Frankreich, San, Domingo usw. Von italienischer Seite wurde ferner eingewandt, daß die italienischen Investitionen in Albanien und Abessinien die Kriegsschäden bei weitem übertreffen.

Den meisten Rechnungen wurde allerdings die Bemerkung angefügt, daß nur dokumentiert werden sollte, was an Reparationen verlangt werden müßte und welcher Verzicht hingenommen werde. Großbritannien, die USA, Südafrika und China erklärten sogar, daß sie an Reparationen nichts erwarten; Indien und Brasilien teilten mit, daß sie nur das Verfügungsrecht über italienische Guthaben in ihrem Gebiet beanspruchen. Es zeigte sich somit sehr bald, daß sich die Reparationen in mäßigen Grenzen halten werden.

Im italienischen Vertragsentwurf wurde nur festgelegt, daß Italien an die Sowjetunion (in einem Zeitraum von sieben Jahren) 100 Mill. Dollar Reparationen zahlen muß. Auf der Pariser Konferenz wurde außerdem beschlossen, daß Italien an Jugoslawien und Griechenland je 100 Mill. Dollar und an Abessinien 25 Mill., also insgesamt 325 Mill. Dollar zu zahlen hat. – Finnland zahlt ab 19. September 1944 gemäß dem Waffenstillstandsvertrag für einen Zeitraum von acht Jahren 300 Mill. an die Sowjetunion. Für Rumänien gilt dasselbe; Ungarn zahlt an die Sowjetunion 200 Mill. sowie 100 Mill. an die Tschechoslowakei und Jugoslawien. Bulgarien zahlt an Rußland nichts, an Jugoslawien und Griechenland zusammen 125 Mill. Dollar.

Diese Beträge sind an sich nicht hoch, vor allem nicht im Vergleich zu den Schäden. So bemerkte Molotow. daß die von Finnland geforderten Reparationen nicht einmal die Schaden Leningrads ersetzen. Die gleichen Beträge bedeuten aber eine unterschiedliche Belastung für die Länder. Finnland begründet, wohl mit Recht, seine Revisionswünsche auch damit, daß es an die Sowjetunion dreimal soviel zahlen müßte wie Italien und fast denselben Betrag wie, Italien insgesamt. Die Reparationen bilden aber doch eine empfindliche Belastung, weil sie von einer daniederliegenden Wirtschaft aufgebracht werden müssen. Tatarescu legte z. B. ausführlich dar. wie der Wiederaufbau der rumänischen Wirtschaft durch die Reparationsleistungen gefährdet würde. Vor allem deswegen haben die Länder auf der Pariser Konferenz eine Revision, speziell ein Moratorium, gefordert: so Italien für fünf Jahre. Finnland wünscht, daß die Lieferungen auf einen längeren Zeitraum erstreckt werden oder der Gesamtbetrag ermäßigt wird, oder daß mehr Holz statt Fertigwaren abzugeben ist Es wurde aber nichts Wesentliches erreicht. Ungarn hat die Sowjetunion das Zugeständnis gemacht, daß die Lieferungen für die nächsten Jahre etwas ermäßigt and – dann (ab 1949 bis 1953) auf je 30 Mill. Dollar gebracht werden.

Zu den Reparationen kommen nun aber Forderungen, die sich noch nicht übersehen lassen und sich vielleicht als eine größere Belastung erweisen werden als die eigentlichen Reparationen. Es sind einmal die Forderungen auf Beschlagnahme des Eigentums der betreffenden Länder im Ausland und in den abzutretenden Gebieten – Forderungen, die vor allem gegenüber Italien eine große Rolle spielen –, und zweitens die speziell für Rumänien so wichtigen Forderungen auf Wiedergutmachung der Kriegsschäden an alliiertem Eigentum. Italien hat verlangt, daß diese in Artikel 69 des Vertragsentwurfs vorgesehenen Übertragungen völlig fortfallen und hat dagegen Einspruch erhoben, daß einige Länder die italienischen Guthaben schon als Reparationen beschlagnahmt haben. Es zeichnet sich eine Einigung dahin ab. daß diese Beschlagnahme nur erfolgen darf, soweit dadurch anerkannte Reparationsforderungen gedeckt werden, während der Überschuß freigegeben werden muß. Wenn sich diese Ansicht durchsetzen sollte, dann würden eventuell keine Sonderzahlungen neben die Reparationen treten, aber anderseits hält Großbritannien seine Forderungen aus Artikel 69 ausdrücklich aufrecht.

