Von Hans Galperin

Das Gespräch über die geistige Erneuerung Deutschlands ist trotz aller Enttäuschungen immerhin so weit in Gang gekommen, daß sich die hauptsächlichsten Themen abzeichnen. Sie heißen: Weltfrieden, östliche oder westliche Demokratie, Sozialismus, Existenzphilosophie und – Surrealismus. Um den Surrealismus wird in den Westzonen vielleicht am temperamentvollsten debattiert. Gestritten muß man wohl schon sagen. Die Gegensätze, die hier aufeinanderprallen, stammen nicht erst aus der Liquidierung des Nationalsozialismus. Sie sind älter. Vor allem aber hat der Deutsche hier das Bewußtsein, daß seine Meinung in diesem Falle nicht nur theoretische Bedeutung hat.

Es geht nicht um die Frage der Anerkennung der modernen Kunst durch das Publikum. Diese Frage ist so alt wie die Kunst. Jede Erörterung allerdings wird dadurch erschwert, daß unsere Einstellung zu allen Dingen der Kunst durch die überlieferte klassisch-europäische Erziehung beeinflußt wird. Sie ist für die Erschwerung des Verständnisses der neuen Kunst in höherem Grade verantwortlich als der Ungeist und die Intoleranz der kurzen 12 Jahre nationalsozialistischer Herrschaft. Es ist darum zweierlei notwendig: der immer wiederholte Hinweis darauf, daß die uns geläufigen Formen der letzten 500 Jahre nur einen kleinen Ausschnitt aus dem unübersehbaren Schatz künstlerischer Möglichkeiten darstellen und mehr noch der Nachweis des geistig-seelischen und entwicklungsmäßigen Zusammenhangs der „Modernen“ mit der Kunst der Vergangenheit.

Der Surrealismus ist der Durchstoß durch die „strahlenden Akkorde“ des Impressionismus, durch das gequälte Stöhnen der Naturalisten und die aufreizenden, gehackten Rhythmen des Expressionismus zu schmerzender aber neuer Klarheit. Im Impressionismus erreichte das Abendland zum letzten Male einen geschlossenen Ausdruck seines Empfindens und Wollens. In Übereinstimmung mit der analytischen Weltergreifung des 19. Jahrhunderts stand die Herrschaft des Eindrucks in der Kunst. Die Sehnsucht nach größerer Erdennähe führte bereits nach zwei Jahrzehnten zur „wahrheitsgetreuen“ Wiedergabe der Natur. Die Sehnsucht nach der Ferne und Weite des Kosmos ersetzte den Eindruck durch Sinnbild und Traum. Von den Naturalisten und Symbolisten führte die Entwicklung weiter zum Expressionismus und zur Neuen Sachlichkeit Corbusiers, des Bauhauses und der Futuristen, während sich zugleich auf dem weltanschaulichen Gebiet Phänomenologie und Psychoanalyse zum Wort meldeten und ihre Spuren in den Künsten hinterließen. Im Ringen nach deutlicherem Ausdruck war an die Stelle des Traumes die Stimmung, besser die Gestimmtheit getreten. Man entäußerte sich ihrer naturalistisch wie George Grosz oder Walter Hasenclever, sinnbildlich wie Ernst Barlach oder Gerhard Marcks oder auch sachlich abstrakt wie Georg Kaiser, Kandinski, Fernand Léger oder die Kubisten. Stets aber standen den Expressionisten nur zwei Ziele zur Auswahl: der Welt das Gesicht des Menschen aufzuprägen oder sie zu zerstören. Die Zeit, die von solchen Kämpfen erregt und erschüttert wurde, liegt nun schon fast ein Menschenalter zurück. Bei der Wiederbegegnung mit den Expressionisten war für die ältere Generation wohl das Erstaunlichste, wie vertraut und geradezu „klassisch“ diese einst viel umstrittenen Bilder van Goghs, Edvard Munchs, Beckmanns und Pechsteins wirkten. Auch der Expressionismus liegt heute säuberlich rubriziert und abgeschlossen als ein „Stil“ vor uns, und das heißt: er liegt hinter uns. Die Welt ist zerstört. Die Menschheit hat den letzten Dingen Auge in Auge gegenübergestanden, wie die Expressionisten es mehr als einmal geweissagt hatten. Der Mensch weiß ohne Illusion, daß er sich in einer totalen Krise seiner Existenz befindet. Es brauchte dazu keiner Atombomben mehr. In dieser Lage ist kein Raum für einen Kult des Augenblicks, für Träume und Stimmungen, aber auch nicht mehr für eine bürokratische Diesseitigkeit. Zu sehr hat das Jenseitige in unser aller Leben hineingegriffen. Der Mensch hat vom hohen Roß positivistischer Überheblichkeit heruntersteigen müssen und weiß, daß nicht er das Maß der Dinge ist. Worauf kommt es da an? Die Menschheit muß aus dem Trümmerhaufen neue Bausteine für den Wiederaufbau zusammentragen, und sie muß das Gesicht der Welt in seiner völligen Nacktheit erkennen. Vielleicht wird dann dahinter irgendwann auch das vergessene Antlitz Gottes wieder sichtbar. Diese Aufgabe zu lösen ist das Ziel des Surrealismus.

