Im Europa der Vorkriegszeit gab es bei Bündnisabschlössen eine typische diplomatische Gepflogenheit. Die vertragschließenden Parteien beeilten sich, der Umwelt zu versichern, daß ihr Vertrag gegen niemanden gerichtet sei. Der Vertrag von Dünkirchen enthebt die Diplomaten dieser Geste. Er richtet sich ausdrücklich gegen Deutschland, das in ihm als der in Europa offenbar allein mögliche Angreifer von morgen betrachtet wird, nachdem es nun einmal der Angreifer von gestern gewesen ist. In seiner erklärten Abstellung auf eine deutsche Gefahr ist er der Triumph der französischen These. Und Frankreich, das sich offenbar nicht völlig von dem Stoß erholt hat, den es durch die Ereignisse von 1940 erhielt, vermag auch bei gesteigerter Einbildungskraft nun ruhiger zu leben. Es weiß England hinter sich in der Verpflichtung auf 50 Jahre, „mit Maßnahmen des gegenseitigen Beistands im Falle eines erneuten deutschen Angriffs zusammenzuarbeiten“. Ja, mehr noch, es kann auf England sogar im präventiven Sinne rechnen, dann nämlich, wenn es sich darum handelt, durch Maßnahmen einer beginnenden Gefahr vorzubeugen. Das ist mehr, als je ein Poincaré erhalten hat.

Für uns, die wir sowohl über unsere Absicht, wie über unsere Möglichkeit, wieder gefährlich zu werden, eine andere Ansicht haben als die Franzosen, bedeutet dieses Bündnis vielleicht die Beseitigung des Phantoms, dem man in Paris nachjagt. Insoweit dies eintritt, können wir dies Bünd- nis nur begrüßen und uns von ihm eine heilsame Wirkung versprechen. Eine Entspannung des übersteigerten Sicherheitskomplexes, unter dem Frankreich heute leidet, ist für eine konstruktive-europäische Politik geradezu eine Voraussetzung. Aber die Tatsache, daß man, um hierin endlich voranzukommen, zu dem Bündnis von Dünkirchen hat greifen müssen, hat auch eine nicht unbedenkliche Seite. Und es fragt sich durchaus, ob ein späteres geschichtliches Urteil auch für Europa und die Welt das Bündnis als einen so konstruktiven Beitrag empfinden wird, wie dies die französische und britische Presse heute tut. Sein Abschluß fällt in eine Epoche, in der es das proklamierte Ziel der großen Siegermächte war, die Sicherheit der Welt auf die Organisation und die Machtmittel der UNO zu gründen. Wird man es aber als einen Vertrauensbeweis für die UNO, für das Funktionieren ihres Systems auslegen können, wenn heute zwei der Großen Vier sich zum Abschluß eines Bündnisses genötigt glauben, das nach Inhalt und Form, nicht allein an die unselige Bündnispolitikder Kabinette vor dem ersten Weltkriege erinnert, sondern ungeachtet der Existenz der UNO erklärt:

„Die Vertragschließenden halten es für äußerst wünschenswert, daß ein Vertrag zwischen allen Mächten abgeschlossen wird, denen hinsichtlich Deutschlands eine Verpflichtung obliegt, mit dem Ziel, Deutschland zu hindern, wieder, eine Bedrohung für den Frieden zu werden.“ Wird dies System zusätzlicher Sicherungen bündnispolitischer Art abseits der UNO nicht auf den politischen Kredit der UNO selbst ähnliche Wirkungen haben, wie die verschiedenen großen und kleinen Ententen es für den Völkerbund hatten, den sie zur Zweitrangigkeit verurteilten? Hat nicht auch der Völkerbund nach dem ersten Weltkriege seine moralische und praktische Schwächung nicht zuletzt gerade dem Streben der Mächte zu verdanken, die sich – voran auch damals Frankreich – genötigt glaubten, ihr eigenes machtpolitisches Sicherheitssystem auf dem Bündniswege aufzurichten? Wird man eine Entwicklung als konstruktiv empfinden dürfen, die mit Rücksicht auf die verzweiflungsvoll unwandelbare Geisteswelt an der Seine es in Kauf nehmen muß, vielleicht den großen Gedanken der UNO als alleiniger Grundlage der Weltsicherheit zu schwächen?

Aber auch der Wortlaut des Vertrages von Dünkirchen selbst enthält Bestimmungen, die in der Vielfalt ihrer Auslegungsmöglichkeit nicht ohne Gefahren sind und jedenfalls an die Moral der Partner hohe Ansprüche stellen. Die Vereinbarung, „geeignete Maßnahmen einzuleiten mit dem Ziel, eine beschlossene. Aktion durchzuführen“, falls einer der Bündnispartner „geschädigt wird, indem Deutschland es unterläßt, irgendeine Verpflichtung wirtschaftlichen Charakters zu erfüllen“, ist ein solcher gefahrvoller Punkt des Vertrages. Er birgt die Erinnerung an Sanktionen. Das tiefe Mißtrauen, mit dem dieser Passus des Vertrages im deutschen Publikum aufgenommen wird, wäre geringer, lägen nicht noch in jüngster Zeit zahlreiche maßgebliche Äußerungen vor, die beweisen, daß man bei einem der Bündnispartner, nämlich Frankreich, nicht auf Wohlwollen, sondern auf die erklärte Absicht wirtschaftlicher Niederhaltung zu rechnen haben werde. Obgleich Frankreich als Mitglied der UNO jener Organisation angehört, die sich auf das Streben nach einem Lebensstandard des Wohlstandes in allen Ländern der Welt verpflichtet hat, ist noch zu gut in aller Erinnerung, daß Außenminister Bidault erst am 28. Februar erklärt hat, die deutschen Fabriken und Stahlwerke müßten auf einem tiefen Stand der Produktion gehalten werden. Ein solcher Geist wäre auch für das Bündnis von Dünkirchen eine schwere Belastung. Erst die Zukunft kann zeigen, ob in Dünkirchen Frankreich gesiegt hat, oder Europa. v. De.