in der für Rumänien so wichtigen Frage der Wiedergutmachung der Schäden an alliiertem Eigentum riecht es unangenehm nach Petroleum. Die westeuropäischen Länder haben beträchtliche Petroleuminteressen in Rumänien. Sie verlangen nun gemäß einem britischen Vorschlag eine in ausländischer Währung zu zahlende Entschädigung für Kriegsschäden, die Wiederherstellung aller Eigentumsrechte. die Nachzahlung der Gewinne aus den Kriegsjahren, die Aufhebung des rumänischen Ölgesetzes aus dem fahre 1942 und die Änderung der Arbeitsgesetze, damit wieder Ausländer bei den Ölgesellschaften beschäftigt werden können. Hinzu kommen die vielen anderen Forderungen zugunsten westeuropäischer Banken, Versicherungsgesellschaften. Schiffahrtsgesellschaften usw. Polen verlangt sogar eine Rückgabe des von den polnischen Truppen 1939 nach Rumänien gebrachten Eigentums. Da die Unterlagen dürftig sind, weiß niemand genau, um welche Beträge es sich handelt Die Rumänen geben die Schäden in engerem Sinne mit mindestens 200 Mill. Dollar an und sträuben sich, sie anzuerkennen, zumal da diese Forderungen ins Uferlose anwachsen können. Sie werden unterstützt von den Russen, die die Forderungen auch als eine Beeinträchtigung der rumänischen Hoheitsrechte ablehnen. Vermittlungsvorschläge gehen dahin, daß nur ein Drittel der Schäden erstattet wird, und daß die Zahlung nur in rumänischer Währung zu leisten sei. Auch gegenüber anderen Ländern sind solche Forderungen unterbreitet worden. So lauten die Entschädigungsanträge ausländischer Firmen gegenüber Ungarn auf 250 Mill Dollar. Hinzu kommen neue Forderungen infolge; Verstaatlichung der Bergwerke und des Großgrundbesitzes Endgültiges wird hier wohl erst bei der Endredigierung durch die Außenminister der „Großen. Vier“ festgelegt werden. Eine weitgehende Einigung wurde erzielt über die Form der Leistung der Reparationen. Die angelsächsischen Staaten bestanden zunächst darauf, daß die Reparationen ausschließlich, aus den abzutragenden Kriegsfabriken und aus ähnlichen Produktionsmitteln geleistet würden, – aber Rußland forderte eine Bezahlung auch aus der laufenden Produktion und hat dies, weitgehend durchgesetzt, wenn auch gegenüber Italien erst vom dritten Reparationsjahr an. Hinzu kommt eventuell die>. Bezahlung aus italienischen Auslandsguthaben, aus italienischem Staatseigentum in den abzutretenden Gebieten, aus dem Schiffsbestand sowie aus den Gold- und Devisenbeträgen. Die eigentlichen Reparationszahlungen erfolgen vorwiegend oder vielleicht ausschließlich in Form von Sachlieferungen, was allgemein als ein großer Fortschritt angesehen wird

Die Sowjetunion hat als Hauptfordernder die Sachlieferungen Finnlands, Rumäniens und Ungarns schon weitgehend festgelegt. Die Sachlieferungen Italiens werden in einem zweiseitigen Abkommen niedergelegt. Die Sowjetunion hat bei der Festlegung der Sachlieferung auf die augenblickliche Leistungsfähigkeit der Industrie wenig Rücksicht genommen. So muß Finnland sogar; um die geforderten Maschinen und Schiffe liefern zu können, eine eigene Industrie neu errichten. Die Sowjetunion betrachtet dies als einen Vorteil für Finnland, aber Finnland sieht darin für die heutige Zeit eine große Erschwernis und ist außerdem besorgt, weil die neuen Fabriken wohl künftig von Rußland als Abnehmer abhängig sein werden...

Die durch diese Lieferung entstehenden Bindungen sind für den künftigen Welthandel von großer Bedeutung. Das Gesicht dieser Länder wird mehr auf die Sowjetunion hingerichtet werden, zumal da Rußland den Hauptteil der Reparationen erhält. Weitere Bindungen entstehen dadurch, daß Rußland sich verpflichtet hat, Rohstoffe für die Herstellung der Fertigwaren zu liefern, ja Italien im Vertragsentwurf verpflichtet wurde, diese – Rohstoffe von Rußland zu beziehen, was auf der Konferenz Proteste der anderen Rohstofflieferanten auslöste. Italien ist als Käufer von Rohstoffen für sieben Jahre im Rah men der Reparationslieferungen gebunden, und diese Bindungen werden erfahrungsgemäß auch später bestehenbleiben. W. G.