Unwillkürlich denken die meisten bei diesem Namen an die Herausforderung durch Gebilde aus alten Garnspulen, Blechresten und anderen Leihgaben des Kehrichthaufens, die Älteren vielleicht an Kurt Schwitters „Drahtfrühling“. Vorstellungen wie „entartete Kunst“, Kinderkritzelei tauchen auf und versperren von vornherein jeden Zugang. Dabei hat der Surrealismus eine durchaus respektable, bürgerliche Ahnenreihe. Wenn wir nicht zu weit zurückgehen und von den „magisch“ empfundenen Darstellungen an den Mauern und Portalen der romanischen Kirchen absehen wollen, so mögen doch diese Namen von Vertretern einer „überwirklichen“ Kunst genannt werden, die jeder kennt: Hyronimus Bosch, Breughel, Rembrandt siehe van Loons Buch „Der Überwirkliche“), Goya, Caspar David Friedrich, Cézanne. Sie alle versuchten, den schönen Schein der äußeren Wirklichkeit zu durchstoßen und zur eigentlichen Wirklichkeit zu gelangen, zur Überwirklichkeit. Sie begnügten sich nicht damit, das wiederzugeben, was die gesehen hatten. Sie wollten klarer sehen, schärfer und deutlicher, und darum begannen sie zu experimentieren, die Augen zu schließen (vielleicht wird man dann weniger abgelenkt und getäuscht). Oder sie rissen sich das Auge ganz aus, wenn es sie ärgerte. Aus einem ähnlich zugespitzten Wahrheitsdrang entsteht die Karikatur. Wer oberflächlich hinsieht, mag Breughels Blinde oder Goyas Capricios, mag den Don Quijote des Cervantes für Karikaturen halten, wie es heutzutage nicht anders Zeichnungen von Jean Cocteau oder Schäfer-Ast, Gedichten von Ringelnatz oder einer Aufführung der „Dreigroschenoper“ ergehen mag. Die als Beispiele angeführten Namen zeigen, daß auch hier bildende Kunst und Literatur die gleichen Erscheinungen aufweisen. Der Surrealismus hat nicht nur Malerei und Plastik ergriffen. Man kann sogar sagen, daß er in der Literatur älter ist, denn dort wuchs er bereits im 19; Jahrhundert aus der Romantik E. Th. A. Hoffmanns, Puschkins und E. A. Poes und aus dem gesteigerten Realismus Stendhals, der Russen und Joseph Conrads heraus, und er begegnete uns neuerdings in den immer größere Anerkennung findenden Gestaltungen von Faulkner, Thomas Wolfe, D. H. Lawrence und Franz Kafka. Von hier aus, von der Dichtung und vom Wort her, wird auch am besten ein Zugang zum Überwirklichen in der neuen Malerei gefunden werden können.

Sie hat dieselben Wurzeln: den Realismus des 19. Jahrhunderts (man denke an Courbets „Welle“), daneben den Expressionismus, die Psychoanalyse und de Neue Sachlichkeit. Ein ganz anders gearteteter Wille und eine andere Einstellung zum Metaphysischen – man muß sie wohl im Bereich der Existenzphilosophie und der Tiefenpsychologie C. G. Jungs suchen – haben jedoch aus diesen Erbanlagen ein völlig neues Erscheinungsbild entstehen lassen. Namen wie Picasso, Braque, Juan Gris, Marc Chagall (er hat übrigens Gogols „Tote Seelen“ illustriert), Georgia O’Keeffe, aber auch Franz Marc und Emil Nolde umschreiben es. Auch der frühe russische Film eines Eisenstein und manches im gegenwärtigen amerikanischen Drama („Leuchtfeuer“) weisen surrealistische Züge auf.

Erst aus der gemeinschaftlichen Betrachtung der bildnerischen und literarischen Züge des Surrealismus ergeben sich Erkenntnisse vom Wesen dieser Bewegung. Der Surrealismus ist weder Individualist mus noch Kollektivismus, weder Gesellschaftskritik noch „l’art pour l’art“-Begeisterung, sondern eine gemarterte Sensibilität, die ideologisch einen Zusammenhang mit der Romantik nicht verleugnet. Es ist darin der harte Wille der Aktivisten, das Hohngelächter der Untergang-Geweihten und die Gläubigkeit der Mystiker. Es ist darin die Repräsentation einer Gesellschaft, die durch die Hölle gegangen ist, und die Agonie des Durchschnittsmenschen. All das aber ist erlebt in der letzten Isolierung des Menschlichen. Es ist die Flucht der Materialisten vor dem Materialismus, wie sich der Amerikaner Kazin ausgedrückt hat, aber es ist auch zugleich die Flucht der Romantiker vor der Romantik. Das Erlebnis des Surrealismus ist religiöse Inbrunst, die aber keine Religiosität ist, manchmal sogar blasphemische Züge trägt. Auf jeden Fall ist dies Erlebnis Intensität bis zur komischen Übertreibung, „Ausdruck irgendeiner unkontrollierbaren Kraft, die sich über alle sichtbaren Objekte ausbreitet“ (Kazin). Das Ziel des Surrealismus ist die Reaktion gegen die bloße Registrierung der Auflösung durch einen nüchternen oder erregten Außenweltrealismus, der Widerstand gegen die „Degradation und Prostitution des lebendigen Mysteriums in uns“ (D. H. Lawrence), der Kampf gegen „Narrenbigotterie, Narrenignoranz, Narrenfeigheit“ (Thomas Wolfe), der Wille, die bestehenden Werte außer Kraft zu setzen (wo hörten wir das schon einmal?) und aus diesem Chaos um sich herum eine Ordnung zu machen, die seine eigene ist, Widerspruch und Gärung zu verbreiten, damit durch die emotionale Befreiung den Toten das Leben wiedergegeben werde“ (Henry Miller).