Von Jan Molitor

Länder können durch Waffengewalt, aber Menschen nur durch die Gewalt der Liebe erobert werden. Als sie vernahmen, daß auf dem Kontinent nach der Zeit der Tyrannis und der Kriegsnot das große Elend angebrochen sei, beschlossen tatkräftige Engländerinnen, nach Deutschland zu gehen. Sie wollten helfen. Wie denn? Das gibt es noch in einer Welt, in der Verfügungen mächtiger scheinen als menschliche Herzen?

Ein solcher Mensch des Mitgefühls und der Liebe, er wirkte früher, da es den meisten Menschen gut oder wenigstens erträglich ging, wie ein Engel, ein wenig blaß, blutarm und ein wenig nutzlos. Heute hingegen wirken die Mitfühlenden wie Originale, ein wenig seltsam, eigensinnig, ein wenig unverständlich, doch mit unheimlich magnetischer Kraft begabt, Menschen an sich heranzuziehen, ihnen den innerlichen Krampf zu lösen und sie wieder werden zu lassen, wie die Menschen eigentlich von Natur aus sind oder sein müßten, nämlich: frei und gut.

Da ist Miss Houd. Fürwahr, keine Figur aus einer Zeit, da die Engel von einem Raffael in gemeinsamer Arbeit mit einem Pariser Modeschöpfer entworfen zu sein schienen. Miss Houd könnte mit Daumier sagen: „Ich bin aus meiner Zeit.“ Dieser Engel in derbem Tuch wird nicht in einer Sänfte einhergetragen, sondern die Bürger Hamburgs sehen sie am Steuer ihres Jeep durch die Stadt fahren. Wenige kennen sie bei Namen, und vielleicht paßt es ihr in keiner Weise, in der Öffentlichkeit genannt zu werden, aber viele kennen diese Frau mit der gesunden Gesichtsfarbe und dem leicht ergrauten Haar von alltäglicher Begegnung, und wenn es eine Popularität vom Ansehen gibt, dann ist Miss Houd in Hamburg populär.

Sie braust mit ihrem Lastwagen einher, der keine Soldatenausrüstung, sondern Liebesgaben geladen hat, als säße ein wetterfester Sergeant am Steuerrad. Jüngst nahm sie wohl sogar eine Kurve so stürmisch, daß sie aus dem Fahrzeug fiel und dabei zu Schaden kam. Sie schimpfte – so heißt es – und lachte zugleich. Warum auch nicht? So originell sehen heute die Engel aus, und es ist gut, daß es noch welche gibt. Was tat sie einst, als noch keine Verbindung zwischen der englischen und amerikanischen Zone bestand? In München lag ein junger deutscher Flieger verwundet auf den Tod. Er rief nach seinen Eltern in Hamburg. Einreise nach Bayern? Unmöglich! Verfügungen, Verordnungen! Aber Miss Houd war es möglich, mit ihrem Lastwagen, begleitet von einem Sanitäter, nach Bayern zu fahren und den verwundeten jungen Flieger nach Hamburg zu bringen: Ihr war es möglich, weil Mitgefühl ihr den Fahrbefehl geschrieben. Und das geschah zu einer Zeit, da es mancher ihrer Landsleute für nötig hielt, die Pistole zu entsichern, wenn er sich mutterseelenallein drei Schritte von der Unterkunft entfernte. Mut zu haben, ehrt heute die Hilfsbereitschaft mehr denn je. Es heißt auch, daß immer allerlei Drolliges passiert, wenn Miss Houd tagelang im unbekannten Deutschland unterwegs, ist. Offenbar gehört es ebenfalls zum Bilde des Engels in dieser Zeit, nicht nur Freimut sondern auch Humor zu haben.

Seltsam! Wir sind im „Sunside Children Home“ und sprechen von Miss Houd, die kaum etwas mit diesem Haus zu schaffen hat, es Sei denn gelegentlich in ihrer Eigenschaft als Kraftfahrerin. Aber es ist die Stunde der Erholung, die Kinder sind zu Bett gebracht, und man muß auch einmal von andern Dingen sprechen als von den Sorgen, die allen gemeinsam sind. Und ist es nicht dasselbe Thema, ob wir von Miss Houd erzählen oder von der Hausherrin, der „Matron“ des Kinderheims, nämlich von Miss Harvey, die eben dabei ist, den Kindern, wie allabendlich, den Gutenachtkuß zu verabreichen?

Allerdings, Miss Houds Gestalt ist so eindringlich in ihrer Originalität und Einfalt, daß wenige Konturen geringen, ihr Bild deutlich zu machen. Bei Miss Harvey ist dies nicht so leicht. Sie ist die kompliziertere Natur. Das Damenhafte überwiegt das Originelle, das nichtsdestoweniger vorhanden ist. Sie küßt die Kinder vor dem Schlafengehen und ist mehr Engel als Original. Aber beiden Engländerinnen ist gemeinsam, daß sie nicht wegen eines „Jobs“ nach Deutschland kamen, sondern um zu helfen, zu lindern. Beide traten in die Reihen der „Salvation Army“, zogen Uniform an, obwohl sie eigentlich wenig davon hielten, uniformiert zu sein; beide fanden erst, nachdem sie in Deutschland angekommen, die ihnen gemäße Weise, in der sie. am besten helfen konnten. Jene führt ein Autosteuer, diese gründete ein Heim, in dem Hamburger Kinder, die vom Hunger in ihrer Gesundheit bedroht sind oder bereits zu Schaden kamen, gepflegt und gefüttert, verwöhnt und behütet werden. Ein Heim für Kinder, die wenigstens für Wochen, wenigstens bis zu ihrer Kräftigung an der Sonnenseite leben sollen. So der Name: Sunside Children Home...